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27. November 2008, 15:50 Uhr

Angst vor der Deflation

Fallende Preise - Gefahr für Deutschland

Den Verbraucher freut es erst einmal, doch die Folgen könnten bedrohlich sein: In Deutschland fallen die Preise für Lebensmittel und Rohstoffe - das aber bedroht die Konjunktur, fürchtet der Volkswirt Thomas Straubhaar. Er warnt vor einer langen, schwer zu bekämpfenden Deflation.

Hamburg - 2008 wird als das Jahr der geplatzten Spekulationsblasen in die Wirtschaftshistorie eingehen. Denn nicht nur den Finanzmärkten ist die Luft ausgegangen. Ebenso stürzten die Preise für Energie und Rohstoffe dramatisch ab. Der HWWI-Rohstoffindex ist im November gegenüber seinem historischen Höchststand vom Juli um rund ein Drittel zurückgefallen. Praktisch alle Rohstoffe sind billiger geworden - beschleunigt nach dem sich die Finanzkrise dramatisch verschärfte und die Weltwirtschaft in eine Rezession abrutschte. Einen ähnlichen Preisverfall zeigen die Frachtraten der Weltschifffahrt.

Rabattaktion im Handel: "Cash is King"
DPA

Rabattaktion im Handel: "Cash is King"

Zwar schlagen fallende Rohstoffnotierungen längstens nicht so rasch auf die Verbraucherpreise durch wie steigende Werte. Dennoch werden Benzin, Heizöl oder auch Lebensmittelpreise bereits langsam günstiger. Vor allem die sinkenden Energiekosten entlasten die deutschen Haushalte nach Berechnungen des DIW um mehr als 20 Milliarden Euro.

Die Zeit der wachsenden Lebenshaltungskosten ist offensichtlich vorerst vorbei. Die Inflationsraten sind auf dem Rückzug. Lag die Teuerung im Euroraum in diesem Jahr durchschnittlich noch bei 3,5 Prozent, wird sie schon im Winterhalbjahr deutlich schwächer ausfallen. In Deutschland kam es zuletzt gar zu einem Preissturz. Im November sind die Verbraucherpreise lediglich noch um 1,4 Prozent gestiegen.

Doch so positiv sich diese Entwicklung für die von Preisanstiegen geplagten Verbraucher auswirkt: Sie birgt auch eine große Gefahr. Die Inflationsraten liegen eindeutig im Frühwarnbereich. Sie deuten auf deflationäre Erwartungen bei den Konsumenten, aber auch bei Investoren hin - mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für die Gesamtwirtschaft.

Kaum jemand zweifelt noch daran, dass sich Europa und Deutschland in einer Rezession befinden. Die Debatte dreht sich zwischen Optimisten und Pessimisten lediglich noch darum, ob sie kurz und schwach oder lang und tief ausfallen wird. In einer Rezession wird der Spielraum für hohe Lohnforderungen und für eine Überwälzung gestiegener Kosten auf die Kunden geringer. Das spüren nicht nur Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen. Der mit Augenmaß für die Metall- und Elektroindustrie vereinbarte kluge Kompromiss ist hierfür ein klarer Beweis.

Auch der Konsum- und Investitionsgüterindustrie fällt es zunehmend schwerer, ihre Produkte an verunsicherte Kunden zu verkaufen. Die Lager beginnen sich zu füllen. Rabatte und andere Preisvergünstigungen werden großzügiger. Opel, BMW und andere Autobauer haben ihre Produktion bereits gedrosselt, weil die Nachfrage wegbricht. Das sind keine erfreulichen Aussichten auf das nahende Weihnachtsgeschäft.

Hinzu kommt: Die Finanzkrise hat gigantische Vermögen zerstört. Nicht nur die wirklich Reichen, sondern auch viele Kleinanleger waren davon betroffen. Dazu gehören auch all jene, die mit Lebensversicherungen oder konservativen Aktienfonds für ihr Alter vorsorgen.

Selbst wenn es beim zerstörten Vermögen meist nur um reine Buchwerte geht, sind doch viele Illusionen geplatzt. Wer glaubte, reich zu sein, und sich so manches leisten zu können, wird jetzt wieder vorsichtiger und damit auch bei den täglichen Konsumentscheidungen zurückhaltender. Angstsparen avanciert zur Modeerscheinung. Auf teure Weihnachtsgeschenke wird verzichtet, das alte Auto wird etwas länger gefahren, als ursprünglich geplant, ein neuer Computer muss noch etwas warten. Besonders Luxusgüter haben schwierige Zeiten mit schwacher Nachfrage vor sich.

Als Ergebnis droht dem privaten Konsum - gleichsam der wichtigste Motor der Binnenkonjunktur - ein herber Dämpfer. Nach bereits schwachen zurückliegenden Jahren mit wenig bis keinem Wachstum wird die Kauflust in diesem und wohl auch im nächsten Jahr bestenfalls weiterhin stagnieren, im schlechtesten Fall sogar schrumpfen. Unternehmen werden mit Sonderaktionen, Rabattschlachten und Preisdruck im großen Stil antworten. Auch deswegen spricht vieles für ein zunehmend deflationäres Umfeld.

