Angst am Opel-Standort Bochum "Ich brauche das Werk, ich brauche das Geld"

Opel ist Bochums Stolz, das Autowerk bietet Tausenden Lohn und Brot. Der Standort war schon öfter vom Aus bedroht, weil der US-Mutterkonzern GM sparen muss. Doch Belegschaft und Kommunalpolitiker wissen: Diesmal ist die Lage so schlimm wie nie zuvor.

Aus Bochum berichtet Karsten Stumm


14 Uhr. Schichtwechsel bei Opel in Bochum, Werk Eins, Tor Eins. In kleinen Trupps kommen Dutzende Männer und wenige Frauen aus der Autofabrik, die General Motors womöglich bald schließen will. Hinaus in den sonnigen Tag, der so gar nicht zur trüben Stimmung in der Ruhrgebietsstadt passen will.

Schichtwechsel bei Opel in Bochum: "Mund halten und weiterarbeiten"
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Schichtwechsel bei Opel in Bochum: "Mund halten und weiterarbeiten"

Vom drohenden Aus ist am Hauptwerkstor nur wenig zu spüren. Die Opel-Werker hasten zu ihren Autos auf den Parkplätzen. Spalier stehen TV-Reporter. Direkt vor ihnen haben sich die Zeitungsleute aufgebaut - doch kaum jemand hat Lust zu sprechen.

Die Menschen haben ihren Blick starr geradeaus gerichtet. Interviews will hier kaum einer mehr geben. Warum auch schon wieder? Der letzte Streik liegt knapp fünf Jahre zurück. Damals standen tagelang die Bänder still - und die drohende Werksschließung kam schließlich doch nicht. Die Kameras aber haben die Männer und Frauen in ihren grauen Opel-Overalls noch immer in Erinnerung.

"Was sollen wir jetzt groß reden?", fragt ein Opelaner, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte; er arbeitet seit acht Jahren im Presswerk des gewaltigen Komplexes hinter ihm, der sich mit all seinen Nebengebäuden über die Bochumer Stadtteile Laer und Langendreer erstreckt. "Wenn wir jetzt streiken, machen die Amerikaner unseren Laden sofort dicht. Also den Mund halten und weiterarbeiten. Ich habe Familie. Ich brauche das Werk. Ich brauche das Geld."

"So wie der Kollege denken viele Leute hier", sagt Thomas Bender, der Flugblätter verteilt, um genau für so einen Streik zu werben; er engagiert sich für die kommunistische Partei MLPD. Parteifreunde von ihm stehen heute fast an jedem Werkstor hier in Bochum. "Wann, wenn nicht jetzt lohnt es sich zu kämpfen", fragt Bender. "Von der Stadt Bochum jedenfalls ist doch keine Hilfe zu erwarten."

Gefährliche Situation wie nie zuvor

Tatsächlich hält sich der Optimismus der Kommunalpolitiker in engen Grenzen. "Man muss damit rechnen, dass unser Werk in geraumer Zeit weniger Menschen Arbeit bieten wird als heute. Wir stehen vor einer Krise, die alleine nicht zu meistern sein wird", sagt Dieter Fleskes, Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion.

Opel in Deutschland: Traditionsmarke mit Krisenerfahrung
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Die Wurzeln
Das 146 Jahre alte Traditionsunternehmen Opel produzierte ursprünglich Nähmaschinen und Fahrräder. Erst später entwickelte es sich zum größten deutschen, europaweit tätigen Autohersteller. 1929 übernahm der US-Konzern General Motors die Adam Opel AG - für den seinerzeit enormen Betrag von 33,4 Millionen Dollar.

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Die Krisenzeiten
In den neunziger Jahren geriet der Autobauer erstmals in heftige Turbulenzen: 1997 fuhr die Adam Opel AG mit 228 Millionen Mark erstmals in die Verlustzone. Es folgten Sparprogramme unter dem später in die Führung von GM-Europe aufgerückten Manager Carl-Peter Forster. Zurzeit leidet Opel vor allem unter den Problemen des Mutterkonzerns: General Motors droht angesichts eines massiven Absatzeinbruchs das Aus.

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Das Werk in Rüsselsheim
Rüsselsheim in Hessen ist der Stammsitz des 146 Jahre alten Unternehmens. Hier arbeiten 18.300 Mitarbeiter. Neben der Zentrale ist hier das Internationale Technische Entwicklungszentrum und ein neu errichtetes Werk angesiedelt (Jahreskapazität: 270.000 Einheiten). Dazu kommt noch das Testcenter im nahen Dudenhofen.

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...Bochum
Seit 1962 ist Opel am Standort Bochum in Nordrhein-Westfalen tätig. Mittlerweile werden drei Werke auf einem ehemaligen Zechengelände betrieben. Die 5300 Mitarbeiter stellen vor allem den Astra, Zafira, Achsen und Getriebe her. 2007 wurden rund 240.000 Fahrzeuge gebaut.

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...Kaiserslautern
In Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz stellen rund 1200 Mitarbeiter Vierzylinder-Leichtmetall-Ottomotoren und Vierzylinder-Turbodieselmotoren mit Commonrail-Kraftstoffeinspritzung her. Im Komponentenwerk sind weitere 2300 Mitarbeiter tätig. Opel ist seit 1966 in Kaiserslautern.

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...Eisenach
Bei der Opel Eisenach GmbH in Thüringen produzieren 1900 Mitarbeiter den neuen Corsa. Das Werk machte 1992 kurz nach der Wende auf.

