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JAPAN-IMPORTE Angriff auf Mekka

Japans Export-Industrie drängt immer mehr deutsche Konsumartikel-Firmen vom Markt. Die einzige Chance, Märkte zurückzugewinnen, sieht AEG-Chef Groebe in der Entwicklung hochwertiger Spezialitäten.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Vor drei Jahren«, erinnerte sich AEG-Chef Hans Groebe, 55, »haben wir noch geglaubt, daß das der übliche Schweinezyklus ist. Nach der Berliner Funkausstellung spätestens -- als nämlich die Bestellungen ausblieben -- wurden wir eines anderen belehrt.«

Statt des gewohnten Auf und Ab in den Geschäften, wie es die Bauernregel vom Schweinezyklus umschreibt, erkannte der Elektro-Boß im Herbst dieses Jahres nur noch ein Abwärts: Alteingeführte heimische Markenerzeugnisse wichen zunehmend dem Druck preiswerter Qualitätsware aus Fernost.

Die Optikunternehmen des asiatischen Kaiserreiches Japan rissen einen großen Teil des deutschen Photo-Marktes an sich und zwangen beispielsweise die einstmals renommierte Kamera-Firma Zeiss Ikon, ihre Braunschweiger Voigtländer-Werke zu schließen. Japanische Stahltrusts brachen in die heimischen Märkte deutscher Eisenhütten ein, und fernöstliche Maschinenbauer drängten westdeutsche Konkurrenten aus dem Geschäft.

Ob sie Tischrechner oder Regenschirme, Wälzlager oder Walzstahl verkaufen wollen, überall stoßen deutsche Unternehmer auf die preiswürdigeren Angebote japanischer Konkurrenten. Allein von 1968 bis 1971 nahm der Wert japanischer Importe in die Bundesrepublik von 1,2 Milliarden Mark auf rund 2,5 Milliarden zu. Und die Düsseldorfer Handelskammer argwöhnte in einer Untersuchung über die japanischen Firmen ihres Bereichs: »Häufige Kapitalerhöhungen und Ausbau des Personalbestandes lassen auf starke Expansion schließen.«

Die Studie der Düsseldorfer Kammer-Herren deckt sich mit einer internen Marktuntersuchung von Hans Groebes AEG-Konzern: Die Experten des Elektrotrusts rechneten aus, daß ausländische Einfuhren -- besonders aber die gefürchtete Japan-Ware -- spätestens 1980 bei den meisten Produktgruppen über die Hälfte des heimischen Bedarfs decken werden, bei Rundfunkgeräten und Tonbandkassetten sogar fast hundert Prozent.

Mithin müssen Produzenten von Unterhaltungselektronik wie Fernsehern, Tonbandgeräten, Plattenspielern und Radios schon jetzt um den Bestand ihrer Geschäfte fürchten. Einigen von ihnen steht sogar ein jäher Exitus bevor, wenn sie nicht rechtzeitig neue Produktionsbereiche entwickeln.

Schon heute beziehen Fachgeschäfte und Kaufhäuser ihre sämtlichen Taschen-Transistorgeräte von ausländischen Fabriken. Bei Mono-Rundfunkgeräten gaben die deutschen Kunden 1971 schon zu 70 Prozent ausländischen Marken den Zuschlag. Selbst bei den technisch aufwendigen Farbfernsehern steigerten ausländische Konzerne ihren Marktanteil von 1969 bis 1971 von einem auf sechs Prozent. Nach der AEG-Studie werden es 1980 bei Farbgeräten schon 30, bei Schwarzweiß-Apparaten sogar 90 Prozent sein (siehe Graphik Seite 64).

Elektro-Manager Groebe mußte als erster der Rundfunk-Branche schmerzliche Konsequenzen aus dieser Entwicklung ziehen. Anfang Dezember verkündete er einen spektakulären Aufsichtsratsbeschluß: Die Kernzelle der erst vor zwei Jahren erworbenen Tochtergesellschaft Kuba-Imperial, das Imperial-Werk Wolfenbüttel, wird stillgelegt, und 1100 Kuba-Werker verlieren ihren Arbeitsplatz.

Im Siegesrausch über die internationale Verbreitung des von der AEG-Tochtergesellschaft Telefunken entwickelten Pal-Farbfernseh-Systems hatte der Elektrotrust 1969 seine Marktaussichten überschätzt und sich durch den Kuba-Kauf (Preis: mehr als 50 Millionen Mark) Überkapazitäten im Produktionswert von 200 Millionen Mark aufgeladen.

Jetzt dämmerte den Bossen in der Frankfurter AEG-Zentrale, daß der Wolfenbüttel-Ausbau eine Fehlplanung war. Deshalb konzentriert der Elektrotrust nun die Fertigung von Rundfunk- und Fernsehgeräten sowie der dafür erforderlichen Bauteile in Hannover, in Celle und in der Braunschweiger Imperial-Gehäuse-Fabrik.

Schon vor einem Jahr indes hätten die Elektronik-Manager merken müssen, daß die Produktion von Fernsehgeräten weit über die Absatzmöglichkeiten hinausgetrieben worden war, da nahezu sämtliche Unternehmen ihre Fertigungsstätten unmäßig ausbauten. Selbst »Befreiungsvorschläge vieler Hersteller« (Saba-Chef Hermann Brunner-Schwer) wie etwa Billig-Angebote vermochten Kurzarbeit und Stillegungen nicht zu bremsen. In der Aktionärs-Hauptversammlung gab AEG-Boß Hans Groebe kleinlaut zu, »daß die Kapazitäten dem Abfluß der Farbfernsehgeräte vorangeeilt sind«.

