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ARBEITSMARKT »Amerikanische Verhältnisse«

Die deutschen Unternehmen strichen 2005 so viele Arbeitsplätze wie selten zuvor, die Unternehmen wollen fitter werden für den globalen Wettbewerb - und attraktiver für die Anleger. Neue Jobs entstanden auch, sie sind aber oft von minderer Qualität und schlecht bezahlt.
aus DER SPIEGEL 52/2005

Kein Wunder, dass dem Job des Hafenarbeiters immer noch ein Stück Romantik anhaftet. Es ist fünf Uhr am Nachmittag, die Sonne versinkt hinter einem Wald aus gestapelten Containern, gigantischen Frachtern und kolossalen Hafenkränen. Sirenenlichter blinken in der Dämmerung. Containertransporter sausen an den Kaimauern entlang. Irgendwo trötet ein ankommender Dampfer.

Feierabend. André Lichtenauer, 29, steigt von seinem 50 Meter hohen Kran-Ungetüm herab, für heute ist erst mal Schluss. Der Job schlaucht ihn. Aber das stört ihn nicht. »Hauptsache, der Job ist sicher«, sagt der gelernte Großhandelskaufmann. Sein Arbeitgeber, die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), kommt kaum hinterher, genügend Nachschub an Kran- und Containerfahrern einzustellen.

Der Hafen boomt. In diesem Jahr wurden in der Hansestadt rund acht Millionen Standardcontainer umgeschlagen, eine Million mehr als noch 2004. 2,6 Millionen entfallen allein auf den Burchardkai, den wichtigsten Umschlagplatz der HHLA. Bis spätestens 2012 soll sich diese Zahl verdoppelt haben. Die HHLA braucht dringend neue Mitarbeiter, mindestens tausend - Leute wie Lichtenauer.

Er ist ein Globalisierungsgewinner, er profitiert davon, dass China die Welt mit billigen Waren überschwemmt und dafür Maschinen und hochwertige Produkte beim Exportweltmeister Deutschland einkauft.

Es gibt aber auch viele Globalisierungsverlierer, 2005 waren es so viele wie selten zuvor. Meldungen über Jobabbau und Arbeitsplatzverlagerungen dominierten die Wirtschaftsnachrichten. Früher fielen viele Arbeitsplätze weg, weil es den Unternehmen schlecht ging, heute streichen die Manager auch dann Arbeitsplätze, wenn es dem Unternehmen gut geht.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann etwa verkündete im Februar einen Jahresgewinn von 4,1 Milliarden Euro vor Steuern und im selben Atemzug den Abbau von knapp 2000 Stellen in Deutschland. Er will die Eigenkapitalrendite des Geldhauses auf internationales Niveau heben. »Dazu gibt es für uns keine Alternative«, behauptet Deutschlands oberster Banker.

Der traditionsreiche Hausgerätehersteller Miele ist schon stolz, wenn er statt der ursprünglich geplanten 1100 nur 888 Arbeitsplätze streichen muss. Stattdessen produziert er auch in Tschechien und China. Der Reifenbauer Continental hat angedroht, seine Pkw-Reifenproduktion in Hannover zu schließen. Die Deutsche Telekom will sich sogar von mehr als 30 000 Mitarbeitern trennen, die Konkurrenz im Festnetz wächst. In der Öffentlichkeit findet Konzernchef Kai-Uwe Ricke dafür wenig Verständnis, immerhin erwirtschaftete die Telekom allein im dritten Quartal dieses Jahres 2,4 Milliarden Euro Gewinn. Wütend protestierten 25 000 Mitarbeiter bundesweit: »Ricke, wir haben die Faxen dicke!«

Zu den spektakulären Stellenstreichungen kommen die vielen kleineren, die in den Medien kaum wahrgenommen werden. Der Schwund an Arbeitsplätzen zieht sich durch fast alle Branchen. Allein im Handwerk gingen rund 140 000 Jobs verloren. Von den acht wichtigsten Wirtschaftsverbänden Deutschlands gab bei einer SPIEGEL-Umfrage lediglich der IT-Branchenverband Bitkom an, in diesem Jahr neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben (siehe Grafik).

Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, lobt, seine Branche sei in diesem Jahr »schneller und schlanker« geworden. General Motors einigte sich mit der Gewerkschaft auf den langfristigen Abbau von 9000 Arbeitsplätzen bei Opel, bei Volkswagen sind es 10 000. Mercedes will bis 2008 rund 8500 Stellen streichen, im gesamten DaimlerChrysler-Konzern sind es sogar 16 000.

