Angst vor der Pleite Wir sind Schlecker

Von und

Die Optimistin: Andrea Davis, 48 Jahre, Bramsche


Andrea Davis: "Wie ein Angehöriger, der seit langem krank ist"
SPIEGEL ONLINE

Andrea Davis: "Wie ein Angehöriger, der seit langem krank ist"

Von Florian Diekmann

Als Andrea Davis an jenem 20. Januar in ihrer Filiale in Bramsche bei Osnabrück eintrifft, will sie es noch nicht wahrhaben. Es ist ihr freier Tag, sie tapezierte gerade zu Hause ihre Wände, als eine Freundin anrief und ihr erzählte: Schlecker ist pleite. "Du sollst doch nicht am helllichten Tag trinken", antwortete Davis. Nun will sie es schwarz auf weiß sehen, auf einem Schreiben mit Schlecker-Briefkopf. Das Fax-Gerät im kleinen Büro ihrer Filiale zeigt tatsächlich den Eingang eines Dokuments aus der Zentrale an. Doch Andrea Davis kann es nicht ausdrucken: Die Tintenpatrone ist leer, und Schlecker kann schon lange keinen Ersatz mehr liefern.

"Typisch Schlecker", meint Andrea Davis im Rückblick, auch wenn die muntere 48-Jährige lachen muss, wenn sie die Geschichte erzählt. Typisch, dass die Mitarbeiter als letztes von der Pleite erfuhren. Und typisch, wie sehr es am Ende an allen Ecken und Enden gemangelt habe, wie unstrukturiert und unorganisiert das Unternehmen in letzter Zeit gewesen sei. Das Fax aus der Zentrale hat Davis dann doch noch lesen können an jenem Freitag. Sie fuhr sieben Kilometer in die Filiale, in der ihre Schwester arbeitet. Dort funktionierte das Gerät.

Abfinden kann sich Andrea Davis mit der Insolvenz Schleckers nur schwer. "Es ist wie bei einem Angehörigen, der seit langem krank ist. Man weiß, er muss sterben. Aber dann ist es doch ein Schock." Außer ihrer Schwester arbeitet auch ihre Cousine bei Schlecker, und ihre Nichte arbeitet bei IhrPlatz. Jener Drogeriemarkt-Kette, die bereits 2005 insolvent war und zwei Jahre später über Umwege in der Schlecker-Gruppe landete. Damit ist ihre halbe Familie von der Pleite betroffen.

Davis ist nicht der Typ, der daraus ein Drama machen würde. Dafür lacht die schlagfertige Frau offensichtlich zu gern, sie strahlt Optimismus und Unbeschwertheit aus. Es geht ihr nicht nur um die Folgen für ihre Familie, sie fühlt sich nach 20 Jahren einfach eng mit dem Unternehmen verbunden. "Das ist wie bei den Opelanern. Auch wenn man oft enttäuscht wurde, hängt man an der Firma." Deshalb schmerzen sie Kommentare in Internetforen, die die Pleite bejubeln, weil Schlecker seine Mitarbeiter so schlecht behandelt habe. Auch wenn sie nach zwölf Jahren Betriebsratsarbeit mehr als genug Geschichten erzählen kann, die das Vorurteil bestätigen.

"Ich dachte mir: Hier bleibe ich bis zur Rente"

Wenn Andrea Davis erzählt, gerät das Bild von Schlecker als Menschenschinder dennoch etwas ins Wanken. Gerade hier im Niemandsland um Osnabrück gebe Schlecker vielen Frauen ohne Ausbildung Arbeit. "Das Durchschnittsalter liegt bei 43 Jahren, viele sind geschieden und müssen ihre Familie allein ernähren." Die Firma bezahle weitaus besser als große Teile der Konkurrenz. Und weil Schlecker auch in abgeschiedenen Orten Filialen habe, sei der Arbeitsweg familienfreundlich kurz. Und nahezu alle Mitarbeiter hätten unbefristete Verträge.

Andrea Davis ist selbst ein gutes Beispiel für diese freundliche Seite von Schlecker. 1985 folgt sie ihrem jetzigen Mann, einem US-Soldaten, nach Amerika. Sechs Jahre später, die erste von drei Töchtern ist unterwegs, kehren sie zurück. Ihr Mann findet Arbeit auf dem Bau, das Geld ist knapp. Ihre US-Abschlüsse im Hotelfach werden in Deutschland nicht anerkannt, also fängt Davis im Sommer 1992 als Aushilfe auf Stundenbasis bei Schlecker an.