Elektronikfabriken wie die AEG Tochter Olympia dagegen entweichen dem Preisdruck aus Fernost durch Einkauf kompletter japanischer Tischrechner, die sie anschließend als eigene Markenware unter die Leute bringen.

»Der Handel entwickelt sich sehr gut in beiden Richtungen«, freute sich denn auch vergangene Woche Kazuro Sonoda, Chef der deutschen Niederlassung der Bank von Tokio in Düsseldorf. Die Rheinmetropole hat sich schnell zum Zentrum der japanischen Yen-Invasion entwickelt. So leben rund 2000 Japaner in Düsseldorf, und die Industrie- und Handelskammer des Bezirks registrierte in ihrem Bereich 117 japanische Firmen oder Büros. Allein das Handeishaus Mitsubishi in Düsseldorf erzielte 1967 einen Umsatz von 447 Millionen Mark, inzwischen hat es die halbe Milliarde längst überschritten.

Hans-Bernd Giesler, Direktor des Deutsch-Japanischen Wirtschaftsbüros in Hamburg, sieht überdies im Warenverkehr mit dem fernöstlichen Export-Giganten neue Entwicklungen: »Die Tendenz geht zu den hochtechnischen Apparaten.«

Der Deutsche in Nippons Diensten spricht damit an, was der westdeutschen Industrie heute am meisten zu schaffen macht: Während sich die Japaner vor etwa zehn Jahren mit qualitativ oft schwachen, aber sehr billigen Waren in den Markt boxten, verkaufen sie nun zunehmend Spitzenqualitäten, die deutschen Erzeugnissen in nichts mehr nachstehen.

Noch vor wenigen Jahren hatte beispielsweise Zeiss Ikon-Chef Fritz Gössler über den Blauschimmer in japanischen Kameralinsen und Ferngläsern gespottet, der durch mangelhaftes Schleifen oder gleich beim Guß verursacht worden war. Jetzt hat ihn die Fernost-Konkurrenz durch Qualität zu niedrigen Preisen aus dem Markt geworfen.

Die Tokioter Firma Seiko Watch K. Hattori, die größte Uhrenfabrik der Welt, unterbietet die Produktpreise der Schweizer Uhrenindustrie bei gleicher Qualität um ein volles Drittel. Jetzt will Hattori seine Uhren von Düsseldorf aus auch in den deutschen Markt drücken und bringt damit die ohnehin schon auf Kurzzeitarbeit gesetzte heimische Uhrenindustrie -- wie etwa die Schwarzwaldfirmen Mauthe und Junghans -- erneut in Bedrängnis.

Sogar die selbstbewußten deutschen Automobilbosse schielen sorgenvoll auf die europäischen und amerikanischen Vorbildern nachgezeichneten Personenwagen und Lastautos der Japaner, die ihnen auf den Weltmärkten die Vorfahrt abzuschneiden drohen. Allein im ersten Halbjahr 1971 stiegen die Marktanteile japanischer Fahrzeuge, wie etwa von Toyota, in der Schweiz von fünf auf zehn Prozent, in Norwegen von elf auf 17 und in Belgien von fünf auf sieben Prozent an.

»Die Japaner sind in Deutschland zwar noch nicht bedeutend, aber ich bin mir völlig klar darüber, daß sie auch hier wachsen werden«, orakelte jüngst VW-Chef Rudolf Leiding. Allein das fehlende Service-Netz hielt die Autofabriken Nippons nach Ansicht von Branchenkennern bis jetzt noch von einer Invasion auf den deutschen Markt ab: Der Versuch des Motorrad- und Kleinwagenfabrikanten Honda, rasch in Deutschland Fuß zu fassen, scheiterte vor fünf Jahren nicht zuletzt am Service- Mangel. Meint Bankier Sonoda: »Es wird schwierig sein, in das Mekka der Automobilindustrie einzudringen.«

Während die Autobosse noch zögern, haben andere Unternehmen aus Japan schon begonnen, in der Bundesrepublik eigene Fabriken zu bauen oder zu kaufen. So arbeitet die Firma Yanome mit der Nähmaschinenfabrik Pfaff in Karlsruhe unter dem Namen Dorina zusammen. Der Wälzlager-Konzern Toyo Bearing Manufacturing Company plant bei Düsseldorf den Bau eines kompletten Werkes. Der Reißverschlußkonzern Yoshida Kogyo hat sich Baugelände bei Marburg gesichert, das Chemie-Unternehmen Sekisui Chemical, das in Willich bei Düsseldorf Kunststoffprodukte aus Polyvinylchlorid (PVC) erzeugt, möchte bei Bonn eine Fertighausfabrik hinstellen, und in Buir bei Köln fertigt der Mehrzweckkonzern Mitsubishi in eigener Fabrik Maschinen.

Dem »drohenden Würgegriff japanischer Konkurrenten«, so AEG-Chef Groebe, könne die deutsche Industrie nur entgehen, indem sie immer höherwertige Produkte erfinde, wie es beispielsweise die AEG mit der Bildplatte für das audiovisuelle Fernsehen geschafft habe. Groebe hoffnungsvoll: »Hier wenigstens steht die ganze Welt Schlange.«

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