Säckeweise Geld abwerfen

Dabei müssen Deflationstendenzen früh erkannt und bekämpft werden. Sonst droht die Gefahr der Eigendynamik. Erwarten Verbraucher und Unternehmer nämlich, dass der Verfall bei Vermögenswerten, Energie- und Rohstoffpreisen anhält, dass durch die Rezession die Beschäftigung sinkt, dass die Lager anschwellen und die Preise fallen, dann werden sie ihre Konsumausgaben oder Investitionen aufschieben.

Sie wollen nicht heute kaufen, was morgen noch billiger werden könnte. "Cash is King" lautet das Motto in deflationären Zeiten. Das aber lässt die Umsätze einbrechen. In der Folge drosseln die Unternehmen erneut die Produktion. Es entstehen weitere Überkapazitäten, die sich nur durch weitere Preisnachlässe und Rabatte abbauen lassen. Der Teufelskreis ist da: Es kommt zu einer sich eigendynamisch verstärkenden Deflationsspirale.

Gerade jetzt, da erste Anzeichen für eine Deflation auftreten, müssen Zentralbank und Regierung handeln. Die japanische Erfahrung der neunziger Jahre zeigt mehr als deutlich, welch gravierende Folgen ein Zögern haben kann. Ein kollabierender Immobilienmarkt, Milliardenverluste bei Banken und dramatische staatliche Rettungsaktionen hatten den Inselstaat in Fernost damals erschüttert.

Die Regierung in Tokio und die japanische Notenbank haben dann aber zu langsam und zu unentschlossen auf erste Deflationssignale reagiert. Als dann die Eigendynamik einsetzte, konnten sie nicht mehr verhindern, dass die Deflationserwartungen das Verhalten von Verbrauchern, Investoren und Kreditinstituten bestimmten. Als Folge erlebte Japan ein verlorenes Jahrzehnt mit einer langen Stagnationsphase. Erst als die Zentralbank notleidende Kredite aufkaufte, besserte sich die Lage langsam.

In Europa ist es noch nicht so weit, noch hat die Europäische Zentralbank Pulver im Trockenen. Es sollte nun schnell zum Einsatz gebracht werden, bevor eine Deflationsspirale weiter an Schwung gewinnt. Eine deutliche Zinssenkung so schnell wie möglich ist angezeigt. Früher oder später kommt die Notenbank ohnehin ans Ende ihrer Möglichkeiten. Ist der nominale Leitzins auf dem niedrigst möglichen Niveau von Null angelangt, lässt sich der Realzins nicht mehr weiter senken. Es gibt keine negativen Nominalzinsen. Die Notenbank kann jetzt nur noch mit anderen Mitteln versuchen, Inflationserwartungen zu erzeugen und mit gezielten Transaktionen Geld in den Kreislauf zu pumpen.

Als der heutige amerikanische Zentralbankchef Ben Bernanke noch Universitätsprofessor war, hatte er dafür das schöne Bild der Helikopter-Ökonomie geprägt. Die Notenbank müsse in deflationären Zeiten mit Hubschraubern über das Land fliegen und säckeweise frisch gedrucktes Geld über den Menschen abwerfen, um so die Stimmung zu drehen und aus Deflations- Inflationserwartungen zu machen.

Der Kauf von Staatsanleihen und Devisen – notfalls auch durch frisch gedrucktes Geld - ist schon fast das letzte Mittel, das mit einem dramatischen Wertverfall der eigenen Währung bezahlt wird. Zudem ist der Erfolg mit Unsicherheiten behaftet. Wenn es um strukturelle Verwerfungen geht, die das Vertrauen der Menschen erschüttern, kann die Geldpolitik meist nur noch geringe Hilfe leisten.

Schließlich muss auch die Fiskalpolitik ihren Beitrag zu einem Stimmungswandel leisten. Die Finanzpolitik sollte Steuersenkungen vornehmen. Dabei ist es weniger wichtig, ob sie mit Barschecks Steuern rückerstattet oder einzelne Steuer- oder Abgabensätze senkt oder den Solidaritätszuschlag aussetzt. Wichtiger ist, dass die Wirkung schnell und stark einsetzt.

Deshalb sind Konsumgutscheine mit Verfallsdatum beispielsweise Ende Januar 2009 ein zweckmäßiges Mittel. Bei anderen Maßnahmen ist weniger sicher, ob das Geld auch ausgegeben oder eine Mehrwertsteuersenkung auch tatsächlich an die Kunden weitergegeben wird. Entscheidend bleibt bei allen Aktionen, dass schnell gehandelt und der private Konsum gestärkt wird, bevor die Eigendynamik einer Deflationsspirale einsetzt, die durch wirtschaftspolitisches Handeln kaum bis nicht mehr zu bremsen wäre.

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