Analyse Warum Opel ohne GM besser dran wäre

GM würde sich auf einen Verkauf von Opel einlassen - das ist die einzige klare Botschaft, die der Mutterkonzern für Deutschland hat. Eine prima Idee: Denn tatsächlich wäre das Unternehmen ohne Konzernchef Wagoner und Co. viel besser gerüstet für die Zukunft.

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Bochum - Mit banger Spannung wurde bei Opel der neue Sparplan aus der General-Motors-Zentrale erwartet. Die Aussichten waren schlecht, aber man durfte zumindest auf Gewissheit hoffen: Werden deutsche Werke geschlossen? Falls ja, welche?

Opel-Produktion (in Eisenach): Die Perle im GM-Konglomerat
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Opel-Produktion (in Eisenach): Die Perle im GM-Konglomerat

Doch nun, nach der Verkündung, ist die Lage kaum klarer. Die erwarteten Grausamkeiten wurden ausgesprochen: 47.000 Stellen will General Motors Chart zeigen streichen, jeden fünften Arbeitsplatz weltweit. 26.000 Jobs sollen außerhalb der USA eingespart werden, und damit sind auch Werksschließungen verbunden. Wo das aber geschehen soll, verriet das Konzernmanagement nicht.

Bei Opel stehen nun ein Ende des Standorts Bochum oder der Verkauf des Eisenacher Werks zur Debatte. Alles ist möglich. Jede Dependance steht unter Beobachtung, heißt es. Am Mittwochmorgen tagten Management und Betriebsräte, um weitere Sanierungsschritte zu beraten.

Trotzdem, einen Schritt ist man seit vergangener Nacht weiter. Lange war darüber gerätselt worden, wie realistisch ein "Projekt Opel" ist - der Vorschlag also, Opel aus dem GM-Konzernverband herauszulösen und eigenständig fortzuführen. Die Logik in der deutschen Diskussion: Opel ist die Perle im GM-Konglomerat. Isoliert vom Rest könne man sie polieren und in neuem Glanz erstrahlen lassen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass GM die Loslösung zulässt. Die schicksalsträchtige Frage beantwortete GM-Chef Rick Wagoner in der Nacht in einem Nebensatz. Er sagte, es habe sich für Opel noch kein Kaufinteressent gemeldet.

Opel auf eigenen Füßen - das ist also nicht mehr undenkbar für General Motors. Nach ihrer Sitzung legten die europäische Geschäftsführung und der Gesamtbetriebsrat nach: "Wenn es für den nachhaltigen Erfolg von GM Europa und Opel Sinn macht, ist das Management auch bereit, über Partnerschaften und Beteiligungen mit Dritten zu verhandeln", lautet die offizielle Linie seit Mittwochmittag.

Aus Sicht der Detroiter ist das eine recht attraktive Variante, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer: "So könnte der Konzern schrumpfen, wie es von ihm gefordert wird, ohne die Sozialkosten von Werksschließungen tragen zu müssen." Die Schrumpfkur ist Voraussetzung dafür, dass das beinahe insolvente Unternehmen weiter mit amerikanischen Steuergeldern gestützt wird.

Kein Käufer in Sicht

Die Sache hat allerdings zwei Haken. Zum einen: Ein Käufer ist nicht in Sicht. Und es ist unwahrscheinlich, dass ein einzelner Autokonzern tatsächlich Interesse zeigen wird. Schon andere Marken, teils aus dem GM-Konzern, werden angeboten wie Sauerbier: Hummer, Saab, von Ford auch Volvo. Die meisten Autohersteller sind mit dem Überleben bereits ausgelastet, Kredite sind nicht gerade einfach zu bekommen.

Zum anderen: Die Geschichte von der Perle Opel könnte sich beim Blick in die Bücher schnell als Legende entpuppen. Genaues weiß man freilich nicht, denn die Zahlen von Opel verstecken sich seit Jahren in den Gemeinschaftsbilanzen von GM Europe. Dort sind auch die Geschäfte der schwedischen Tochter Saab verrechnet, von der bekannt ist, dass sie tiefrote Zahlen schreibt und auf der Abschussliste steht. "Zieht man die bekannten Quartalszahlen heran, ist es wahrscheinlich, dass GM in Europa im vergangenen Jahr weit über eine Milliarde Dollar Verlust gemacht hat", sagt Dudenhöffer. "Das kann nicht allein von Saab kommen."

