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Beamtenurlaub An den Nerven kitzeln

Die Länge der Beamten-Ferien soll künftig nur nach dem Lebensalter bemessen werden. Höhere Verantwartung hätte, so die Arbeitnehmer-Verbände, nicht unbedingt höheres Erholungsbedürfnis zur Folge.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Der verfilzte Urlaubs-Zopf hamburgischer Staatsdiener wird Stück für Stück gestutzt: In fünf Jahren soll ein Stufenplan ablaufen, der die Länge der Beamtenferien nach dem Lebensalter berechnet. Dienststellung oder höhere Verantwortung werden nicht mehr berücksichtigt.

In diesem Sommer muß beispielsweise ein über 40 Jahre alter Oberamtsgehilfe nach fünf Wochen seine Strandburg an der Urlaubsküste räumen, während der gleichaltrige Regierungsdirektor eine Woche länger auf Sand lagern darf. Von 1977 an werden alle, ob Sekretär oder Finanzpräsident, die gleiche Zeit ihrer Amtsluft fernbleiben: die unter 30jährigen über vier Wochen, die 30- bis 40jährigen mehr als fünf Wochen und die noch älteren sechs Wochen.

Das Land Hessen berücksichtigt schon seit 1949 weder Amt noch Rang und ist deshalb bereits in diesem Jahr so weit, wie es die Hanseaten erst für 1977 geplant haben. Überdies dürfen Hessen-Bedienstete, die ihren 50. Geburtstag gefeiert haben, sogar sechs Wochen und drei Tage dem Amt entfliehen, länger als ihre Kollegen an der Elbe.

Als 1963 die Gewerkschaften den Anspruch erhoben, »die Urlaubsdauer ist nach dem Lebensalter zu bemessen« (Beamtenpolitisches Programm des Deutschen Gewerkschaftsbundes), regte sich Widerspruch bei den Betroffenen. Der Deutsche Beamtenbund (DBB) als Standesorganisation klotzte damals mit dem Argument, das höhere Amt und die damit verbundene höhere Verantwortung bedinge eine stärkere Belastung.

Erst Mitte der sechziger Jahre schwenkte der DBB auf die Linie der DGB-Verbände ein. Beamtenbund-Chef Alfred Krause an den Bundesinnenminister: »Das auf den ersten Blick recht plausibel erscheinende Gegenargument einer nur nach dem Alter entsprechenden Urlaubsstaffelung wird durch Tatsachen widerlegt.«

Nach Feststellung von Krauses Verband liegt das Durchschnittsalter, in dem die Staatsdiener schlaff oder tot das Amt verlassen, etwa bei Beamten

* des einfachen Dienstes zwischen dem 56. und 57. Lebensjahr,

* des mittleren Dienstes beim 59. Lebensjahr,

* des gehobenen Dienstes beim 61.Lebensjahr und

* bei Beamten des höheren Dienstes beim 63. Lebensjahr.

Krause kommentiert: »Der Erholungsurlaub ist ja nicht, wie etwa die Besoldung, ein Leistungsäquivalent, sondern eine Maßnahme zur Erhaltung der Dienstfähigkeit. Es muß mit aller Entschiedenheit abgelehnt werden, die Länge des Erholungsurlaubs zu einer Frage des sozialen Prestiges zu machen.«

Für das vorzeitige Ausscheiden, vor allem im einfachen und mittleren Dienst, entdeckten Arbeitspsychologen die Gleichförmigkeit der untergeordneten Arbeit, die einen starken Kräfteverschleiß bewirke. Statistische Untersuchungen in Behörden ergaben, daß in den unteren Laufbahngruppen mehr Krankentage anfallen als bei den höheren Rängen. Für den Psychiater und Betriebsberater Dr. Hellmut Sopp sind diese Leistungsstörungen »Ausdruck einer schweren schleichenden Berufskrise«.

Heinz Kluncker, Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), betrachtet als eine der Krisenursachen die »antiquierten Formen der Über- und Unterordnung« und fordert, sie »durch arbeitsteilige Teamarbeit und Delegationen zu ersetzen«. Dies sei allerdings nur möglich, wenn das Tarif- und Dienstrecht verändert und eine gleichwertige, nicht nur innerbetriebliche Mitbestimmung auch in den Beamtenstuben Einzug halte. Der Beamtenbund hört das nicht gern und befindet die Kluncker-Diagnose als »eigentümliche Gedankenwelt mit begrenzten rationalen Ansichten«.

Da die Beamten-Vertretungen in den Grundfragen entzweit sind und der Bundesinnenminister nicht willens sei, das »Drei-Klassen-System von Arbeitern, Angestellten und Beamten weiter abzubauen«, bleibe die »heile Welt des öffentlichen Dienstes von Hans-Dietrich Genscher« vorläufig weiter bestehen (ÖTV-Vize Hoffmann). Lediglich in den Ansätzen einer Urlaubsreform sind sich jetzt die Verbände einig.

Fast hätten aber ausgerechnet die Hamburger Sozialdemokraten den Fortschritt verzögert. Vor zwei Jahren, zu Beginn der neuen SPD/FDP-Koalition im Stadtstaat, versprachen sie auf Anregung der Freidemokraten ihren 38 000 unkündbaren Dienern eine bessere Ferienordnung. Die Zusage wurde wegen einer Kassenebbe gestoppt, denn die Mehrkosten von fünf Millionen Mark allein im Jahr 1975 waren nicht im Etat unterzubringen.

Zwar wird der Arbeitsausfall durch Urlaub in der Regel durch Mehrarbeit der Kollegen ausgeglichen. Im Vollzugsdienst jedoch -- etwa bei den rund um die Uhr tätigen Feuerwehrleuten und Polizisten -- müssen zusätzliche Planstellen eingerichtet werden. Versuche der Verwaltung, den Beginn der Reform weiterzuverschieben, unterblieben, nachdem ÖTV und Beamtenbund gemeinsam gegen die »soziale Demontage« protestierten.

Allerdings mußte der Beamtenplan auf fünf Jahre gedehnt werden. Bis dahin könnten die öffentlichen Arbeiter und Angestellten, die ihre Urlaubslänge in Tarifverträgen durchboxen und nicht auf Verordnungen warten, ihre beamteten Kollegen schon überflügeln.

Gewerkschaftlicher Vorreiter für Urlaubsverlängerung war bisher stets die IG Metall. In diesem Jahr hat sie den über 30jährigen unter den rund fünf Millionen beschäftigten Metallern bereits vier Wochen und zwei Tage Urlaub beschafft. Andere Verbände zogen nach.

Nun visiert Metall-Arbeiterführer Otto Brenner bereits doppelt lange Ferienzeiten an: Falls die Chancen von Automation und Technik genutzt werden, so der Chef-Metaller, gibt es 1985 je vier Wochen Sommer- und Winterurlaub, dazu vierzehn Tage Betriebsfreizeit für die Weiterbildung.

Gerhard Schmidt, Beamtenexperte des DGB-Bundesvorstandes: »Wenn wir nicht laufend den Volksvertretern an den Nerven kitzeln, hängen die Beamten eines Tages wieder am Urlaubsschwanz.«

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