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FINANZMÄRKTE Angst vor Ansteckung

Millionen faule Kredite und Zwangsvollstreckungen: Auf dem US-Immobilienmarkt spitzt sich die Lage zu. Droht ein Dominoeffekt mit Folgen für Konjunktur und Börsen weltweit?
aus DER SPIEGEL 12/2007

Fast nichts spricht gegen den Kauf der Penthouse-Wohnung mit der Anschrift 795 Fifth Avenue in New York. Der Blick auf den Central Park und Manhattan ist atemberaubend. Zu den Nachbarn im Gebäude gehören Yves Saint Laurent, Sumner Redstone (Viacom) und Mohammed Al-Fayed (Harrods). Das einige Stockwerke tiefer liegende Pierre-Hotel bietet dem künftigen Besitzer Fünf-Sterne-Service rund um die Uhr.

Makler preisen das 16-Zimmer-Apartment als »Schloss im Himmel« und »spektakulärstes Penthouse der Welt«. 1988 wurde es für 12 Millionen Dollar verkauft, 1999 wechselte es für 21,5 Millionen Dollar den Besitzer.

Nun aber ist es schon seit über zwei Jahren auf dem Markt, für 70 Millionen Dollar, zahlbar in cash. Bloß zwei Interessenten hat es seither gegeben, zum Abschluss kam es nicht.

Das Luftschloss am Central Park ist das vielleicht exzentrischste Beispiel für Amerikas aufgeblähten Immobilienmarkt, dem langsam die Luft entweicht. Einige Etagen tiefer in der US-Gesellschaft sind die Folgen wesentlich dramatischer: Die Preisrallye ist fast überall vorbei, frühere Boomregionen wie Florida melden Rückgänge um fast 20 Prozent, quer durchs Land übersteigt das Angebot die Nachfrage oft bei weitem.

Vorige Woche wurde es dann ernst: Neue Meldungen über faule Kredite, Zwangsvollstreckungen und die drohende Pleite einer milliardenschweren Hypothekenbank stürzten die Finanzmärkte weltweit ins Minus. Die Kursverluste waren - nach dem ersten Einbruch Ende Februar - die stärksten seit Jahren.

Ökonomen warnen schon seit längerem vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA. Jetzt mehren sich Sorgen vor einem womöglich verhängnisvollen Dominoeffekt. Erst geraten Millionen Hausbesitzer in Schwierigkeiten, dann schränken sie ihre Ausgaben ein, der US-Konsummotor gerät ins Stottern und drückt

die gesamte Weltwirtschaft nach unten - so lautet das aktuelle Angstszenario. »Wir sind zurück im Panikmodus«, sagten Wall-Street-Händler.

Die Angst vor der Ansteckung durch das Krisenvirus lässt weltweit, auch in Deutschland, die Börsen zittern, und das dürfte auch noch einige Zeit so weitergehen. Denn wenn Amerika schwächelt, bekommen das auch deutsche Konzerne zu spüren. Und wenn die Rezessionsangst umgeht, bringen die Börsianer weltweit ihre Gewinne in Sicherheit. Die Finanzmärkte sind heute vernetzter denn je. So kann ein kleiner Rückschlag in China - wie im Februar - oder die Schieflage eines US-Immobilienfinanzierers - wie vergangene Woche - weltweite Schockwellen auslösen.

Fragt sich nur: Reichen die Probleme amerikanischer Häuslebauer wirklich aus, um die US-Konjunktur abzuwürgen und Aktien von New York bis Frankfurt und Tokio auf Talfahrt zu schicken? Gibt es eine sanfte oder harte Landung der weltgrößten Volkswirtschaft? Steht Anlegern eine monatelange Achterbahnfahrt bevor?

US-Finanzminister Hank Paulson gab kürzlich Entwarnung. Er glaubt »weiterhin, dass die Weltkonjunktur robust ist«. Robert Shiller, der vielleicht berühmteste Crash-Experte der Welt, dagegen sieht das anders. »Ich habe die Sorge, dass die wirtschaftlichen Störungen zu einer Rezession in den USA mit weltweiten Auswirkungen führen«, sagt der Wirtschaftsprofessor aus Yale.

Shiller hat sich ausführlich mit Spekulationsblasen beschäftigt. Im März 2000 sagte er als einer der wenigen fast punktgenau das Platzen der Dot.com-»Bubble« voraus. Er warnt vor den Problemen auf dem Immobilienmarkt: »Die Leute haben sich verschätzt und zu viel Geld aufgenommen.«

Bislang nahmen die meisten Amerikaner solche Warnungen nicht sonderlich ernst. Ein überhitzter Markt kühlte sich ab. Angesichts der zuvor erzielten Phantasiepreise wirkte das wie eine gesunde Korrektur.

