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RHODESIEN Ananas für Caritas

Mit allerlei Tricks und Tarnadressen unterläuft ein US-Ölmulti den Rhodesien-Boykott der Uno.
aus DER SPIEGEL 29/1976

»Das Ende Rhodesiens«, wahrsagte der frühere britische Premier Harold Wilson, »ist nur noch eine Frage von Wochen.«

Das war vor zehn Jahren. Auf Wilsons Antrag verhängte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein weltweites Embargo gegen das Regime des Ian Smith, um die weißen Rassisten durch ökonomischen Druck zum Einlenken zu zwingen.

Eine Dekade später hat sich an der Herrschaft der 270 000 Weißen über knapp sechs Millionen Schwarzafrikaner kaum etwas geändert. Gelegentlich wird die Kaste der Weißen zwar von schwarzen Freiheitskämpfern bedrängt. Doch noch immer leben die Großgrundbesitzer und Fabrikherren, die Rohstoffhändler und Kapitalverwalter im Überfluß. Sogar die Energieversorgung des Landes, das mit Ausnahme einer schmalen Grenze zu Südafrika von schwarzafrikanischen Gegnern umzingelt ist und über keine eigenen Ölquellen verfügt, funktioniert einstweilen reibungslos: Jene 600 000 Tonnen Öl und Benzin, die Wirtschaft und Militär Jahr für Jahr verbrauchen, fließen auf Schleichwegen ins Land.

Tätige Überlebenshilfe leisten amerikanische Ölmultis im Verein mit südafrikanischen Freunden der Rhodesier, die sich im Interesse des eigenen Geschäfts um Uno-Sanktionen nicht scheren. Da der direkte Handelsverkehr mit Rhodesien in den meisten Staaten unter Strafe steht, verfielen viele Händler auf eine trickreiche Umleitung über südafrikanische Kanäle. So wurde die Ölversorgung des isolierten Rhodesien zum Lehrstück für alle Firmen, die Beschlüsse von internationalen Gremien oder nationalen Regierungen unterlaufen wollen.

Um ihre Geschäfte zu verbergen, zogen die Ölhändler ein kunstvolles Tarnnetz auf. Wichtigste Drahtzieher:

* der fünftgrößte amerikanische Industriekonzern Mobil Oil mit seinen Töchtern in Südafrika und Rhodesien,

* die staatliche rhodesische Handelsagentur Genta,

* das staatliche südafrikanische Energieunternehmen Sasol und

* die Speditionsfirma Freight Services Ltd., die zu knapp 90 Prozent der Anglo American Corporation of South Africa des Harry Oppenheimer gehört.

Zwischen diesen Polen läuft stets das gleiche, eingespielte Verfahren ab: Das rhodesische Staatsbüro Genta meldet bei Mobil-Rhodesien seine Wünsche für Benzin, Diesel, Kerosin und andere Ölprodukte an. Mobil-Rhodesien (Aufsichtsrat: Willianix Beck) bestellt die verlangten Mengen unter dem Code-Wort »Ananas« bei der Schwesterfirma Mobil-Südafrika (Direktor: William Beck). Von dort gehen die Lieferscheine für »Ananas«, völlig legal, an den Energiekonzern Sasol, der die Papiere umgehend weiterreicht: an das Postfach 31883 in Braamfontein, das die Freight Services (Aufsichtsrat: William Beck) für eine obskure »Minerals Exploration Ltd.« gemietet haben soll.

Von dort fließt der Papiersprit an die nächste Adresse: Postfach 2581, Johannesburg, zu einer Firma »Rand Oils Ltd.«, die ohne Zögern als nächste Adresse ein Postfach 677 in Lichtenberg, Transvaal, bedient, wo die Briefkastenfirma »Western Transvaal Development and Exploration Co.« sitzt. Diese Gesellschaft verkauft die heiße Ware, wenigstens auf dem Papier, gelegentlich an ein Maklerbüro weiter, das sich mit dem unverdächtigen Namen »Caritas« schmückt.

»Das Wichtigste an diesem Vorgehen«, notierte der rhodesische Mobil-Direktor Richard van Niekerk in einem vertraulichen Brief an Mobil-Südafrika (Mosa), »ist, daß die Originalrechnungen von Mosa an alle diese Organisationen und deren Rechnungen untereinander ohne Bedeutung und lediglich eine falsch gelegte Spur sind.«

Denn in dem Augenblick, da bei der letzten Strohfirma die Rechnung für die nie an sie gelieferte Ware ins Postfach eingeht, ist das georderte Benzin längst in neutralen Waggons per Güterzug über die neue, staatliche Bahnlinie Südafrika-Rhodesien verfrachtet, bezahlt über ein rhodesisches Regierungskonto bei der Netherlands Bank in Südafrika.

Das Postfachsystem, so der Mobil-Direktor, »ist deshalb so kompliziert angelegt, um eine Untersuchung zu verhindern«. Billig ist es obendrein: Die Postfächer samt Betreuung kosten im Monat zwischen 60 und 75 Mark, als »Bedienungsgeld« überwies Mobil-Rhodesien ihren Freunden am Kap im Jahre 1973 eine halbe Million Mark.

Bei ihren Bemühungen, in dem Wirrwarr von Rechnungen für die diversen Ölprodukte über die verschiedenen Postämter nicht die Übersicht zu verlieren, begingen die Ölhändler freilich einen Fehler: Alle Rechnungen, die eine einzelne Warenlieferung betrafen, trugen jeweils die gleiche Buchhaltungsnummer und dasselbe Datum.

So war es für die Agenten der Widerstandsorganisation »Okhela« (Atlas), die dem in Südafrika verbotenen African National Congress (ANC) nahestehen, leicht, die fingierten Fährten zu verfolgen. Sie beschafften sich bei Mobil und bei Mitwissern Beweise für die Transaktionen. Nach Meinung des Mobil-Hauptquartiers in New York freilich »beweisen diese Papiere gar nichts, selbst wenn sie echt sind«. Denn die Firma hat, so Konzernchef Rawleigh Warner, »mit diesen Transaktionen nach Rhodesien nichts zu tun«. Klar -- Mobil lieferte ja nur an die südafrikanischen Zwischenhändler.

Aufmerksam auch verfolgen manche deutsche Unternehmen die Feinheiten des Rhodesien-Geschäfts. Einige haben schon geschaltet: Im Handel mit der von der Uno verurteilten Weißen-Republik, so Ministerialrat Wolfgang Laumann vom Bonner Finanzministerium, ist »oft ein neutraler Zwischenhändler in Südafrika eingeschaltet«.

Und der braucht sich um staatliche Eingriffe nicht zu sorgen. Seine Minderheitsregierung, versprach Premierminister Vorster bei seinem jüngsten Bonn-Besuch, »denkt nicht daran, sich am Embargo zu beteiligen«.

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