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»Am Rande eines Desasters«

Trübe Aussichten für die Europäer in der Schlüsselbranche Computerindustrie: In einem gnadenlosen Wettbewerb haben amerikanische und japanische Konkurrenten die Zukunftsmärkte erobert. Europäische Hersteller finden keine gemeinsame Linie und können teilweise nur noch mit staatlicher Hilfe überleben.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Strategen des französischen Computerkonzerns Bull hatten sich für ihre jüngste Anzeigenserie etwas Besonderes ausgedacht - Werbung mit Vorwarnung. In der Hoffnung, daß Angriff auch hier die beste Verteidigung sei, teilte Bull Ende März den Lesern verschiedener europäischer Tageszeitungen mit: »Morgen wird unsere Gruppe einige sehr bedauerliche Ergebnisse veröffentlichen.«

Einen Tag später erläuterte Bull-Chef Francis Lorentz in Paris die Bilanz seines Unternehmens. Es zeigte sich, wie nötig die Warnung war: Mit einem Verlust von 6,8 Milliarden Francs (rund 2 Milliarden Mark) legte Lorentz wahrscheinlich das schlechteste Ergebnis vor, das ein französischer Konzernchef in diesem Jahr bekanntgeben muß. So tief wie Bull ist wohl noch nie eine Computerfirma in die roten Zahlen gerutscht.

Lorentz gab sich alle Mühe, auch die positiven Seiten des Unternehmens darzustellen: Der Umsatz (gut 10 Milliarden Mark) sei deutlich gestiegen und der deprimierende Verlust des vergangenen Jahres keineswegs allein im operativen Geschäft entstanden. Mehr als die Hälfte des Fehlbetrags, etwa 3,6 Milliarden Francs, würden durch ein gewaltiges Restrukturierungsprogramm verursacht.

Das ist wohl richtig, zeigt aber auch, wie schwer Bull getroffen ist. 8 von 13 zum Konzern gehörende Fabriken sollen geschlossen werden. Etwa 20 Prozent der 44 000 Bull-Werker werden dabei ihren Job verlieren.

Die glatte Bauchlandung der Cie. des Maschines Bull fügt sich ein in eine lange Kette ähnlicher Meldungen aus der europäischen Elektronikindustrie: Verluste in alarmierender Höhe bei Philips, rote Zahlen beim gerade vereinten Gespann Siemens-Nixdorf, Gewinneinbrüche beim italienischen EDV-Hersteller Olivetti sowie bei den Branchen-Aufsteigern Schneider in Deutschland und Amstrad in England.

Die europäischen Computerhersteller sind aus dem Tritt geraten, ausländische Wettbewerber laufen ihnen davon. Hersteller aus den USA und Japan haben alle wichtigen Marktpositionen besetzt. Europa droht in einer Schlüsselindustrie endgültig den Anschluß zu verpassen.

Noch vor gut einem Jahr hatten viele Manager in der schnellebigen Computerbranche die Hoffnung, doch noch den Vorsprung der Giganten aus Übersee verkürzen zu können. Die gute Konjunktur in Europa bescherte den meisten einheimischen Herstellern volle Auftragsbücher. Sogar beim Know-how für die Speicherchips, den Rohstoff der Rechnerbranche, hatte Siemens erstmals seit vielen Jahren mit den Konkurrenten aus Fernost gleichgezogen.

Gemeinsame Forschungsprogramme wurden verabredet und begonnen, Kooperationen und Zusammenschlüsse geplant. Alles sah damals so aus, als rafften sich die europäischen Hersteller nun dazu auf, die Politik der Kleinstaaterei im Computergeschäft zu beenden.

Doch dann brach im Laufe des Jahres die Konjunktur in den USA zusammen. Amerikanische Hersteller von Apple bis Unisys konzentrierten ihre Kräfte auf die Märkte in West- und Osteuropa, die noch mit Wachstumschancen lockten.

Ein Kampf um Marktanteile begann, dem die meisten Europäer nicht gewachsen waren. Schwächen und Versäumnisse wurden sichtbar, die verfallenden Preise hinterließen häßliche rote Spuren in den Bilanzen fast sämtlicher Großserien-Hersteller in Europa.

Neben dem niederländischen Elektronikriesen Philips (vier Milliarden Mark Verlust) traf es die Bull-Gruppe im vergangenen Jahr am härtesten. Alle vollmundigen Erklärungen der Franzosen können nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß Bull zum dritten Mal in seiner Geschichte de facto vor der Pleite steht.

