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Aktionäre Allgemeines Gejohle

Ein Millionenerbe ärgert die Vorstände der Großkonzerne: Er unterstützt mit seinen Anteilen kritische Aktionäre.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Zwischen Papierstößen und monströsen Ölbildern, die ihm sein Vater hinterlassen hat, sitzt der Millionenerbe und wundert sich. »Es war ganz einfach«, sagt Henry Nold mit fast kindlicher Freude, »ein Anruf genügte.«

Ein kurzes Gespräch mit dem Banker - und schon hatte Nold, 30, genau 20 000 Aktien des Pharmakonzerns Merck für über eine Million Mark gekauft. »Damit setze ich den Standort Erde auf die Tagesordnung der nächsten Hauptversammlung«, sagt er.

Die Vorstände von Konzernen wie Merck, Deutsche Bank oder RWE werden sich noch wundern. Nold besitzt etwas, wovor auch die Konzernherren Respekt haben. Von seinem Vater erbte er große Aktienpakete wichtiger Kapitalgesellschaften. Und die will er einsetzen, »um den Schwachen unter die Arme zu greifen«.

So mußte die Deutsche Bank ihren Aktionären in den vergangenen Wochen ungewöhnliche Post zuschicken. Das Geldhaus solle »keine Geschäfte mit Rüstungsgütern, Atomenergie, Gentechnik oder chemischem Pflanzenschutz« finanzieren, heißt es da. 25 Prozent des jährlichen Gewinns müßten für Menschen bereitgestellt werden, die durch Kredite und Beteiligungen der größten deutschen Bank »gesundheitlich geschädigt wurden«.

Mit Hilfe der Noldschen Aktien hat der Dachverband Kritischer Aktionäre zwölf Themen auf die Tagesordnung der Hauptversammlung gesetzt, die in der Welt von Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper kaum Platz haben werden. Dennoch müssen sie am nächsten Dienstag gleichberechtigt neben der Feststellung des Gewinns und der Entlastung des Vorstands diskutiert werden.

160 000 Deutsche-Bank-Aktien hatte der Vater Nold hinterlassen. Um die ihm wichtigen Tagesordnungspunkte durchzusetzen, kaufte der Junior noch einmal 40 000 Aktien im Wert von mehreren Millionen Mark dazu.

Schon denkt der Darmstädter über weitere »Aktionen« nach. Einige sind bereits fest geplant: Die Hauptversammlung der Merck KGaA muß über eine Satzungsänderung diskutieren.

Danach soll der Pharmakonzern versprechen, fortan »keine gesundheitsgefährdenden oder umweltschädigenden Produkte und keine irrationalen Arzneimittel« zu produzieren. Und der fast ausschließlich von Männern besetzte Aufsichtsrat der Deutschen Bank muß Stellung beziehen, warum er eine paritätische Frauenquote in einem der machtvollsten Gremien der deutschen Wirtschaft ablehnt.

Natürlich weiß Nold, daß er »gegen die Honecker-Mehrheiten von 99 Prozent« in den Hauptversammlungen wenig ausrichten kann. Doch die Vorstände nehmen ihren unkonventionellen Anteilseigner, der die Abläufe durcheinanderbringt, ernst. Bayer-Chef Manfred Schneider ließ bei Nold anfragen, ob der einen Termin für Friedensverhandlungen frei habe.

So leicht läßt sich der Millionenerbe, der mit 2500 Mark im Monat auskommt, nicht vereinnahmen. Ihn beeindruckt der Konsumentenschützer José Angel Tolentino aus El Salvador mehr, der auf der Bayer-Hauptversammlung »gegen die schlimmen Pestizide von Bayer« protestierte.

Widerstand hat Tradition im Haus der Familie Nold, die den Grundstock ihres Vermögens mit dem Kohlehandel legte. Vater Erich Nold agitierte mit soviel Resonanz gegen die Zustände in deutschen Unternehmen, daß der SPIEGEL (10/1958) dem umtriebigen »Wespenmenschen« eine Titelgeschichte widmete.

Für das »Recht der geknechteten Aktionäre« funktionierte Nold viele ehrwürdige Versammlungen wohlbeleibter Herren im vorgerückten Manageralter in eine Art Catcherveranstaltung um. »Ein paar agitatorische Temperamentsausbrüche schaden gar nichts«, pflegte der erste Volkstribun auf deutschen Aktionärsversammlungen zu sagen. Oft gingen seine Redebeiträge im allgemeinen Gejohle unter.

»Wenn Sie lachen wollen, dann gehen Sie ins Kino. Hier beantworten Sie meine Fragen«, schmetterte Nold senior Hermann Josef Abs entgegen, der als Vertreter der Deutschen Bank in 23 Aufsichtsräten saß. In seinem Bericht notierte er später stolz: »Ich kann Ihnen sagen, das Publikum war mucksmäuschenstill und hat nur den Mund offen gehabt.«

Trotz manch überspannter Polemik verstand der alte Nold etwas vom Geschäft. So konnte er neben einigen Häusern Aktienpakete im Wert von 100 Millionen Mark weitervererben, ein Teil davon allerdings auf Pump finanziert.

Offensichtlich hat auch der junge Nold in der Opposition zum Establishment seine Bestimmung gefunden. Nach seiner Zeit als Unteroffizier bei der Bundeswehr versuchte er sich drei Semester in der evangelischen Theologie, jobbte als Schlafwagenschaffner und kellnerte als Steward bei der Lufthansa. Der Vater verschaffte ihm eine Lehre bei der Berliner Bank. Der Vorstandsvorsitzende dieses Kreditinstituts war seinem Großaktionär offensichtlich einen Gefallen schuldig. Doch die Ausbildung fruchtete wenig.

»Ich habe niemals«, sagt der Sohn heute, »eine Zeit so verachtet wie die während meiner Banklehre.« Kurz vor Ende stieg er aus. Dann starb der Vater.

Als Nold junior Anfang des Jahres die Depots seines Vaters durchforstete, überfiel ihn die Panik. Der Senior hatte in erheblichem Maß auf Kredit spekuliert. Das war dem abgebrochenen Banklehrling zu heiß: Er verkaufte in den vergangenen Monaten große Aktienpakete.

In die Aktien des Pharmaunternehmens Merck ist Nold dagegen voll eingestiegen. »Der Preis war mir schnuppe«, sagt der Erbe. Aber das Unternehmen schädige durch Grundwasserentnahmen den Wald seiner Heimatstadt. Das will der Darmstädter auf der nächsten Hauptversammlung zur Sprache bringen.

Auf Nolds Drängen kümmern sich nun auch die Kritischen Aktionäre um den Pharmakonzern. Die traditionellen Aktionäre finden ein solches Engagement völlig deplaziert.

»Sein Vater würde sich fünfmal im Grab herumdrehen«, sagt Christian Strenger, Chef der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Die Hauptversammlungen seien vorrangig dafür da, den Vorständen klarzumachen, daß sie langfristig eine anständige Rendite erwirtschaften müssen.

Diese Definition ist Nold junior entschieden zu eng. Er kassiere das Geld gern, »aber ich bekämpfe, was hinter der Dividende steht«.

* Auf der Rheinstahl-Hauptversammlung in Essen 1968.

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