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England Alternder Torero

Der Generalstreik, der England in ein Chaos gestürzt hätte, wurde im letzten Augenblick abgewendet. Doch die Kraftprobe zwischen der konservativen Regierung und den Gewerkschaften geht weiter.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Englands Heath lobte England und meinte: »In den Augen der Welt da draußen haben wir neues Ansehen gewonnen. Oder soll ich lieber sagen, das alte wiedererlangt«?«

Doch was immer Britannien in den 24 Monaten unter Führung des konservativen Regierungschefs erreicht haben mag, in den letzten Wochen schmorte es zwischen dem Krieg auf der irischen und einer drohenden Katastrophe auf der eigenen Insel, in der die konservative Regierung möglicherweise untergegangen wäre.

Die Vorboten kündigten Schlimmes an: Vom Londoner Flugplatz Heathrow hoben weder BEA- noch BOAC-Maschinen ab, Londoner Zeitungen wurden nicht gedruckt, auf dem Gemüsemarkt im Covent Garden Lkw nicht entladen. Kumpel fuhren nicht in die Gruben ein, in den Häfen standen die Kräne still.

Einmal mehr streikten britische Arbeiter, die in den 24 Monaten seit der Machtübernahme der Konservativen im Juni 1970 beinahe 5000 mal in den Ausstand traten. Jedoch, es war kein Streik wie gehabt.

Diesmal verlangten die Arbeiter nicht mehr Lohn oder weniger Arbeit, diesmal streikten sie gegen Regierung, Parlament und Justiz. Sie verlangten die Freilassung von fünf Hafenarbeitern, die einen Gerichtsentscheid mißachtet hatten und deshalb -- vorletzten Freitag -- im Londoner Pentonville-Gefängnis eingekerkert worden waren.

»Absichtlich«, behauptete Oppositionsführer Harold Wilson, habe der Regierungschef die Konfrontation mit den Gewerkschaften heraufbeschworen. »Unerschütterlich« glaube Heath daran, schrieb der Publizist Peregrine Worsthorne, daß ein »kaltes Wirtschaftsklima die britische Wirtschaft abhärten und das Schauspiel einiger untergehender lahmer Enten den Rest nur anspornen werde«.

Stets schien der Premier den Weg des größten Widerstands zu suchen oder zumindest nicht zu scheuen, »wie ein politischer Cassius Clay«, schimpfte Wilson:

>Obgleich die Briten-Mehrheit den Eintritt in die EWG ablehnte, führte Heath sein Land mit einer parlamentarischen Mini-Mehrheit hinein, die zuweilen auf vier Stimmen schrumpfte.

* Obgleich sich in Nordirland die Protestanten allen Konzessionen gegenüber der katholischen Minderheit widersetzten, beurlaubte Heath das nordirische Parlament; jetzt erklärte er auch noch den Guerillas der IRA den totalen Krieg, Wie ein »alternder Torero« (Harold Wilson) harrte Edward Heath dann seines Stiers: Englands Gewerkschaften, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs annähernd 64 000 Streiks organisierten und die Briten-Wirtschaft in manches Chaos stürzten. Im Parlament -- brachte der musisch veranlagte Konservative, der es vorzieht, mit Geigern statt Gewerkschaftlern zu diskutieren, den »Industrial Relations Act« ein, ein Gesetz, das die wilden Praktiken des britischen Arbeitskampfes auf mitteleuropäisches Maß zurechtstutzt und zum Teil darüber hinaus (siehe Kasten Seite 57).

»Jeder der Heath-Vorgänger«, kritisierte Wilson, der als Regierungschef selbst versucht hatte, ein ähnliches Gesetz durchzubringen« es aber nach Einspruch der Gewerkschaften zurückzog, »hätte versucht, diese Misere zu umgehen. aber für ihn war das -- politisch gesehen -- Essen und Trinken.«

Es war schwer bekömmliche Kost. Denn von 6,2 Millionen Mitgliedern der oppositionellen Labour-Partei sind über fünf Millionen auch Gewerkschaftler. Und die Mehrheit der insgesamt 10,5 Millionen Gewerkschaftler lehnt das neue Gesetz ab.

Während Heath nach Inkrafttreten des Gesetzes im Februar offenbar mit einer »Strategie der Aggression« ("The Sunday Times") dokumentieren wollte, daß dieses Gesetz funktioniert, verlangten die Gewerkschaften, es müsse wieder verschwinden. Ein politisches Drama bahnte sich an, der Anlaß war eher eine gewerkschaftsinterne Komödie:

Seit Monaten schon kämpften die gewerkschaftlich organisierten Hafenarbeiter um ihre Arbeitsplätze. die durch Container- Rationalisierung zunehmend eingespart werden. Die Arbeiter der unweit der Kaianlagen etablierten Container-Depots wehrten sich, den Zuständigkeitsbereich der Hafengewerkschaftler zu erweitern und ihnen Jobs zu überlassen.

Folge: Die Hafenarbeiter blockierten die Lkw der Container-Firmen« die wiederum den »National Industrial Relations Court« anriefen. Das Gericht wies die Gewerkschaften an, die Blockade aufzuheben, und belegte schließlich -- wegen Mißachtung des Entscheids -- die Arbeiterorganisation mit 55 000 Pfund (430 000 Mark) Buße.

Das Berufungsgericht aber folgte der Argumentation der Gewerkschaft, die vorgab, sie könne weder die Kontrolle über die Streikführer ausüben, noch seien diese Angestellte der Arbeiterorganisation und mithin die Gewerkschaften auch nicht haftbar.

Während aber die drei von diesem Richterspruch betroffenen Unternehmen das Oberste Berufungsgericht der Nation, das Oberhaus, angerufen hatten, entschied der »Industrial Relations Court": Die fünf Boykottführer müßten ihren Streik einstellen. Die fünf boykottierten dennoch weiter und wurden festgenommen.

Daraufhin traten die Arbeiter Branche für Branche -- auch die Lkw-Fahrer -- in den Ausstand und drohten, erst nach der Haftentlassung der fünf Gewerkschaftler an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.

Das Oberhaus aber entschied am vorigen Mittwoch, die Gewerkschaften seien für ihre Funktionäre verantwortlich. Daraufhin wurden die fünf Häftlinge freigelassen.

Das Schlimmste. der für Montag dieser Woche angesetzte Generalstreik. war abgewendet. Die Docker aber beschlossen, die Häfen der Nation -- diesmal offiziell -- zu bestreiken.

Die »Times«, die letzten Freitag den nationalen Notstand noch nicht ausschließen mochte, blieb skeptisch: »Ja, wir sind in Gefahr!«

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