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AFFÄREN Angst gehabt

Das Erste Deutsche Fernsehen setzte kurzfristig einen Film über die Abschreibungsbranche ab. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Zwanzig Prozesse pro Jahr seien bei ihm die Norm, sagt Anlage-Experte Heinz Gerlach. »Und wir pflegen unsere Prozesse gewöhnlich zu gewinnen.«

Solche Selbstsicherheit und Gelassenheit brachte der Süddeutsche Rundfunk (SDR) nicht auf. Ein Film über Gerlach und seine Arbeit (Titel: »Jäger, Haie, fette Fische"), der am letzten September-Sonntag »aus der schillernden Szene der Abschreibungsbranche« berichten sollte, wurde kurzfristig abgesetzt.

»Ließ sich der Sender«, so fragte die »Frankfurter Rundschau«, »von Immobilien-Haien unter Druck setzen?« Keineswegs, sagt SDR-Abteilungsleiter Manfred Nägele, der den Film absetzte: Das Werk sollte lediglich um »bestimmte Entwicklungen und Aspekte« ergänzt werden.

Es wird wohl auch einiges noch geschnitten werden. Wenige Tage vor dem angekündigten Sendetermin nämlich hatte eine Firma aus Erlangen Journalisten und Juristen im süddeutschen Sender in Aufregung versetzt.

Mit zwei Fernschreiben hatte die Bayern Immobilien Treuhand BIT GmbH ihre Befürchtung mitgeteilt, »daß in diesem Film über unsere Gesellschaft in nicht unerheblichem Umfang berichtet wird«. Die Folgen wären womöglich »ernsthafte Beeinträchtigungen unseres Geschäftserfolges«.

Wer will das schon. Das Risiko schien auch gar nicht zu lohnen. Schließlich hatte ja nur der »feste freie« Fernsehjournalist Willy Reschl über den freien Journalisten Gerlach berichten wollen, einen »Einzelkämpfer mit Sendungsbewußtsein«, wie die »FAZ« kürzlich über den Anlage-Experten aus Oberursel schrieb.

Aber Gerlach lebt nicht vom Sendungsbewußtsein. Mit 16 Mitarbeitern setzt er rund 2,2 Millionen Mark um. Er vertreibt »streng vertrauliche Kapitalanlage-Dossiers« oder »vertrauliche Kapital-Informationen« aus seinem in jahrelanger Arbeit angehäuften Material über den grauen Kapitalmarkt. Er gibt Tips zu Bauherren-Modellen oder Immobilien-Emissionen und warnt vor Schwindlern und Hasardeuren.

Gerlachs Sprachrohr ist »kapitalmarkt intern«, ein wortgewaltiges Insider-Blatt. Die Berichte enden oft mit der Floskel »äußerste Vorsicht scheint geboten« oder der drohenden Anmerkung »mehr über diese Affäre in Kürze«.

»Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn« treibe ihn an, sagt Gerlach. Er habe schon Beutelschneider wie Jochem Erlemann zur Strecke gebracht, Betrügereien bei zahlreichen Steuersparmodellen aufgedeckt und sich sogar mit der Deutschen Bank angelegt.

Natürlich sei der Kampf gegen das große Kapital nicht ganz ungefährlich, meint Gerlach mit stillem Stolz. Bei seinem Streit mit den Warenterminprofis aus der Unterwelt etwa habe er »wirklich Angst gehabt«; während seiner Attacken gegen die mächtige Abschreibungs-Firma Kapital & Wert »fuhren permanent Autos hinter mir her«. Ihm wurde mit einer Klage auf 16,4 Millionen Mark Schadenersatz gedroht.

TV-Autor Reschl hatte in seinem Film einen packenden Fall aus Gerlachs Kiste vorführen wollen, eben die Bayern Immobilien Treuhand.

Die BIT in Erlangen allerdings ist nicht irgendwer, sondern bei gewerblichen Immobilien die Größte im Lande. Noch vor drei Wochen lobte Bayerns Innenminister Karl Hillermeier bei Eröffnung des 150 Millionen Mark teuren »City-Centers« in Fürth ein »gelungenes« BIT-Werk, »die größte private Baumaßnahme im Freistaat«.

Gerlach indes fällt zur BIT wenig Gutes ein. Bei dem BIT-Immobilienfonds in Fürth seien die Wirtschaftlichkeitsberechnungen »getürkt«, die Prospektangaben »Talmi«.

Auch mit anderen BIT-Unternehmungen geht Gerlach nicht zimperlich um. Den »Bayern Immobilien Fonds Nr. 246 SB-Markt Weeze« etwa habe er sich etwas näher angeschaut: Der vor allem für Kleinanleger zur »Vermögensbildung und Alterssicherung« (Prospekt) aufgelegte Fonds habe »eine hundsmiserable Rentabilität«, mit der Alt-Immobilie in Weeze werde »eine äußerst fragwürdige Geldvermehrung betrieben«.

Hinter der BIT stecke »ein beispielloses Firmen-Konglomerat«, meint Gerlach: »Bei keiner Recherche haben wir jemals so viele verflochtene Firmen, von Passau bis Berlin, entdeckt.« Das gesamte Imperium steuert, so mutmaßt »kapitalmarkt intern«, der »Irrtumserreger« Günther Zembsch, 44, ein gelernter Jurist, im Hauptberuf Direktor am Arbeitsgericht in Würzburg.

Sicher ist, daß die Bayern Immobilien Treuhand Dr. jur. Zembsch GmbH, wie sie früher hieß, mehrheitlich seiner Familie gehört. Diese Führungsfirma hat bisher mehr als 200 Beteiligungsgesellschaften gegründet. Sie bauten, vermieteten und verwalteten Supermärkte und Autogaragen, Studentenwohnheime und Gewerbezentren. Derartige Aktivitäten des Richter-Unternehmers sind altbekannt (SPIEGEL 47/1982).

Neu ist, daß der Doktor der Jurisprudenz mit all dem »nichts mehr zu tun haben« mag. Seine schon auf 45 Prozent gedrückte BIT-Beteiligung will er weiter abbauen. Zembsch: »Daß ich endlich mei Ruh' hab'.« Gerlachs Attacken empfindet er als »Schmähkritik«. Und wenn das Fernsehen den Film absetze, zeige das doch nur, »daß der nicht hundertprozentig in Ordnung war«.

So ähnlich sieht das auch der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart. SDR-Justitiarin Margret Wittig-Terhardt jedenfalls glaubt, »daß man den Film besser machen kann«. Sie meint auch, daß er in der vorliegenden Form »durchaus geschäftsschädigend wirken kann«.

Der Kapitalmarkt-Experte in Oberursel staunt über solche Urteile: »Wer schädigt hier eigentlich wen?« Die Zeit sei reif, meint Gerlach, dem »Dr. Zembsch die Maske vom Gesicht zu reißen«.

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