950 Millionen Euro will Mercedes ausgeben, um die Menschen loszuwerden, die das Unternehmen nach seinen Berechnungen zu viel beschäftigt. 80 000 Mitarbeiter in allen Werken werden in Einzelgesprächen darüber informiert, wie viel Abfindung sie erhalten, wenn sie ihren Job freiwillig aufgeben, bei manchen sind das 275 000 Euro. Für Mercedes-Arbeiter in Sindelfingen oder Untertürkheim mag das attraktiv sein. Dort finden sie vielleicht Jobs. Aber in Bremen? Hier liegt die Arbeitslosenquote bei mehr als 15 Prozent. Wer dort einen Arbeitsplatz hat, gibt ihn nicht so leicht auf.

Frank Discher, 43, zum Beispiel arbeitet seit 22 Jahren in Halle 7, beim Rohbau der Mercedes-Fahrzeuge. Der gelernte Karosseriebauer hätte 121 000 Euro Abfindung haben können, wenn er freiwillig gegangen wäre. Für ihn ist das keine Verlockung: »Selbst wenn ich einen neuen Arbeitsplatz hätte, würde ich bei Daimler bleiben«, sagt Discher. »Ich wäre woanders doch der Erste, der wieder gehen muss, wenn es schlecht läuft. 121 000 Euro reichen nicht bis zur Rente.«

DaimlerChrysler lockt nicht nur mit Geld, der Konzern droht auch. Wenn bis Ende März 2006 nicht 8500 Mitarbeiter bereit sind, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, dann will das Unternehmen die Arbeitszeiten der verbliebenen Mannschaft reduzieren - bei gleichzeitiger Lohnkürzung. Bei DaimlerChrysler geht es nicht um Verlagerung ins billigere Ausland. Es geht auch nicht in erster Linie darum, den Profit noch weiter zu steigern. Die Mercedes Car Group hat einfach nicht genügend Arbeit für ihre Belegschaft.

Die Produktivität in den Fabriken steigt Jahr für Jahr. Die gleiche Mannschaft kann mehr Autos herstellen. Das ging gut, solange Mercedes immer mehr Fahrzeuge verkaufen konnte. In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich der Absatz der Marke nahezu. Doch nun lässt sich der Verkauf auch mit neuen Modellvarianten kaum noch steigern. Deshalb muss DaimlerChrysler die Zahl der Beschäftigten verringern.

Viele halten die Maßnahmen für kurzsichtig. »Die Größenordnung des Abbaus ist verantwortungslos«, sagt Udo Richter, Betriebsratsvorsitzender des Bremer DaimlerChrysler-Werks und gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats im Gesamtkonzern. »Was ist, wenn der Verkauf wieder anzieht, zum Beispiel, wenn im kommenden Jahr die neue C-Klasse auf den Markt kommt?«, fragt Richter.

Verschärft wird die Lage aber, wenn eine falsche Modellpolitik den Absatz einbrechen lässt, wie es vor einiger Zeit bei Opel geschehen war. Dann müssen noch mehr Arbeitsplätze gestrichen werden.

In der Kreditwirtschaft geht der Stellenabbau ebenfalls weiter. Die Banken trennten sich seit dem Krisenjahr 2001 von mindestens 70 000 Mitarbeitern. Besonders in Mode kommt die Auslagerung immer qualifizierterer Arbeitsplätze in externe GmbH. Dort wird oft nur noch die Hälfte des Banktarifs bezahlt und deutlich mehr als 38,5 Stunden gearbeitet. Gerade traf dies 400 Mitarbeiter des Kreditrisikomanagements des Branchenprimus Deutsche Bank.

Betriebsbedingte Kündigungen vermeiden die Banken nur allzu gern. Der Abschluss von Aufhebungsverträgen klingt irgendwie freundlicher. »Da wird viel Soziallyrik betrieben«, sagt der Frankfurter Arbeitsrechtler Norbert Pflüger. Seine Mandanten berichteten von sogenannten Sterbezimmern, in denen sie ohne Telefon

und Computeranschluss weichgekocht würden. Nach mehreren Monaten in solchen Geisterstuben unterschrieben viele Mitarbeiter ihren Aufhebungsvertrag.

Die Unternehmen wollen durch diesen Aderlass fitter für den globalen Wettbewerb werden - und attraktiver für Anleger. Doch wie weit soll dieser Schrumpfungsprozess noch gehen? Ist es in Deutschland überhaupt noch möglich, hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen?