Als sie wenige Jahre später einen 20-Stunden-Vertrag unterschreibt, sorgt eine Verkaufsleiterin dafür, dass Davis wegen ihrer guten Arbeit einen Zuschlag von mehr als 15 Prozent auf das Tarifgehalt erhält. Der Firma ging es gut. "Als in unserem Bezirk die 40. Filiale eröffnet wurde, dachte ich mir: Hier bleibe ich bis zur Rente."

Beschönigen will Davis nichts. Nicht den herrischen Umgangston, nicht die versteckten Überwachungskameras, nicht den enormen Druck auf ungeliebte Mitarbeiterinnen, endlich einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. "Überstunden und Einsatz wurden geschätzt. Aber eine eigene Meinung und Verbesserungsvorschläge definitiv nicht."

"Wir haben 30.000 Unternehmensberater: die Verkäuferinnen"

Seit der Jahrtausendwende habe Schlecker ausnahmslos alles aus der Zentrale heraus entschieden, strikt auf uniforme Filialen bestanden, egal ob im ländlichen Brandenburg oder in München. Regionale Unterschiede wurden nicht beachtet. In Bramsche etwa sei den Kunden Tierfutter wichtig gewesen - dennoch durfte es nicht als Lockmittel vor der Tür platziert werden. Stattdessen Spülbürsten, die niemand kaufte. Auch als Rossmann und Edeka in der Nähe Läden eröffnen und die Umsätze einbrechen, reagiert die Firma nicht.

Heute gibt es im Betriebsratsbezirk noch ganze 17 Läden, zuletzt schloss am 1. Februar die Filiale von Davis' Schwester. Für sie und die übrigen 90 Kolleginnen, die sie vertritt, kann Betriebsrätin Davis zurzeit nicht viel mehr tun, als zuzuhören und auf abendlichen Informationsveranstaltungen gemeinsam mit Ver.di über das Insolvenzrecht zu informieren. Noch ist die Zukunft des Unternehmens unklar, Berater von McKinsey prüfen die Sparpotentiale.

"Wir brauchen eigentlich keine Unternehmensberater. Wir haben 30.000 davon, nämlich die Verkäuferinnen in den Filialen", sagt Davis energisch. Und entwickelt aus dem Stegreif ein Vier-Punkte-Programm für Schlecker: Freundlichere Verkaufsräume mit niedrigeren Regalen, damit die Läden nicht so eng wirken, größere Eigenständigkeit der Filialen bei Präsentation und Sortiment, offensive Imagewerbung mit den guten Seiten des Arbeitgebers Schlecker - und schließlich: mehr Personal. "Ja, das ist teuer. Aber wenn ich die Zeit habe, um mit Ihnen durch die Regale zu laufen - dann kaufen Sie nicht nur ein Shampoo, sondern auch eine Spülung, eine Tönung und eine Haarkur dazu. Verkaufen können wir!" Jetzt braucht Andrea Davis nur noch die Chance, es beweisen zu können.



