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Investitionen An den Teufel verkauft

Die Lage im brandenburgischen Pritzwalk ist verzweifelt. Zwielichtige Geschäftemacher nutzen die Situation aus.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Für den Start in eine neue, bessere Zeit scheint das Chefbüro der brandenburgischen LPG Seefeld genau der richtige Ort. Schlechter jedenfalls kann es kaum noch kommen.

»Mit Ackerbau«, weiß der LPG-Vorsitzende Eckehard Schulz, »ist hier keine Mark mehr zu verdienen.« Von den einst 330 Werktätigen haben 256 bereits die Kündigung erhalten. Die alten Bauernfamilien bekommen ihr Land zurück, wenn sie es denn wollen.

In dieser verzweifelten Lage erschien ein Kaufmann aus Bremen den Hoffnungslosen wie eine Lichtgestalt. Wortgewaltig verheißt Peter Millrose der verarmten Region Prignitz eine blühende Zukunft.

Seit Monaten schon hält Millrose im Chefzimmer der LPG Sprechstunden ab. An ausgewählten Tagen von 9.00 bis 11.00 und 13.00 bis 20.00 Uhr oder nach Vereinbarung.

Eindringlich verhandelt der Mann aus dem Westen mit den bäuerlichen Landbesitzern. Eifrig verspricht er zaudernden Kommunalpolitikern Geld für die darbenden Dörfer und Arbeit, viel lohnende Arbeit fürs Volk.

Millrose ist Repräsentant der Bremer MBG Beteiligungs- und Beratungsgesellschaft mbH. Die Firma hat sich eine Menge vorgenommen im Nordwesten des neuen Bundeslandes Brandenburg.

Aus unfruchtbaren Äckern des Kreises Pritzwalk soll ein gigantisches Tourismusprojekt erwachsen: Feriendörfer und Freizeitparks, Spaßbäder und Spielkasinos, Golfplätze und Luxushotels - ein Milliardending.

Landrat Reinhard Götze und sein Wirtschaftsdezernent Manfred Uhlmann waren von all den schönen Plänen ebenso angetan wie viele Bauern und Landarbeiter. Allein mit Fertigstellung des ersten Bauabschnitts im kommenden Jahr (Investitionsvolumen: 200 Millionen Mark) sollen mehr als 700 Arbeitsplätze im neuen Pritzwalker Urlaubsparadies geschaffen werden.

Die Mühen der Kreisverwaltung schienen sich gelohnt zu haben. Hartnäckig hatte Uhlmann im Westen um Investoren geworben, in Zeitungsannoncen und in Gesprächen mit Unternehmern. »Eins haben wir ganz schnell gelernt«, sagt der ehemalige Berufsschullehrer, »man darf nicht auf Entscheidungen von oben warten, man muß selbst handeln - von allein kommt nichts.«

So schien sich manches zum Guten zu wenden in der Prignitzer Provinz. Für ein neu ausgewiesenes Gewerbegebiet, direkt an der Autobahn Hamburg-Berlin, haben sich ebenfalls erste Investoren gemeldet, sogar aus dem Ausland.

Der in der Schweiz lebende Italiener Demetrio Leone, 44, will gemeinsam mit einem deutschen Partner auf der grünen Wiese eine Windelfabrik bauen. Grundsteinlegung ist für Mitte April geplant, Beginn der Produktion im September. 56 Millionen Mark soll das Werk kosten und 150 Arbeitsplätze schaffen.

»Wir wollen teilhaben am Aufbau eines neuen Deutschlands«, verkündete Leone Mitte März in Pritzwalk mit Pathos. Von Pritzwalk aus, Hand aufs Herz, würden Babywindeln und Damenbinden sowie die Erzeugnisse einer von ihm entwickelten »neuen Technologie der Zellstoffproduktion in viele Länder der Welt« exportiert werden.

Ob all die schönen Worte in die Tat umgesetzt werden, ist fraglich. Landrat Götze und seinem wackeren Wirtschaftsdezernenten kommen allmählich Bedenken - gegen die Investoren aus der Windelbranche ebenso wie gegen die Initiatoren in Sachen Tourismus.

Der Bremer Millrose weigert sich beständig, seine angeblichen Geldgeber zu nennen. »Ich würde es gern tun«, beschwichtigt der Mann im blauen Zweireiher und der etwas zu farbenfreudigen Krawatte alle Zweifler, »aber meine Partner wollen erst in die Öffentlichkeit treten, wenn die Sache hier geregelt ist.«

Viele um ihre Existenz bangende Bauern setzen dennoch auf Peter Millrose. »Wenn das Projekt scheitert, dann versinken wir endgültig in Armut«, sagt LPG-Chef Schulz. »Was sollen wir denn sonst mit dem vielen Land anfangen?«

Doch der Widerstand wächst. Die Bürgermeister von im Planungsgebiet liegenden Dörfern wie Schönebeck und Boddin wollen »mit allen Mitteln« Millroses Ferienfabriken verhindern - schon aus Gründen des Umweltschutzes. Auch bei Wirtschaftsplaner Uhlmann mag keine Freude mehr aufkommen. »Wir müssen alles noch einmal sehr sorgfältig überdenken«, sagt er.