»Absolut«, sagt Hans Deppe, Deutschland-Chef des amerikanischen Chip-Herstellers AMD. Vor zwei Jahren hat er gegen heftigen Widerstand der Amerikaner durchgesetzt, ein zweites Werk in Dresden zu bauen - auch, weil der Staat mit einer halben Milliarde Euro Fördergelder lockte. Am 14. Oktober war Einweihung. Tausend neue Kollegen wird Deppe insgesamt bis Ende 2006 eingestellt haben. André Friedow und Heike Hülsmann sind bereits da. Friedow pendelt aus Cottbus nach Dresden, Hülsmann zog von Jena an die Elbe. »Mein soziales Umfeld ist mir wichtig. Insofern ist es toll, dass es solche Jobs auch im Osten gibt«, sagt die promovierte Chemikerin Hülsmann.

Die Amerikaner hätten das Werk lieber in East Fiskill im US-Bundesstaat New York gesehen. Deppe konnte die Konzernleitung überzeugen, dass die Investition nirgends besser angelegt ist als in Dresden. Inzwischen ist AMD der größte ausländische Investor in den neuen Bundesländern seit der Wiedervereinigung. Und warum? »Weil hier alles stimmt: Qualifikation, Motivation, Flexibilität«, sagt Deppe. »Ich verstehe Personal nicht als Kostenfaktor, sondern als Ressource, mit der das Management äußerst pfleglich umgehen muss.«

So beteiligt AMD jeden Mitarbeiter am Gesamterfolg des Konzerns. Erwirtschaftet er Gewinn, erhalten die Arbeitnehmer pro Quartal rund 3,5 Prozent ihres Verdienstes obendrauf. Auch die Arbeitszeiten regelt Deppe flexibel. »Der Osten ist in vielerlei Hinsicht moderner als der Westen«, sagt West-Import Deppe. »Mir ist es ein Rätsel, warum es hier nicht mehr Industrie gibt.«

Erfolgsmeldungen wie die aus Dresden verleiten Arbeitsmarktexperten schnell zu Optimismus - oft vorschnell. »Die Wirtschaft entlässt weniger und nimmt mehr auf«, frohlockt Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, und verweist auf die leicht zurückgegangene Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten. Diese Tendenz kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer mehr hochqualifizierte, gutbezahlte Jobs wegfallen und durch schlechtbezahlte ersetzt werden. »Reguläre« Arbeitsplätze weichen zunehmend »prekären Beschäftigungsverhältnissen«, wie die Jobs in der Sprache der Arbeitsmarktexperten genannt werden.

Nach einer Analyse des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) blieb zwar die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr nahezu konstant. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs aber sank rapide. Rund 450 000 Vollzeitarbeitnehmer weniger zahlten 2005 in die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenkasse ein. Im Jahr 2006 werden es nach IAB-Berechnungen noch einmal 300 000 weniger sein.

Dagegen stieg die Zahl derjenigen, die sich selbständig, mit 400-Euro- oder Nebenjobs sowie Teilzeitarbeit verdingen müssen. Allein die Zahl der »geringfügig Beschäftigten« nahm zwischen 2000 und 2005 um 30 Prozent zu (siehe Grafik). Rund 1,8 Millionen Menschen gehen laut IAB nach Feierabend einem Zweitjob nach, bei dem sie maximal 400 Euro verdienen. Weitere 413 000 Menschen arbeiten neben ihrem eigentlichen Beruf in ihrer Freizeit selbständig als Taxifahrer, Reinigungskraft oder Pizzabote. Das sind immerhin 5,7 Prozent aller Erwerbstätigen und damit sogar mehr als in den USA.

Für die Gewerkschaften ist diese Entwicklung alarmierend. »Solange ich DGB-Vorsitzender bin, will ich nicht hinnehmen, dass dieses Land in amerikanische Verhältnisse abdriftet«, sagt DGB-Chef Michael Sommer. »Dieses Land ist eines der reichsten Länder der Erde und leistet sich bereits jetzt, dass ein großer Teil der arbeitenden Menschen praktisch von Armutslöhnen lebt.«

Job ist eben nicht gleich Job, und deshalb sind viele der Jubelmeldungen über neue Arbeitsplätze eher mit Vorsicht zu genießen. Die norddeutsche Kaffeehauskette Balzac Coffee beispielsweise verkündet, in diesem Jahr 100 neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben und im neuen Jahr weitere 100 einzurichten. Doch ihren Angestellten - fast ausnahmslos Studierende - zahlt Inhaberin Vanessa Kullmann Stundenlöhne von 6,50 Euro. Und nach Feierabend müssen ihre Mitarbeiter eine Stunde den Laden reinigen - freilich ohne Lohn.