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vrdeutschland 24.02.2012
1. Die DDR ist zurück
Zitat von sysopDPADie 30.000 Mitarbeiter des Drogeriemarkt-Riesen Schlecker wurden jahrelang nur als Unterdrückte wahrgenommen. Drei von ihnen erzählen, wie es in den Filialen wirklich zugeht und warum sie trotz allem für ihre Firma kämpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,816090,00.html
Staatsknete für Hr. Anton Schlecker (Vermögen 2011 lt. Manager magazin 1,9 Mrd EUR), man fasst es nicht, was im Kopf eines Gewerkschafters umhergeht, solche Gedanken überhaupt zu haben. Ach, ich vergaß: das Vermögen ist ja anscheinend futsch. Vielleicht mal nicht nur auf den deutschen Konten schauen...
sinasina 24.02.2012
2. Keine Steuergelder für Schlecker - siehe Müller-Milch
Zitat von vrdeutschlandStaatsknete für Hr. Anton Schlecker (Vermögen 2011 lt. Manager magazin 1,9 Mrd EUR), man fasst es nicht, was im Kopf eines Gewerkschafters umhergeht, solche Gedanken überhaupt zu haben. Ach, ich vergaß: das Vermögen ist ja anscheinend futsch. Vielleicht mal nicht nur auf den deutschen Konten schauen...
Sie sind nicht der einzige, der es nicht fassen kann. Deshalb: Schreiben oder Mail an die Gewerkschaft verdi, Herrn Nils Schmid (SPD), Frau Manuela Schwesig (SPD) (Adressen weiter unten) und vielleicht gibt es auch noch andere Ansprechpartner? Sehr geehrte Damen und Herren, bei allem Verständnis für die Nöte und Sorgen der Schlecker-Mitarbeiter: Es kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein, einen Konzern mit Steuergeld unterstützen zu wollen, der Jahrzehntelang seine Mitarbeiter dermaßen schlecht behandelt hat und auch auf diesem Wege zu einem gigantischen Vermögen gekommen ist. Dieses wäre ein absolut falsches Signal. Wir müssen endlich davon weg kommen, immer nur Fehlverhalten (egal ob von Unternehmern oder im privaten Bereich) durch Subventionen und Maßnahmen zu unterstützen, während Menschen, die sich beruflich oder privat engagieren, kaum oder keine Unterstützung erfahren. Wenn Sie davon überzeugt sind, kleine Ortschaften bedürfen eines Drogeriemarktes, dann unterstützen Sie die Firma dm oder Menschen, die sich gerne mit einem Laden selbstständig machen würden. dm hat seine Mitarbeiter immer gut behandelt und wäre mit Sicherheit bereit, mit Hilfe des Staates und entsprechender Subventionen auch in kleinen Orten dm Läden zu etablieren. Dort könnten dann die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiter übernommen werden. Dies wäre dann endlich auch einmal ein positives Signal für die vielen Menschen, für die Mitverantwortung und Engagement kein Fremdwort ist. Zudem: Wie weisen Sie dem Steuerzahler nach, dass Herr Schlecker sein Privatvermögen nicht im Ausland "geparkt" hat? Hat Politik und Gewerkschaft anhand von Müller-Milch immer noch nicht gelernt, wie der Steuerzahler verladen wird? Mit freundlichen Grüßen ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Bundesvorstand Paula-Thiede-Ufer 10 10179 Berlin ver.di: Einzelhandel (http://einzelhandel.verdi.de/.kontakt) Herrn Nils Schmid (SPD) SPD Baden- Württemberg Nils Schmid Wilhelmsplatz 10 70182 Stuttgart Kontakt - Nils Schmid - Minister für Finanzen und Wirtschaft | Landesvorsitzender der SPD-Baden-Württemberg | MdL für Reutlingen (http://www.nils-schmid.de/index.php?mod=formular&op=show&menu=5&page_id=1377) Twitter (http://twitter.com/#!/NilsSchmid) Frau Manuela Schwesig (SPD) Tobias Dünow Sprecher des Parteivorstandes SPD-Parteivorstand Willy- Brandt-Haus Wilhelmstraße 141 10963 Berlin Manuela Schwesig | Facebook (http://de-de.facebook.com/ManuelaSchwesig)
spony 25.02.2012
3. Bauernschlaue
Zitat von vrdeutschlandStaatsknete für Hr. Anton Schlecker (Vermögen 2011 lt. Manager magazin 1,9 Mrd EUR), man fasst es nicht, was im Kopf eines Gewerkschafters umhergeht, solche Gedanken überhaupt zu haben. Ach, ich vergaß: das Vermögen ist ja anscheinend futsch. Vielleicht mal nicht nur auf den deutschen Konten schauen...
