Angst vor der Deflation Fallende Preise - Gefahr für Deutschland

2. Teil: Säckeweise Geld abwerfen


Dabei müssen Deflationstendenzen früh erkannt und bekämpft werden. Sonst droht die Gefahr der Eigendynamik. Erwarten Verbraucher und Unternehmer nämlich, dass der Verfall bei Vermögenswerten, Energie- und Rohstoffpreisen anhält, dass durch die Rezession die Beschäftigung sinkt, dass die Lager anschwellen und die Preise fallen, dann werden sie ihre Konsumausgaben oder Investitionen aufschieben.

Sie wollen nicht heute kaufen, was morgen noch billiger werden könnte. "Cash is King" lautet das Motto in deflationären Zeiten. Das aber lässt die Umsätze einbrechen. In der Folge drosseln die Unternehmen erneut die Produktion. Es entstehen weitere Überkapazitäten, die sich nur durch weitere Preisnachlässe und Rabatte abbauen lassen. Der Teufelskreis ist da: Es kommt zu einer sich eigendynamisch verstärkenden Deflationsspirale.

Gerade jetzt, da erste Anzeichen für eine Deflation auftreten, müssen Zentralbank und Regierung handeln. Die japanische Erfahrung der neunziger Jahre zeigt mehr als deutlich, welch gravierende Folgen ein Zögern haben kann. Ein kollabierender Immobilienmarkt, Milliardenverluste bei Banken und dramatische staatliche Rettungsaktionen hatten den Inselstaat in Fernost damals erschüttert.

Die Regierung in Tokio und die japanische Notenbank haben dann aber zu langsam und zu unentschlossen auf erste Deflationssignale reagiert. Als dann die Eigendynamik einsetzte, konnten sie nicht mehr verhindern, dass die Deflationserwartungen das Verhalten von Verbrauchern, Investoren und Kreditinstituten bestimmten. Als Folge erlebte Japan ein verlorenes Jahrzehnt mit einer langen Stagnationsphase. Erst als die Zentralbank notleidende Kredite aufkaufte, besserte sich die Lage langsam.

In Europa ist es noch nicht so weit, noch hat die Europäische Zentralbank Pulver im Trockenen. Es sollte nun schnell zum Einsatz gebracht werden, bevor eine Deflationsspirale weiter an Schwung gewinnt. Eine deutliche Zinssenkung so schnell wie möglich ist angezeigt. Früher oder später kommt die Notenbank ohnehin ans Ende ihrer Möglichkeiten. Ist der nominale Leitzins auf dem niedrigst möglichen Niveau von Null angelangt, lässt sich der Realzins nicht mehr weiter senken. Es gibt keine negativen Nominalzinsen. Die Notenbank kann jetzt nur noch mit anderen Mitteln versuchen, Inflationserwartungen zu erzeugen und mit gezielten Transaktionen Geld in den Kreislauf zu pumpen.

Als der heutige amerikanische Zentralbankchef Ben Bernanke noch Universitätsprofessor war, hatte er dafür das schöne Bild der Helikopter-Ökonomie geprägt. Die Notenbank müsse in deflationären Zeiten mit Hubschraubern über das Land fliegen und säckeweise frisch gedrucktes Geld über den Menschen abwerfen, um so die Stimmung zu drehen und aus Deflations- Inflationserwartungen zu machen.

Der Kauf von Staatsanleihen und Devisen – notfalls auch durch frisch gedrucktes Geld - ist schon fast das letzte Mittel, das mit einem dramatischen Wertverfall der eigenen Währung bezahlt wird. Zudem ist der Erfolg mit Unsicherheiten behaftet. Wenn es um strukturelle Verwerfungen geht, die das Vertrauen der Menschen erschüttern, kann die Geldpolitik meist nur noch geringe Hilfe leisten.

Schließlich muss auch die Fiskalpolitik ihren Beitrag zu einem Stimmungswandel leisten. Die Finanzpolitik sollte Steuersenkungen vornehmen. Dabei ist es weniger wichtig, ob sie mit Barschecks Steuern rückerstattet oder einzelne Steuer- oder Abgabensätze senkt oder den Solidaritätszuschlag aussetzt. Wichtiger ist, dass die Wirkung schnell und stark einsetzt.

Deshalb sind Konsumgutscheine mit Verfallsdatum beispielsweise Ende Januar 2009 ein zweckmäßiges Mittel. Bei anderen Maßnahmen ist weniger sicher, ob das Geld auch ausgegeben oder eine Mehrwertsteuersenkung auch tatsächlich an die Kunden weitergegeben wird. Entscheidend bleibt bei allen Aktionen, dass schnell gehandelt und der private Konsum gestärkt wird, bevor die Eigendynamik einer Deflationsspirale einsetzt, die durch wirtschaftspolitisches Handeln kaum bis nicht mehr zu bremsen wäre.



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