Nur eine weitere Milliarden-Spritze des französischen Staats, der seit 1983 Hauptaktionär bei Bull ist, sichert vorerst noch das Überleben des Konzerns, der in den vergangenen zehn Jahren gerade vier Mal eine positive Bilanz, mit äußerst mageren Gewinnen, vorlegen konnte. »Ohne die schützende Hand des französischen Staats«, sagt Olivetti-Chef Carlo de Benedetti, »würde Bull schon längst nicht mehr existieren.«

Probleme über Probleme auch beim im vergangenen Herbst mit großem Optimismus gestarteten Gespann Siemens-Nixdorf. Das ursprüngliche Ziel, schon im ersten Geschäftsjahr schwarze Zahlen zu schreiben, ist längst aufgegeben.

Zwar verkündet die Gemeinschaftsfirma in ihren Anzeigen beharrlich »Synergy at work« - doch die Realität sieht anders aus. Zwischen beiden Firmen knirscht es. Die Auftragsabwicklung gerät immer wieder ins Stocken, und viele Spitzenverkäufer haben entnervt die Firma verlassen.

Fehlende Aussagen zur künftigen Produktstrategie verunsichern vor allem die ehemaligen Nixdorf-Kunden. Viele sind bereits abgesprungen, und mehr als ein Drittel der verbliebenen Kunden, so eine Umfrage des Interessenverbands der Nixdorf-DV-Anwender, spielen mit dem Gedanken, zur Konkurrenz überzulaufen - und die kommt meistens aus den USA.

Wie stark die Europäer inzwischen im Technik-Wettlauf ins Hintertreffen geraten sind, verdeutlicht die Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Studie der Electronic International Corp. (EIC). Nach den Berechnungen der Experten hatten die Europäer bereits 1989 für 34 Milliarden Dollar mehr Elektronik importiert als exportiert. Bis zum Jahre 1995, so die Prognose der EIC, wird das Außenhandelsdefizit auf 50 Milliarden Dollar ansteigen.

Der bedrohliche Trend wurde in Deutschland vom Bundesverband Büro- und Informations-Systeme (BVB) bestätigt. Nach Angaben des BVB standen 1990 den deutschen Elektronik-Einfuhren von 20,7 Milliarden Mark nur Ausfuhren von 14,4 Milliarden Mark gegenüber. Innerhalb von zwei Jahren hat sich damit der Negativsaldo verdreifacht.

»Bei einer solchen Entwicklung«, sagt BVB-Geschäftsführer Ulrich G. Schneider, »würden in der Autoindustrie die Alarmglocken schrillen.«

Das Kernproblem aller europäischen Elektronikkonzerne ist nach Ansicht von Experten überall das gleiche: Allen fehlt die kritische Mindestgröße, um im härter werdenden Kampf um die Kunden auf Dauer mithalten zu können. Sie sind Riesen nur auf europäischer Ebene - weder Siemens-Nixdorf, noch Olivetti, Bull oder Philips haben außerhalb Europas eine wirklich bedeutsame Marktstellung.

Die europäischen Elektronik-Konzerne haben zusammen am weltweiten Geschäft mit Bits und Bytes einen Anteil von ganzen 15 Prozent. Der US-Gigant IBM, der mit gut 100 Milliarden Mark Umsatz die Branche anführt, verkauft mehr als alle Europäer zusammen.

Doch nicht nur die Zersplitterung macht den Europäern zu schaffen. Nun rächt sich auch, daß sie sich allzusehr auf Großrechner, sogenannte Mainframes, und vor allem auf mittelgroße Mini-Computer spezialisiert haben. Seit die kleinen Personalcomputer (PC) immer leistungsfähiger werden, geraten die Jumbotypen stark unter Druck.

Das hat einen einleuchtenden Grund: Anders als die meist mit herstellerspezifischen Betriebssystemen arbeitenden Minis und Mainframes sind die PC-Systeme fast sämtlicher Hersteller untereinander austauschbar. Die Kunden können sich ihre Anlagen nach dem Baukasten-Prinzip für ihre Bedürfnisse zusammenstellen.

Gleichzeitig wurden die PC immer leistungsfähiger und damit billiger: Mußten die Kunden vor zehn Jahren noch etwa 300 000 Dollar investieren, um eine Computerleistung von einer Million Berechnungen pro Sekunde (Mips) zu bekommen, so müssen sie heute dafür nur noch 300 Dollar zahlen.

Von dem explosionsartigen Wachstum des PC-Sektors profitierten vor allem die US-Firmen, allen voran Compaq und IBM. Unter den Europäern kann dagegen nur die italienische Olivetti einen nennenswerten Marktanteil beanspruchen.

Nach Berechnungen der Marktforschungsgesellschaft Dataquest stammt gut die Hälfte der rund 6,4 Millionen in Europa verkauften PC aus europäischer Produktion, aber das freundliche Bild ist verzerrt. Den weitaus größten Teil der Bürorechner lieferten die Dependancen von US-Konzernen wie IBM, Apple oder Compaq. Allein das IBM-Werk in Schottland produziert laut Dataquest dreimal soviel wie Olivetti als größter europäischer PC-Lieferant.