Lieber "VorDeutschland". Sie sollten erstmal vor der eigenen Haustüre kehren. Allein Ihre Gedanken zeigen wie unehrlich Sie in so einer Situation agieren würden: Sie würden also Geld ins Ausland schaffen. Zum Glück ist nicht jeder so unethisch wie sie. Wahrscheinlich haben sie einen gute bezahlten Job und egal wie große FEhler sie machen, sie bekommen am Ende des Monats ihr festes Gehalt.... Ich habe mit Anton Schlecker nichts gemein... Aber trotzdem muss ich Herrn Schlecker verteidigen. Herr Schlecker hat über Jahre hinweg zehntausenden ARbeit gegeben, Steuern in Deutschland gezahlt, auch die Region gefördert durch die lokalen läden. Ich bin in einer Stadt zur Schule gegangen, da gab es lange Zeit ausser Schlecker nichts. Schade, dass Sie so groß den Mund aufmachen, wenn Sie von Wirtschaft anscheinend keine Ahnung haben. wie diese zitierte Liste im Manager Magazin zustande kommt. Um es mit einem Wort zu sagen, das sind Schätzungen von Journalisten (und ggf ein paar "Finanzexperten", die Bankenkrise sagt ja alles über diese...). Wenn Sie sich mit Betriebswirtschaftslezre etwas auskennen würden, dann wüssten Sie auch, wie diese Schätzungen erstellt werden. Um es kurz zu machen, die Schätzung von 1,9 Mrd basiert auf der Annahme eines prosperierenden Schlecker Konzerns, das es zu dem Zeitpunkt bereits seit langen nicht mehr gab. Es ist kein Liquides Vermögen auf der Bank sondern basiert auf dem renien Wert seines Unternehmens, also Schlecker selbst. Aber bereits 2011 war Schlecker massiv angeschlagen (das war nur nicht bekannt) und das Vermögen wäre, wäre dies Publik gewesen ,wohl nur noch deutlich unter 100 Mio gelegen. Da Herr Schlecker die Firma als Eingetrager Kaufmann geführt hat, haftet er mit seinem ganzen Kapital. Sprich er dürfte zwar sicherlich noch ein paar Millionen haben, aber die sind nun wirklich nicht geeignet das Unternehmen zu retten. Und das muss ich auch sagen jemand der sein ganzen leben lang hart arbeitet und so ein Unternehmen aufbaut der darf auch noch ein paar Millionen haben. Das ist der große Unterschied zu ihnen. Sie machen die Fehler und bekommen trotzdem Ihr gehalt, ein Unternehmen büsst sein gesamtes Vermögen und Lebenswerk ein! Kaufen Sie ruhig bei Rossmann ein. Das Unternehmen gehört inzwischen einem Chinesen und die Gewinne fließen nach China ab. So wie sie sicherlich auch Chinesische AUtos kaufen, Chinesische Elektrogeräte usw. Aber der Boomerang kommt eines Tages zurück! Ich hoffe sie haben keine Kinder, denen wird es bestimmt eines Tages mal mit dieser Einstellung richtig dreckig gehen.
Dr. Fuzzi 25.02.2012
4. Och Joh!
Zitat von vrdeutschlandStaatsknete für Hr. Anton Schlecker (Vermögen 2011 lt. Manager magazin 1,9 Mrd EUR), man fasst es nicht, was im Kopf eines Gewerkschafters umhergeht, solche Gedanken überhaupt zu haben. Ach, ich vergaß: das Vermögen ist ja anscheinend futsch. Vielleicht mal nicht nur auf den deutschen Konten schauen...
Gott, wird Hirn vom Himmel! Diese ganzen ach so superschlauen Stammtischlaberer öden einfach nur an. Das Vermögen eines Inhabers eines Einzelunternehmens, darum handelt es sich bei Schlecker, definiert sich im wesentlichen aus dem Wert des Unternehmen. Unternehmen Pleite = Unternehmer Pleite, denn zusätzlich zum Verlust des Unternehmens kommt auch noch die uneingeschränkte persönliche Haftung des Inhabers.
inci2 25.02.2012
5.
Zitat von Dr. FuzziGott, wird Hirn vom Himmel! Diese ganzen ach so superschlauen Stammtischlaberer öden einfach nur an. Das Vermögen eines Inhabers eines Einzelunternehmens, darum handelt es sich bei Schlecker, definiert sich im wesentlichen aus dem Wert des Unternehmen. Unternehmen Pleite = Unternehmer Pleite, denn zusätzlich zum Verlust des Unternehmens kommt auch noch die uneingeschränkte persönliche Haftung des Inhabers.
und als einzelunternehmer hat er all das geschaffen? SCHLECKER.com (http://www.schlecker.com/) das wage ich dann doch zu bezweifeln. im übrigen sind die auslandstöchter allesamt nicht von der insolvenz betroffen. das müssten sie aber sein, wenn der herr einzelunternehmer schlecker pleite ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.