Wirtschaftsgeschichte Ohne Köhler kein Fortschritt

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa den Köhler.
Köhler mit Gesellen bei der Arbeit am Meiler: Romantisches Berufsbild

Köhler mit Gesellen bei der Arbeit am Meiler: Romantisches Berufsbild

Foto: Irmela Schautz

Köhler: Mann, der Holz zu Holzkohle schwelte

Erkennungszeichen: geschwärztes Gesicht, lebte in der Abgeschiedenheit der Wälder

Aktive Zeit: seit der Bronzezeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts

Als es im 19. Jahrhundert in Deutschland Mode wurde, die Volksmärchen, die alten Sagen und Legenden neu zu entdecken, und mancher in abgelegene Gegenden wanderte, um dort noch die gute alte Zeit zu erleben, da packte auch den Dänen Hans Christian Andersen die Lust. Und er fuhr in den Harz, um dort mit all seinen Sinnen in eine Romantik einzutauchen, die er zu finden hoffte - und auch fand:

"Wir kamen tiefer in den Wald hinein, der Weg begann sich nach dem Brocken hinan zu schlängeln, die sinkende Sonne konnte nicht durch das dichte Nadelholz dringen. Rund umher lagen Kohlenmeiler, die Alles in einen bläulichen Rauch hüllten, das Ganze bekam ein ruhiges, wunderbar romantisches Gepräge; es war ein Gemälde, das die Seele wehmütig stimmte."

Andersen, Bechstein, namenlose, wohlbetuchte Sommerfrischler, ja selbst der König, sie alle zogen los, hinein in den Wald, um dort Köhler aufzusuchen und bei ihnen Authentizität zu finden - angesichts einer Welt, die immer komplexer wurde. Der Köhler erschien ihnen als die Manifestation des überschaubaren, einfachen Lebens; dieser kernige Naturbursche, der alleine im Wald hauste, der so bescheiden und mit sich und der Welt zufrieden an seiner Pfeife zog. Auf Gemälden dieser Zeit und auf den ersten Fotografien war der Köhler ein beliebtes Motiv. Man fotografierte sich selbst zusammen mit ihm und erzählte zu Hause, welche wunderbaren Märchen diese Männer zu erzählen wussten. Das Bild, das von den intellektuellen Besuchern wiedergegeben wird, entspricht nur bedingt der Wahrheit und ist voller Pathos:

"Die Köhler werden oft genug alt bei ihrem Gewerbe. Aus ihren schwarzen Gesichtern strahlt ein fröhlicher Blick, Augen wie Brillanten, Zähne wie Elfenbein, was alles nur ein gesundes Blut geben kann. Ihr Leben hat etwas Ähnliches wie das unserer Seefahrer. Und wenn man den großen Wald wohl das Meer des Binnenlandes genannt hat, so könnte man die Köhler als Matrosen dieses Meeres bezeichnen. Mir scheint auch, dass ihr ruhiges, geduldiges und etwas phlegmatisches Wesen ein wenig an den Charakter unserer Schiffer erinnert."

Die Köhler waren tatsächlich die einzige Berufsgruppe, die sich erlauben durfte, selbst beim Besuch des Königs nicht ihr Gesicht zu waschen - was den Bergleuten verwehrt war. Der Waldarbeiter ließ sich eine gepflegte Schwärze stehen und war stolz darauf. Wenn es heißt, "Zähne wie Elfenbein", dann kann man sich denken, dass selbst der verfaulteste Zahn aus so einem Gesicht gefunkelt haben muss.

Die Köhler lebten von Walpurgis bis Martini (1. Mai bis 10. November) tief im Forst und kehrten nur am Wochenende, wenn überhaupt, in ihr Dorf zurück. Die kleinste Köhlereinheit bildete ein Meister mit zwei bis drei Gehilfen und dem Haijungen, meist der Sohn oder Neffe des Meisters. In Begleitung von Hund, Ziege, Hahn oder Katze verabschiedeten sie sich von ihren Familien und errichteten an einer passenden Stelle im Wald ihre Köte, eine einfache tipiähnliche Hütte aus Borke und Holz. Drinnen gab es zusammengezimmerte einfache Holzpritschen, Essen und Kleider wurden an Stöcken aufgehängt. In der Mitte brannte ein Feuer, auf dem der Haijunge die berühmt-berüchtigte Köhlersuppe kochte: heißes Wasser mit Rindertalg und Salz, in das man Schwarzbrot bröselte.

Die Köhler beschwerten sich in überlieferten Schriftstücken nur selten über ihren Beruf, auch wenn es keine ungefährliche Tätigkeit war: In den Sterberegistern der Harzregion finden sich etliche Einträge von an Brandwunden verstorbenen Waldarbeitern. Aber alles in allem schienen sie die Abgeschiedenheit mit all ihren Freiheiten genossen zu haben.

Ohne Holzkohle hätte es weder Eisenzeit noch Bronzezeit gegeben

Einzig die Frauen der Köhler scheinen von der Romantik verschont geblieben zu sein. Sie lebten in den Dörfern, brachten ihren Männern wöchentlich das Essen oder halfen, die Kohlen zu einem Weg zu bringen, von wo ein Fuhrwerk sie abholen konnte.

