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WOHNUNGSBAU Alte Schinken

Die Aktion Eigentumswohnung, mit der alte Mietshäuser in Wohnungseigentum der Mieter umgewandelt werden sollen, erwies sich zunächst als Fehlschlag. Käufer und Verkäufer warten ab.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Sie meinten, mit einem einzigen Paragraphen sei die Bauflaute zu beheben. und sie erlebten eine Enttäuschung.

Der Paragraph, den die Bonner Regenten jetzt einsetzen wollen, um die seit Jahren darniederliegende Bau. Konjunktur zu beleben, heißt 7 b, ist Millionen von Deutschen als Abschreibungsvorschrift für neue Wohngebäude bekannt und gilt seit einigen Monaten auch für alte Häuser.

Vor allem die Umwandlung renovierungsfälliger Mietshäuser in modernisierte Eigentumswohnungen sollte, so meinten die Bonner, nun rasch in Gang kommen. So entwarf die Bausparkasse Wüstenrot schon Finanzierungsmodelle für die Zukunft, und Albert Vietor, Chef der gewerkschaftseigenen Baugesellschaft »Neue Heimat«, sah bereits die »Überführung der Wohnungswirtschaft in eine sozial abgesicherte Wohnungswirtschaft« vollzogen.

Aber der große Run auf alte Häuser kam nicht. Weder ließen sich die Mieter aus den Altbauten hinauswerfen, um kostspieligen Eigentumswohnungen Platz zu machen, noch wollten sie sich animieren lassen, ihre vier Wände

käuflich zu erwerben. Trotz 7b-Abschreibung nämlich würden sie dann erst einmal mehr Geld bezahlen müssen als zu ihren Mieterzeiten. Und schließlich zögern die großen Baukonzerne, ihren beträchtlichen Wohnungsbestand einfach zu privatisieren, was zunächst volle Kassen, nachher aber keine laufenden Einnahmen mehr brächte.

»Die Bereitwilligkeit ist außerordentlich klein«, urteilt schon jetzt Ministerialrat Hans Busch im hessischen Innenministerium. Bis dato habe er »noch keine positive Äußerung bekommen, daß Wohnungsunternehmen was anbieten«.

Die großen Hauskonzerne lassen sich tatsächlich Zeit. Bei der Nassauischen Heimat in Hessen etwa, die rund 4000 Wohnungen im engeren Frankfurter Raum ihr eigen nennt, müssen sich erst Vorstand und Aufsichtsrat mit solchen neumodischen Fragen befassen. Auch Vietors Wohnungsverwalter geben sich bedeckt. Immerhin haben hier die oberen Gremien schon beschlossen, »den Verkauf von Sozialwohnungen in Erwägung zu ziehen.

Dabei, so meutert Werner Kock, Vorsitzender des Verbandes Freier Wohnungsunternehmen, seien die von Bonn beschlossenen steuerlichen Erleichterungen »allein ein Gesetz für die Neue Heimat«. Der Privat-Hausbesitzer werde nämlich, wenn er seine Mietwohnungen in Wohneigentum umwandelt, gewerbesteuerpflichtig und müsse den Erlös auch noch der Einkommenbesteuerung unterziehen.

Trotz des Privilegs der Gemeinnützigen, die von Steuerunbilden dieser Art nicht betroffen werden, spürt Funktionär Kock dort aber allenfalls Lust, »die alten Schinken zu verhökern«.

Helmut Tepper, Direktor des Gesamtverbandes Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen, kann denn auch bei seinen Mitgliedern von größerer Verkaufsbereitschaft »nichts spüren«. Gesteht Tepper: »Wir sehen das Ganze nicht außerordentlich jubilierend.«

Juristische Hindernisse, so etwa die langen Kündigungsfristen, und wirtschaftliche Schwierigkeiten sieht Werner Kienast, Frankfurter Immobilienmakler. »Das braucht viel Zeit, wenn man alles korrekt und sauber machen will.« Der Umfang des abgestoßenen

* In Frankfurt.

Alteigentums hielt sich denn auch in sehr engen Grenzen. Meist waren die Objekte teurer als neue Eigenheime.

Ernst Campe von der Münchner Grund, die seit Mitte des Jahres versucht, achtzig 14 Jahre alte Wohnungen loszuschlagen, kalkuliert die Umbaukosten: »Bei den alten Häusern muß mehr stimmen als bei neuen Sachen, die Kunden sind da nämlich viel kritischer.«

Es stimmt aber meist nicht genug. Höchstens »auf ein paar hundert pro Jahr« schätzt Hans-Ulrich Pfeiffer, Ministerialdirektor im Bonner Bauministerium, den Absatz von Altbauwohnungen. Einzig »schöne Architektur mit großen Bäumen in den Hinterhöfen, das läuft«, macht der Beamte die Marktchancen aus.

Für die Makler, so stellte die Frankfurter Immobilienbörse fest, läuft das Altbau-Geschäft deshalb nur am Rande mit, und für Kienast ist das ganze nicht mehr als ein Nebenumsatz. Das gleiche gilt für Handwerker, Bauunternehmer und Architekten. Ein Wohnungsunternehmer: »Das werden höchstens minimale Kleckerbeträge.«

Ob der Aufwand gesamtwirtschaftlich lohnt, steht ohnehin nicht fest. Arbeitsmarktpolitiker, die schon lange darüber klagen, der Westdeutsche bleibe lieber arbeitslos, ehe er sein Eigenheim verlasse, fürchten nur, daß in den privatisierten Sozialwohnungen die Bereitschaft noch weiterer Arbeitnehmer zum Ortswechsel schwindet. Staunt Tepper: »Nun wollen die Wohnungsbaupolitiker noch mehr Leute seßhaft machen.«

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