Noch schlechter sieht es für die Europäer bei den neuesten Bestsellern der EDV-Branche aus: bei den Laptops und Notebooks, den miniaturisierten, tragbaren PC-Modellen also, sowie bei den sogenannten Workstations, den besonders leistungsfähigen Arbeitsplatzrechnern, die derzeit noch dreistellige Wachstumsraten garantieren. Der deutsche Markt wird zu 80 Prozent von amerikanischen Herstellern wie Hewlett-Packard, Digital Equipment und Sun Microsystems beherrscht.

Auch bei den Laptops, inzwischen ein Statussymbol unter Jungmanagern, liegen die Europäer weit abgeschlagen. Nach wie vor dominieren in diesem rapide wachsenden Segment japanische Konzerne wie Toshiba oder Sharp und US-Firmen wie der Aufsteiger Compaq.

Die einzigen europäischen Firmen, die ihren Kunden Tragbares aus eigener Produktion anbieten können, sind Olivetti und die Bull-Gruppe, die sich durch die Übernahme der US-Firma Zenith Data eine gute Position bei den Laptops gesichert hat. Siemens-Nixdorf, der größte unter den europäischen Computer-Konzernen, stellt dagegen weder Laptops noch Notizbuch-Computer selbst her.

Noch deutlicher wird der Vorsprung der Konkurrenten aus Übersee bei zahllosen Peripheriegeräten wie Diskettenlaufwerken oder Druckern. Ausschließlich von Japanern dominiert wird das Geschäft mit Flüssigkristall-Bildschirmen, den sogenannten LCD-Displays, die allmählich immer wichtiger werden. Und ausgerechnet die Sparte LCD-Bildschirme fiel nun bei Philips den Sparmaßnahmen zum Opfer.

»Wir geraten zusehends in eine alarmierende Abhängigkeit von den Japanern«, warnt Ulrich Schneider vom BVB. Die Anbieter aus Fernost - Japan, Korea, Taiwan, Singapur und Hongkong - liefern inzwischen ein Drittel der nach Deutschland importierten Büroelektronik, weitere 23 Prozent kommen aus den USA.

Die Chancen der Europäer, den Rückstand aufzuholen, sind nach Ansicht vieler Experten schlechter als je zuvor. »Wir stehen,« sagt etwa Frankreichs EG-Ministerin Elisabeth Guigou, »am Rande eines Desasters.«

Die Brüsseler EG-Kommission hat bereits die »teilweise besorgniserregende Lage« der angeschlagenen Branche beklagt. Patentrezepte, wie die Europäer aus dieser Lage herausfinden könnten, hat die Kommission aber auch nicht. Ein klarer Kurs, wie ihn etwa das japanische Industrieministerium steuert, läßt sich aus dem Anfang April veröffentlichten EG-Papier nur schwer erkennen.

»Die Europäer haben, mit Ausnahme von Frankreich, keine Ahnung, was auf dem Spiel steht«, meint der Leiter des Planungsstabs im Bonner Auswärtigen Amt, Konrad Seitz. Die Europäer dürften die Zukunftsbranche nicht einfach anderen überlassen.

Klar ist, das zeigt das Beispiel Bull, daß Milliarden-Subventionen aus der Staatskasse allein nicht genügen. Trotz aller Unterstützung durch die Behörden gelang es auch Bull nicht, einen Spitzenplatz in der Computerwelt zu erobern.

Zwar will die Regierung in Paris noch einmal Milliarden lockermachen, um die jüngsten Verluste auszugleichen. Gleichzeitig ist Industrieminister Roger Fauroux aber wohl klargeworden, daß Frankreich allein auf Dauer nicht das Überleben von Bull sichern kann.

Seit Monaten drängt Fauroux deshalb schon die Bull-Manager, nach einem europäischen Partner Ausschau zu halten. Doch Bull-Chef Lorentz machte keine Anstalten, den Ratschlägen seines Industrieministers zu folgen. Statt dessen verbreitete er lieber Durchhalteparolen: Eine Fusion mit einem europäischen Konkurrenten, so Lorentz, stünde in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht zur Debatte.

Die letzte der vier Anzeigen, die Bull vor Ostern veröffentlichte, ließ allerdings ahnen, daß bei Bull nicht nur das Machtwort des Vorsitzenden gilt. Die Anzeige beschrieb die Perspektiven der europäischen Computerunternehmen, »wenn sie in diesen schwierigen Zeiten nicht kooperieren": Zu sehen war eine leere Seite.

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