Die Kunst, einen Meiler zu errichten und möglichst ökonomisch Holzkohle zu gewinnen, war indes die besondere Fähigkeit, die den Köhlern Anerkennung einbrachte und sie von den anderen Forstarbeitern unterschied. Das Produkt, das die Köhler lieferten, war bis zur industriellen Nutzung des Erdöls einer der wichtigsten Energierohstoffe der Menschheit: Ohne die Holzkohle hätte es weder die Eisenzeit noch die Bronzezeit gegeben - und eine Zivilisation, die sich mit Schwertern verteidigt, ein Münzsystem entwickelt oder mit Messer und Gabel isst, schon gar nicht. Denn: Um an Metallerze zu gelangen, muss sie jemand aus dem Stein herausschmelzen - und hierfür bedarf es hoher Temperaturen. Einfache Holzfeuer können Lehm in Ton verwandeln, nicht aber Stein in Eisen.

Erst die Entdeckung der Holzkohle, des verschwelten, aber nicht verbrannten Holzes, brachte die zündende Idee: In der idealen Umgebung konnten dabei mit der Unterstützung eines Blasebalgs Temperaturen von bis zu zwölfhundert Grad Celsius erreicht werden. Die Holzkohle spielt also eine nicht unbedeutende Rolle in der Entwicklung der Menschheit: Ohne Kohle kein Fortschritt.

Von der Eisenzeit bis hinein ins 15. Jahrhundert wurden zu ihrer Herstellung noch die sogenannten Grubenmeiler bevorzugt, die relativ einfach zu handhaben waren: Man hob ein Loch aus, füllte es mit Reisig und zündete diesen an. Dann wurde Holz nachgelegt, bis auch dieses Feuer fing und zu Kohle verbrannte. Dieser Vorgang wurde vielfach wiederholt, bis man zum Schluss das Ganze mit einer Decke aus Gras luftdicht abdeckte, unter der das Feuer nur mehr schwelte. Nach vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden konnte man die fertige Holzkohle herausholen. So einfach dieses Verfahren auch war, so unökonomisch war es, denn es verbrauchte viel Holz, von dem nur ein geringer Teil als Kohle übrig blieb.

Ab dem 15. Jahrhundert wurden von den deutschen Forstämtern endlich die Hochmeiler empfohlen, die viel ökonomischer waren, deren Aufbau aber viel Erfahrung bedurfte und über Jahre hinweg erlernt werden musste. Hierfür wurden große Mengen an Holz aufeinandergeschichtet und mit Erde abgedeckt. Die Kunst bestand darin, die Sauerstoffzufuhr so zu regeln, dass der Meiler nie wirklich brannte, sondern das Holz darin lediglich "destillierte", ihm also das Wasser entzogen wurde. Die Köhler versuchten daher keine Hohlräume entstehen zu lassen, in denen das Feuer sich hätte entfalten können. Während der Meiler von innen heraus angezündet wurde, musste von außen immer darauf geachtet werden, dass durch die Verschwelung entstehende Hohlräume sofort gefüllt wurden, sonst bestand Gefahr, dass der Meiler doch noch Feuer fing. Die Waldarbeiter mussten also Tag und Nacht Wache halten und den Meiler immer wieder abklopfen. Nach bis zu sechsunddreißig Stunden aber hatte man eine reiche Ausbeute.

Geschichte der totalen Ausbeutung der Natur

Die Geschichte der Köhlerei ist zugleich eine Geschichte der totalen Ausbeutung der Natur. Noch im 16. Jahrhundert schrieb der Italiener Biringucchio über die Gewinnung von Holzkohle:

"Denn offensichtlich gibt es so gewaltige Wälder, dass man nicht glauben kann, dass sie durch diese Verwendung auf Menschengedenken hin jemals verbraucht werden könnten, zumal die freigiebige Natur sie täglich neu hervorbringt."

Weitere hundert Jahre später war man sich plötzlich allzu bewusst, dass auch die Wälder endlich sind, und 1710 wurden in Hannover und Braunschweig die ersten technischen Versuche für eine weitere Optimierung der Holzkohlegewinnung durchgeführt. Von diesem Moment an taucht auch der Köhler als respektabler Waldarbeiter vermehrt in den Harzer Chroniken auf. Während er zuvor relativ frei walten konnte und nur darauf achten musste, beim Köhlern nicht gleich den ganzen Wald mit abzubrennen, wurde nun Wert darauf gelegt, wie "nachhaltig" er arbeitete.

"Man hat besonders bei den jetzigen Zeiten Ursache, auf alle möglichen Holzsparkünste bedacht zu sein, bei keiner Sache aber kann mehr Holz erspart werden als bei dem Verkohlen."

So schrieb der Harzer Forstmann von Zanthier 1799 in seinen Abhandlungen über das theoretische und praktische Forstwesen. Prompt mussten die Köhler des Harzes zwei Jahre später zum ersten Mal überhaupt eine praktische Prüfung ablegen, um Meister zu werden. Ab 1825 gehörte auch das Führen eines Kohletagebuchs zu ihrem Alltag, in dem sie penibel den Holzverbrauch verzeichnen mussten.

1859 geschah etwas, das die Köhler in ihrer Abgeschiedenheit vielleicht zuerst gar nicht mitbekommen hatten. Große Erdölvorkommen wurden entdeckt, und die industrielle Nutzung begann. Das schwarze Gold machte der Holzkohle, ebenso wie der Stein- und Braunkohle, den Platz als Energierohstoff Nummer eins streitig. Die Arbeit des Köhlers wurde zusehends unwichtiger für Wirtschaft und Politik und verschwand fast gänzlich.

Heute lebt der Köhler hauptsächlich in der Tourismusindustrie wieder auf, denn auch heute ist die Welt komplex, und manch einer sehnt sich nach einer einfachen Hütte im Wald. Was täte man dort den ganzen Tag? Den Wald roden bestimmt nicht. Grillen vielleicht, denn auch dafür wird jede Menge Holzkohle benötigt, die heute aber industriell hergestellt wird.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.

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