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"Bochum ist krisenerprobt, keine Frage. Und man hat auch immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen können", sagt Lothar Gräfingholt, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion in Bochum. "Aber dieses Mal könnte eine gefährliche Situation wie nie zuvor heraufziehen."

Beide wissen, wovon sie sprechen. Bochum hat schon viele wirtschaftliche Rückschläge erleben müssen. Erst im vergangenen Jahr hatte der finnische Handyhersteller Nokia seine Fertigung in der Stadt aufgegeben und nach Rumänien verlagert - obwohl das Werk profitabel war. Auch das Werk Nummer Eins der Marke mit dem Blitz im Logo stand schon in den vergangenen Jahren immer mal wieder zur Disposition.

Und jetzt droht der amerikanische Konzern General Motors damit, 26.000 Arbeitsplätze bei seinen Tochterunternehmen im Ausland streichen zu wollen. Opel in Bochum ist nicht nur eines unter den vielen Werken von GM im Ausland.

"Problem für die gesamte Region"

Etwa 5300 Frauen und Männer arbeiten im Opel-Werk in der Ruhrgebietsstadt. Rechnet man die Beschäftigten der Zulieferbetriebe ein, dürften gut 12.000 Menschen betroffen sein, sollte das Werk tatsächlich den Sparplänen der amerikanischen Konzernmutter zum Opfer fallen. Nicht ganz die Hälfte davon wohnt nach Expertenmeinung in Bochum selbst, die übrigen in den Nachbarstädten. "Macht Opel hier dicht, wäre das ein Problem für die gesamte Region, nicht nur für Bochum", sagt SPD-Ratschef Fleskes.

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Dennoch herrscht am Mittag in Rathaus das normale Programm. Der Hauptausschuss wird nachher tagen wie geplant. Die Frage, wie es mit dem Werk weitergehen soll, was mit den Opel-Arbeitsplätzen passieren könnte, schaffte es nicht auf die Tagesordnung. "Eventuell wird sich der Ältestenrat anschließend mit dem Thema befassen, aber sicher ist das im Moment auch noch nicht", sagt Jens Lücking, Vorsitzender der FDP-Fraktion des Bochumer Stadtrates. "Es ist ein Witz, dass hier scheinbar wie gehabt weitergemacht wird."

"Was sollen wir jetzt auch tun?", fragt Bochums Wirtschaftsdezernent. Er will heute keine Interviews geben. "Es gibt doch keine Informationen über das anstehende Restrukturierungsprogramm bei General Motors", sagt er. Mehr will er heute nicht sagen. Auch Bochums Oberbürgermeisterin ist nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, genauso wenig der Finanzchef der Ruhrgebietsstadt.

"Geld für die Rettung des Bochumer Opel-Werkes hätte der ohnehin nicht. Hier ist man ja schon froh, etwa 40 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm zu bekommen, um die nötigsten Renovierungen vornehmen zu können. Bochums Investitionsstau beträgt aber etwa 340 Millionen Euro", sagt CDU-Fraktionschef Gräfingholt.

"Daran werden sie sich die Zähne ausbeißen"

Die Opel-Angestellten vor dem Werkstor Nummer Eins hoffen deshalb auf eine Bundesbürgschaft. "Das Problem müsste doch mit einer Finanzspritze der Regierung zu lösen sein. Es wäre doch auch nur für den Übergang. Denn wir bauen hier gute Autos, zu vernünftigen Preisen. Ich denke, dann können wir hier alle noch ruhig bis zur Rente arbeiten", sagt Rolf Regalski, der in der Motorenfertigung des Unternehmens beschäftigt ist. "Was für Banken gilt, soll auch für uns möglich sein."

Wie er denken viele hier in Bochum, wo man stolz ist auf das Werk. Dessen Ansiedlung war eine der großen Erfolge der Wirtschaftsförderer der Stadt in den sechziger Jahren, zusammen mit der Ruhr-Universität - heute das große Standbein der Stadt.

"70 Prozent der Wirtschaftsleistung wird im Dienstleistungssektor erbracht. Hier gehen selbst im schlimmsten Fall also nicht komplett die Lichter aus", beruhigt der Bochumer SPD-Ratsfraktionschef Fleskes. "Aber wir haben natürlich weiterhin eine starke industrielle Basis, auch mit Opel. Und ich glaube nicht, dass die Stadt Möglichkeiten hatte, noch bessere Bedingungen für das Werk zu schaffen", fügt er hinzu.

Gerade wird eine der wichtigen Zubringerstraßen zum Opel-Gelände mit Millionenaufwand direkt an die Ruhrgebietsautobahn A40 angeschlossen. Eine Hoffnung hat Fleskes: "Eventuell besteht die Chance, sofern wir mit Arbeitsplatzverlusten rechnen müssen, das soziale Netz für die Betroffenen besser aufzuspannen. Durch Umschichtungen der Gelder aus dem Konjunkturprogramm von nicht betroffenen Städten zu denen, die unter dem Weggang von General Motors zu leiden hätten."

Vor dem Opel-Werkstor Nummer Eins stehen zu diesem Zeitpunkt nur noch die Rentner und Vorruheständler, die alten Kollegen aufmunternd auf den Rücken klopfen wollen. "Die Amerikaner sollen mal versuchen, das Werk hier dicht zu machen", sagt einer von ihnen. "Daran werden sie sich die Zähne ausbeißen. Das war schon 2004 so." Die übrigen Alten in der Runde nicken. Sie schauen sich dabei nicht in die Augen.



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