Allianz für Opel

Dennoch wäre es einen Versuch wert, findet Dudenhöffer. Die Autos von Opel sind tatsächlich konkurrenzfähig. Viel hinge davon ab, wer in eine eigenständige Opel AG einsteigt. Sicher würde GM 30 bis 40 Prozent weiter halten wollen, schon um künftig weiter Zugriff auf gemeinsame Technikplattformen zu haben. Solche Kooperationen sind problemlos vertraglich zu konstruieren.

Opel in Deutschland: Klicken Sie auf das Bild für die Großansicht
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Neben den Opel-Betriebsräten hatte sich eine Gruppe größerer Vertragshändler für die Eigenständigkeit stark gemacht. Auch sie könnten Aktien erwerben. Und schließlich würde sich zumindest übergangsweise der Bund beteiligen, um das "Projekt Opel" zu ermöglichen. "Eine prinzipielle Zusage der Bundesregierung über eine 1,8-Milliarden-Bürgschaft für den Notfall gibt es ja schon. In einer Beteiligung wäre das Geld sicher sinnvoller eingesetzt", meint Dudenhöffer. Auch die Ministerpräsidenten aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Thüringen stehen im Wort. Möglicherweise würden die spanische und die britische Regierung Geld zuschießen, um die Werke in ihren Ländern zu sichern.

Allerdings dürfe sich kein Staat auf eine Mehrheitsbeteiligung einlassen. Zum einen ist das den Wählern gegenüber schwer zu rechtfertigen. Nur mit Arbeitsplätzen lässt sich überhaupt erklären, warum europäische Steuerzahler helfen sollen, Rick Wagoners Probleme zu lösen. Außerdem bliebe man mit einer Mehrheitsbeteiligung auf den Sozialkosten sitzen, wenn das Projekt scheitere, so Dudenhöffer.

Diese Gefahr ist angesichts der Marktlage groß. Autobauer überall in der Welt haben die Talsohle noch nicht erreicht. Selbst Volkswagen Chart zeigen rechnet mit Quartalsverlusten. Ein erhellender Vergleich, denn der Wolfsburger Konzern hat sich in der Branchenkrise bislang wacker gehalten und zielt mit dem Großteil seines Produktportfolios auf ähnliche Kundenschichten wie Opel.

Trostlose Alternativen

Was am meisten für das "Projekt Opel" spricht, sind die Alternativen - denn die sind trostlos. Wenn alles weitergeht wie bisher, wenn Opel bei GM bleibt, dann wird heftig gespart und umstrukturiert. Der Unterschied zum "Projekt Opel", bei dem ebenfalls die betriebswirtschaftliche Kneifzange zum Einsatz käme, ist wahrscheinlich gering. Allerdings müssten dann weiterhin alle Entscheidungen mit den USA abgesprochen werden. Rick Wagoner wäre noch immer Chefstratege. Mit Blick auf seine wenig visionäre Modell- und Markenpolitik der vergangenen Jahre muss man sagen: keine schöne Vorstellung.

Das dritte Szenario wäre die Insolvenz von General Motors mit Gläubigerschutz nach Chapter 11. Für den Konzern böte es die Chance eines sauberen Neuanfangs - mit etwas Glück sogar angeleitet von einem Management mit Weitblick. Für Opel allerdings stünden die Zeichen auf Sturm. Der Insolvenzverwalter würde noch härter durchgreifen als mit dem derzeitigen Sparprogramm zu erwarten ist. Zulieferer blieben auf ihren Rechnungen sitzen. Alles ginge ganz schnell: entweder den Bach runter oder in die Eigenständigkeit.

Die einzige Möglichkeit Einfluss zu nehmen, die die Opelaner derzeit haben, ist das "Projekt Opel". Über den weiteren Verlauf in Detroit bestimmt die US-Politik. Lehnt sie den Sparplan ab, dann läuft alles auf eine Insolvenz von General Motors zu. Darauf sollte Opel vorbereitet sein.



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