Protest gegen Tarifflucht Streikaufruf in sechs Versandzentren von Amazon

Seit Jahren fordern Gewerkschaften, dass Amazon sich an den Tarif hält – der Versandhändler hält das nicht für nötig. Nun soll in gleich sechs großen Niederlassungen gestreikt werden.
Streik bei Amazon: Das Foto stammt von einem früheren Ausstand in Bad Hersfeld im Jahr 2013

Streik bei Amazon: Das Foto stammt von einem früheren Ausstand in Bad Hersfeld im Jahr 2013

Foto: LISI NIESNER/ REUTERS

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) hat die Beschäftigten in sechs deutschen Versandzentren des US-Onlinehändlers Amazon zum Streik aufgerufen. Ab der Frühschicht am Montag sollten die Beschäftigten bis einschließlich Dienstag die Arbeit niederlegen, erklärte die Gewerkschaft.

Von den Arbeitsniederlegungen sind nach Gewerkschaftsangaben die Standorte Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld (zwei Standorte) und Leipzig betroffen. Ver.di fordert, dass die Amazon-Beschäftigten einen Tarifvertrag bekommen und nach dem Tarif für den Einzel- und Versandhandel bezahlt werden – eine Forderung, die Ver.di bereits seit Jahren vergeblich durchzusetzen versucht. Außerdem will die Gewerkschaft tarifliche Regelungen zum Schutz der Gesundheit erreichen.

Ver.di kritisierte, Amazon präsentiere sich »gern als Unternehmen, in dem Diversität und Gleichberechtigung hochgehalten werden«. Tatsächlich bestimme jedoch der Computer-Algorithmus, was und wie viel von den Beschäftigten geleistet werden muss. »Rücksicht auf die Persönlichkeit, die Leistungsfähigkeit oder die Lebensbedingungen der Kolleginnen und Kollegen ist dabei nicht vorgesehen«, kritisierte die Ver.di-Streikleiterin in Bad Hersfeld, Mechthild Middeke.

Die Folge seien »Arbeitshetze und Leistungsdruck«. Dies treffe besonders solche Beschäftigte, die neben der Arbeit bei Amazon weiteren Belastungen ausgesetzt seien. »Das sind besonders oft Frauen, zum Beispiel alleinerziehende Mütter«, kritisierte Middeke. Der aktuelle Streikaufruf von Ver.di fällt auf den internationalen Aktionstag für die Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern – den sogenannten Equal Pay Day – und auf den internationalen Frauentag.

Amazon erwartet keine Auswirkungen

Amazon betonte hingegen, dass es bei dem Versandhändler viele Möglichkeiten zur beruflichen Verwirklichung gebe, unabhängig vom Geschlecht oder der früheren Tätigkeit.

Zudem argumentiert das Unternehmen, auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber zu sein. Bereits im Sommer seien die Löhne für Logistikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter erhöht worden; damit verdienten »alle bei Amazon umgerechnet mindestens zwölf Euro brutto pro Stunde plus Extras«.

Auf Nachfrage des SPIEGEL erklärte ein Unternehmenssprecher, dass man auch von Partnerunternehmen erwarte, »dass sie ihren Fahrer:innen eine erstklassige Arbeitserfahrung bieten«. Viele Aufträge von Amazon führen nämlich Subunternehmen durch, deren Mitarbeiter nicht bei Amazon angestellt sind. Man stelle aber mit »regelmäßigen Audits« sicher, dass auch dort gute Arbeitsstandards umgesetzt werden. Außerdem habe man eine Fahrer-Hotline eingerichtet, an die sich alle Fahrer wenden können, wenn es Probleme gibt.

Das Unternehmen erwartet nicht, dass sich der aktuelle Streikaufruf auf die Paketlieferungen auswirken wird.

mamk/AFP
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