Die Einsicht kommt spät. Rund 600 Hektar Land hat Millrose nach eigenem Bekunden für seine Firma bereits vertraglich gesichert - entweder durch Kauf zum Spottpreis von 40 Pfennig pro Quadratmeter oder durch langfristige Pacht zum Hektar-Sparzins von 100 bis 300 Mark per annum.

Damit gehört die Bremer MBG wohl bereits jetzt zu den größten privaten Grundstücksherren im neuen deutschen Osten - egal ob, wie versprochen, das Tourismusgeschäft klappt oder, wie abzusehen, die Träume der Pritzwalker Bauern von Wohlstand und Fremdenverkehr platzen.

»Viele Menschen hier«, zürnt ein betroffener LPG-Genosse, »haben sich für ein Trinkgeld an den Teufel verkauft.« Einer zwielichtigen Gestalt sind sie wohl in jedem Fall aufgesessen.

Im Westen jedenfalls würden Kaufleute dem Geschäftemacher wohl kaum auch nur eine Mark leihen. Im August 1989 erging gegen Millrose vom Amtsgericht Oldenburg »Haftanordnung zur Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung«. Der Kaufmann mußte den Offenbarungseid leisten.

Möglicherweise hat auch Fabrikant Leone aus der Schweiz einschlägige Gründe für sein Engagement in Pritzwalk. Die Geschäfte im heimischen Zurzach laufen nicht so gut wie der quirlige Chef es gern hätte. Leones Royce AG steckt in Schwierigkeiten, Gläubiger drängen auf Rückzahlung geliehener oder gestundeter Gelder.

Schnelle Hilfe soll aus dem deutschen Osten kommen. Denn die Subventionen sind dort ausgesprochen günstig.

Rund 20 Millionen Mark aus Fördermitteln des Bundes kassieren Leone und sein deutscher Partner Max-Ludwig Winkler. Weitere 30 Millionen sollen Banken an Krediten gewähren. Lediglich rund 5,5 Millionen Mark müssen Leone und Winkler als Eigenmittel aufbringen.

Doch auch das erforderliche Eigenmittel und etliches mehr läßt sich der ausgebuffte Italiener vom Bonner Finanzministerium schenken. Der Trick: In den Planungsunterlagen für die Genehmigungsbehörden sind die Windelmaschinen teilweise zum dreifachen des tätsächlichen Preises ausgewiesen.

Da kostet eine Produktionsstrecke für Babywindeln des italienischen Lieferanten CCE, die auf dem Weltmarkt für kaum mehr als eine Millionen Dollar zu haben ist, plötzlich fast 6,5 Millionen Mark. Möglich wird das, weil Leones Schweizer Firma Royce die CCE-Maschinen als Zwischenhändler an die neue Firma Royce & Winkler Brandenburg nach Pritzwalk weiterverkauft.

Allein die durch den Mehrpreis ebenfalls gestiegenen Subventionsmittel, gesteht ein Mitarbeiter Leones, würden rund neun Millionen Mark betragen. Unverhohlen schrieb Leone Anfang Februar an die Schweizerische Kreditanstalt, daß er demnächst eine größere Summe aus Deutschland erwarte.

Das avisierte Geld stammt aus den geplanten Investitionen in Pritzwalk. »Wir verdienen am Maschinenverkauf rund DM 15 Mio.«, heißt es in dem Schreiben, »wovon wir allerdings DM 5,5 Mio. als Eigenkapital bei Royce & Winkler wieder einsetzen müssen.« So einfach ist das.

Noch allerdings sind die Mittel nicht da. Zwar hat das zuständige Wirtschaftsministerium in Potsdam den frisierten Leone-Plan bereits arglos genehmigt. Doch die Subventionsmillionen fließen erst, wenn auch die Banken die beantragten Kredite genehmigt haben.

Das macht offenbar mehr Schwierigkeiten als erwartet. Die Deutsche Bank in Potsdam zögert noch, weil die von Leone eingereichten Unterlagen Fragen offen lassen. Partner Winkler versucht derweil bei der Kreissparkasse Pritzwalk fehlende Millionen zu bekommen. »Schließlich wollen wir ermöglichen«, sagt der Osnabrückner Kaufmann süßlich, »daß auch die heimische Finanzwirtschaft an unseren Investitionen verdient.«

Im Wirtschaftsdezernat des Kreises hofft Abteilungsleiter Uhlmann trotz der windigen Geschäftsgebaren, daß alles gutgehen möge. Schließlich stehen die Investoren nicht gerade Schlange, schon im Sommer wird eine Arbeitslosenquote von 30 bis 40 Prozent erwartet. Da wird schnell mal ein Schlitzohr zum Hoffnungsträger.

»Man darf vielleicht gar nicht so genau nachforschen«, sinniert ein Beamter des Kreises, »wenn es um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht.«

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