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Industrie Angst in Chefetagen

Greenpeace sucht Verbündete in der Industrie - und verprellt sie mit frechen Sprüchen.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Der Gangster des Monats kommt aus den eigenen Reihen. Auf dem Fahndungsbild sieht der Greenpeace-Mann Heinz Laing zwar freundlich und arglos aus, aber im nebenstehenden Text outet er sich als Missetäter: Auch er ruiniere regelmäßig das Klima.

Natürlich will Laing nicht im Ernst zu jenen gezählt werden, die den Lebensraum des Menschen gefährden. Er meint nur das Gesprächsklima, wenn er auf die Manager der Industrie einredet.

Die Selbstbezichtigung wird Ende der Woche verbreitet. Bis zum Beginn der internationalen Klimakonferenz Ende März in Berlin will Greenpeace allmonatlich einen Umweltsünder in großen Wandplakaten anprangern. Bis auf Laing sollen das vor allem Spitzenmanager sein, deren Unternehmen nach Ansicht der Umweltschützer zum Klimakollaps beitragen.

In den Vormonaten mußten sich bereits Dietmar Kuhnt, der Vorstandsvorsitzende des Energieriesen RWE, und VW-Chef Ferdinand Piech als »Klimakiller« vorführen lassen. Greenpeace hat erfolgreich provoziert, personalisiert und prozessiert - mit einem zwiespältigen Ergebnis: Zwar reden jetzt wieder alle über Greenpeace, aber beim Klimaschutz bewegt sich trotzdem wenig.

Um wirkungsvoller Druck zu machen, hatte Greenpeace schon vor einiger Zeit die Strategie geändert. »Die 120. Schlauchboot-Aktion«, sagt Thilo Bode, Chef von Greenpeace Deutschland, »finden die Leute nicht mehr so aufregend.«

Fortan suchten die Hamburger verstärkt das Gespräch mit Wirtschaftsführern, sie verstanden sich sogar als Trendsetter für die Industrie: Mit dem ostdeutschen Unternehmen Foron entwickelten sie einen FCKW-freien Kühlschrank, große Verlage bewegten sie dazu, chlorfreies Zeitschriften-Papier zu verwenden.

Greenpeace-Chef Bode ("Wir suchen Verbündete bei der Öko-Avantgarde der Industrie") verteilte eifrig Komplimente: Wirtschaftsführer seien inzwischen für Umweltthemen offener als viele Politiker.

Gebracht hat das wenig. Beim wichtigsten Umweltthema des vergangenen Jahres, der Debatte um eine ökologische Steuerreform, fand Bode kaum Mitstreiter in den oberen Etagen. Dabei hatte Greenpeace eigens eine Studie beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Berlin in Auftrag gegeben. Daraus ging hervor, daß Industriezweige wie der Maschinenbau und die Automobilindustrie von der Steuerreform profitieren könnten.

Nun sollen wieder schrillere Töne für mehr Entgegenkommen sorgen. »Die Türen öffnen sich für uns gerade deswegen«, glaubt Bode, »weil die Herren in den Chefetagen Angst vor der öffentlichen Attacke haben.«

Zur Zeit geschieht allerdings das Gegenteil. Demonstrativ sagen Vertreter der Energiewirtschaft alle Diskussionsrunden und Fernsehauftritte mit Greenpeace-Vertretern ab.

Das seien miese Voraussetzungen für die gerade anlaufenden Konsensgespräche über die Zukunft der Energiewirtschaft, maulen nun andere Umweltverbände: Da werde der Industrie zur Unzeit ein Vorwand für eine Blockade-Mentalität geliefert.

Als Fehlgriff gilt in der Umweltszene auch die Wahl des RWE-Managers Kuhnt als Klimafeind: Noch im April vergangenen Jahres hatte Greenpeace in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland den Konzernchef als vergleichsweise besonnenen Manager dargestellt.

Einzig die als besonders atomfreundlich geltenden Bayernwerk-Manager müßten sich über die neuen Plakate freuen. Aus ihrem Haus stammt schließlich die Idee für das neue Motiv.

Betriebsratschef Manfred Reindl hatte im November gefordert, sein Unternehmen solle mit Plakaten von Greenpeace-Mann Laing reagieren. Er formulierte sogar einen Text dafür: Den hat Greenpeace zum Teil übernommen. Y

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