Jetzt erst wird das Ausmaß der Krise klar: Die Zahl der Zwangsversteigerungen stieg im letzten Quartal 2006, teilte die amerikanische Vereinigung der Hypothekenbanken vorige Woche mit, auf den höchsten Stand seit Beginn der Statistik vor 37 Jahren. Zusammengenommen droht Kreditnehmern, die ihr Haus verlieren, ein Vermögensverlust von geschätzt 164 Milliarden Dollar.

Es rächt sich nun, dass im jahrelangen »Housing-Boom« auch Kunden mit geringer Bonität problemlos Kredite bekamen - freilich zu hohen Zinssätzen. Leute, die es sich eigentlich nicht leisten können, wurden Hausbesitzer. Das Geschäft mit den riskanten, im Finanz-Slang »subprime« genannten Darlehen wuchs zu einem 600-Milliarden-Dollar-Markt. 20 Prozent des gesamten amerikanischen Hypothekenkreditgeschäfts wurden zuletzt mit Kunden von geringer Bonität gemacht - 2001 waren es nur 5 Prozent.

Hinter den Kulissen gab es lukrative Finanzierungsdeals. Riesige Kreditpakete wechselten zwischen Hypothekenbanken, Investmenthäusern und Hedgefonds den Besitzer, bis der Kreislauf wie bei einem Kettenbrief zusammenbrach. Zahlreiche Kleinkredite platzen derzeit, weil gleichzeitig die Zinsen steigen und die Eigenheimwerte fallen. Über 20 Hypothekenbanken mussten ihr Geschäft schon schließen, einem großen Baufinanzierer, New Century Financial, droht die Pleite.

Am Dienstag vergangener Woche setzte die New Yorker Börse den Handel mit der New-Century-Aktie aus, Staatsanwälte ermitteln, die Außenstände betragen über acht Milliarden Dollar. Noch am 1. März hatte eine der renommiertesten Wall-Street-Banken, Bear Stearns, die Aktie, zu diesem Zeitpunkt schon von 30 auf 15 Dollar abgestürzt, hochgestuft.

Es ist nicht das einzige Signal, das an die Dot.com-Blase vor sieben Jahren erinnert. Statt gewinn- und umsatzfreier Internet-Firmen stehen diesmal Darlehen an finanzschwache Verbraucher im Zentrum. Solange die Immobilienpreise stiegen, lief alles bestens, nun zeigt sich, dass faule Kredite eben genau das sind: faule Kredite.

»Immobilienblasen platzen nicht an einem Tag«, sagt Yale-Ökonom Shiller, in Japan habe dieser Prozess ab 1990 etwa 15 Jahre gedauert. Geht es diesmal schneller?

Entscheidend für die Entwicklung der US-Wirtschaft wird sein, wie die Verbraucher reagieren. Jahrelang haben sie sich einem nahezu hemmungslosen Shoppingrausch hingegeben, angefeuert auch von der Finanzindustrie. Die Verschuldung der Haushalte stieg, das Außenhandelsdefizit kletterte auf Rekordniveau - aber die Konjunktur brummte.

Damit ist es jetzt offenbar vorbei. Im Februar stiegen die Einzelhandelsumsätze nur noch um 0,1 Prozent.

Gedämpftes Wachstum, aber keine Rezession: So sehen laut einer aktuellen Umfrage eine Mehrheit der Ökonomen aus Industrie, Banken und Versicherungen die weitere Entwicklung. Für 2007 wäre demnach in den USA ein Wachstum von 2,5 Prozent zu erwarten, im kommenden Jahr soll es schon wieder um 3 Prozent nach oben gehen. Freilich hat man bereits in der Vergangenheit nie erwarten dürfen, dass Ökonomen mehrheitlich eine Rezession voraussagen.

Händler an der Wall Street stellen sich unterdessen auf eine längere Zeit der Unsicherheit und schwankende Kurse ein. Die Experten von Merrill Lynch haben sogar im historischen Vergleich genau berechnet, wie lange es noch abwärtsgeht - nämlich genau 37 Wochen und um 34 Prozent, falls es zu einer echten Rezession kommt.

Bei einer bloßen »Korrektur«, so ein Bericht der Investmentbank, würde der Spuk nur 16 Prozent Verluste bringen - und wäre in 13 Wochen vorbei. FRANK HORNIG

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