Auch die stark wachsende Handelskette Lidl verweist gern auf ihre 20 000 Arbeitsplätze, die sie allein in den vergangenen drei Jahren geschaffen hat. Aber kaum einer der Neuangestellten hat eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle. Die Mehrheit arbeitet halbtags oder auf 400-Euro-Basis.

Selbst Konzerne, die viel Beifall aus Politik und Öffentlichkeit für ihr Engagement in Deutschland erhalten, stellen eher »prekäre« Arbeitsplätze zur Verfügung. Einen solchen Arbeitsplatz ergatterte Kay Eckel aus Kabelsketal in Sachsen-Anhalt. Seit August arbeitet der 25-Jährige beim Logistikkonzern DHL, einer Tochter der

Deutschen Post. Am Leipziger Flughafen, wo DHL bis zum Jahr 2008 ein neues Luftdrehkreuz einrichten und 3500 Menschen einstellen will, probt Eckel sozusagen schon mal den Ernstfall - aber in Teilzeit.

60 Prozent der neuen Jobs werden in Leipzig auf Teilzeitbasis entstehen. »Atmende Arbeitszeit« nennt Michael Reinboth, Leiter des DHL-Kreuz-Europa, das Modell. So sortiert sein Angestellter Eckel täglich von 20 bis 22.30 Uhr Päckchen. Dann geht er nach Hause, schläft ein wenig, um um 4.30 Uhr erneut zum Dienst zu erscheinen und bis 8 Uhr zu arbeiten. Insgesamt kommt Eckel so auf 30,5 Stunden. »Wir holen die Leute, wenn wir sie brauchen, und schicken sie nach Hause, wenn wir sie nicht brauchen«, sagt Reinboth.

Für ihn ist das ein »Zukunftsmodell«, für Eckel ist es ein Glücksfall. »Sonst hätte ich, wie alle meine Freunde, in den Westen, nach Österreich, Holland oder sonstwohin pendeln müssen«, sagt Eckel. Mitarbeiter wie er verdienen bei DHL zwischen 17 150 und 20 755 Euro im Jahr - Tarif. Speditionskaufleute mit Spezialkenntnissen wie Im- oder Exportwirtschaft bringen es immerhin auf bis zu 26 728 Euro.

Da hat es Sandra Jodeleit, 29, besser. Seit zwei Monaten wird die studierte Betriebswirtin bei der zum Metro-Konzern gehörenden Handelskette Media Markt als angehende Führungskraft ausgebildet. Während ihres Studiums und auch danach tingelte sie als »Projektleiterin« durch diverse Callcenter. Jetzt sieht sie erstmals Perspektiven. »Hier kann ich mich entwickeln, kann ins Ausland gehen oder Abteilungen übernehmen«, sagt Jodeleit.

Wie kaum ein Unternehmen expandiert die Media-Saturn-Holding GmbH, zu der neben Media Markt auch das Elektrokaufhaus Saturn gehört. Innerhalb eines Jahres schraubte der Konzern in Deutschland die Mitarbeiterzahl um 1525 Menschen nach oben. Nur 3,6 Prozent aller Arbeitsplätze sind nicht sozialversicherungspflichtig. Und die Zahl der Märkte steigt. Jodeleit arbeitet für den 200. Media Markt in Hamburg-Altona. Die Akademikerin muss erst einmal Waschmaschinen verkaufen, doch bald soll sie Personal- und Budgetverantwortung bekommen, soll selbst für den Einkauf der Ware verantwortlich sein und dezentral mit den Herstellern Konditionen aushandeln

»Wir sind deshalb so erfolgreich, weil bei uns die Mitarbeiter quasi Unternehmer im Unternehmen sind«, sagt Utho Creusen, Mitglied der Geschäftsführung und verantwortlich für Personal in der Media-Saturn-Holding. »Das spornt zu Höchstleistungen an.« Und so verwundert es nicht, dass Creusen viele seiner Managerkollegen für phantasielose Nieten hält. »Wer ein Klima der Furcht sät und bei Umstrukturierungen immer zuerst an Personalabbau denkt statt an neue unternehmerische Ideen, muss sich nicht wundern, wenn es bergab geht.« CHRISTOPH PAULY, JANKO TIETZ

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