SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Februar 2012, 09:28 Uhr

Angst vor der Pleite

Wir sind Schlecker

Von und

Die 30.000 Mitarbeiter des Drogeriemarkt-Riesen Schlecker wurden jahrelang nur als Unterdrückte wahrgenommen. Drei von ihnen erzählen, wie es in den Filialen wirklich zugeht und warum sie trotz allem für ihre Firma kämpfen.

Hamburg - Lohndrückerei, schlechte Arbeitsbedingungen, verkommene Läden: Mit diesem Image hat Schlecker in den vergangenen Jahren Kunden verschreckt und rutschte schließlich in die Pleite.

Das Mitleid mit der Unternehmerfamilie hält sich in Grenzen - doch die Insolvenz betrifft auch 30.000 Mitarbeiter. Trotz aller schlechten Schlagzeilen: Schlecker ist für sie vor allem ein Arbeitgeber, der sich schwer ersetzen lässt. Viele Schlecker-Läden liegen dort, wo es sonst kaum Jobs gibt. Vor allem nicht für die typischen Schlecker-Beschäftigten: meist Frauen, oft ohne Berufsabschluss. Häufig Mütter, die in Teilzeit Geld für ihre Familie hinzuverdienen. Wegen der Präsenz in der Fläche fordert der Schlecker-Betriebsrat jetzt auch Staatshilfe für die Drogeriekette - schließlich sichere sie die Grundversorgung auf dem Land.

Gewerkschafter rechnen der Firma an, dass sie Tariflöhne zahlt und offener für Gespräche mit den Arbeitervertretern geworden ist. Und darum kämpfen sie jetzt für Schlecker: Katharina Klose, Marianne Thomas und Andrea Davis. Frauen, die seit vielen Jahren für die Drogeriemarktkette arbeiten. Alle drei sind Betriebsräte. Weil sie sich durch ihr Amt geschützt fühlen, gehen sie nun an die Öffentlichkeit.

Auf SPIEGEL ONLINE berichten sie, wie es bei Schlecker wirklich zuging. Sie zeichnen das Bild eines Konzerns, der sich im eigenen Kontrollwahn verfangen hatte - und für dessen Erhalt es sich dennoch einzustehen lohnt.

Von Florian Diekmann

Als Andrea Davis an jenem 20. Januar in ihrer Filiale in Bramsche bei Osnabrück eintrifft, will sie es noch nicht wahrhaben. Es ist ihr freier Tag, sie tapezierte gerade zu Hause ihre Wände, als eine Freundin anrief und ihr erzählte: Schlecker ist pleite. "Du sollst doch nicht am helllichten Tag trinken", antwortete Davis. Nun will sie es schwarz auf weiß sehen, auf einem Schreiben mit Schlecker-Briefkopf. Das Fax-Gerät im kleinen Büro ihrer Filiale zeigt tatsächlich den Eingang eines Dokuments aus der Zentrale an. Doch Andrea Davis kann es nicht ausdrucken: Die Tintenpatrone ist leer, und Schlecker kann schon lange keinen Ersatz mehr liefern.

"Typisch Schlecker", meint Andrea Davis im Rückblick, auch wenn die muntere 48-Jährige lachen muss, wenn sie die Geschichte erzählt. Typisch, dass die Mitarbeiter als letztes von der Pleite erfuhren. Und typisch, wie sehr es am Ende an allen Ecken und Enden gemangelt habe, wie unstrukturiert und unorganisiert das Unternehmen in letzter Zeit gewesen sei. Das Fax aus der Zentrale hat Davis dann doch noch lesen können an jenem Freitag. Sie fuhr sieben Kilometer in die Filiale, in der ihre Schwester arbeitet. Dort funktionierte das Gerät.

Abfinden kann sich Andrea Davis mit der Insolvenz Schleckers nur schwer. "Es ist wie bei einem Angehörigen, der seit langem krank ist. Man weiß, er muss sterben. Aber dann ist es doch ein Schock." Außer ihrer Schwester arbeitet auch ihre Cousine bei Schlecker, und ihre Nichte arbeitet bei IhrPlatz. Jener Drogeriemarkt-Kette, die bereits 2005 insolvent war und zwei Jahre später über Umwege in der Schlecker-Gruppe landete. Damit ist ihre halbe Familie von der Pleite betroffen.

Davis ist nicht der Typ, der daraus ein Drama machen würde. Dafür lacht die schlagfertige Frau offensichtlich zu gern, sie strahlt Optimismus und Unbeschwertheit aus. Es geht ihr nicht nur um die Folgen für ihre Familie, sie fühlt sich nach 20 Jahren einfach eng mit dem Unternehmen verbunden. "Das ist wie bei den Opelanern. Auch wenn man oft enttäuscht wurde, hängt man an der Firma." Deshalb schmerzen sie Kommentare in Internetforen, die die Pleite bejubeln, weil Schlecker seine Mitarbeiter so schlecht behandelt habe. Auch wenn sie nach zwölf Jahren Betriebsratsarbeit mehr als genug Geschichten erzählen kann, die das Vorurteil bestätigen.

"Ich dachte mir: Hier bleibe ich bis zur Rente"

Wenn Andrea Davis erzählt, gerät das Bild von Schlecker als Menschenschinder dennoch etwas ins Wanken. Gerade hier im Niemandsland um Osnabrück gebe Schlecker vielen Frauen ohne Ausbildung Arbeit. "Das Durchschnittsalter liegt bei 43 Jahren, viele sind geschieden und müssen ihre Familie allein ernähren." Die Firma bezahle weitaus besser als große Teile der Konkurrenz. Und weil Schlecker auch in abgeschiedenen Orten Filialen habe, sei der Arbeitsweg familienfreundlich kurz. Und nahezu alle Mitarbeiter hätten unbefristete Verträge.

Andrea Davis ist selbst ein gutes Beispiel für diese freundliche Seite von Schlecker. 1985 folgt sie ihrem jetzigen Mann, einem US-Soldaten, nach Amerika. Sechs Jahre später, die erste von drei Töchtern ist unterwegs, kehren sie zurück. Ihr Mann findet Arbeit auf dem Bau, das Geld ist knapp. Ihre US-Abschlüsse im Hotelfach werden in Deutschland nicht anerkannt, also fängt Davis im Sommer 1992 als Aushilfe auf Stundenbasis bei Schlecker an.

Als sie wenige Jahre später einen 20-Stunden-Vertrag unterschreibt, sorgt eine Verkaufsleiterin dafür, dass Davis wegen ihrer guten Arbeit einen Zuschlag von mehr als 15 Prozent auf das Tarifgehalt erhält. Der Firma ging es gut. "Als in unserem Bezirk die 40. Filiale eröffnet wurde, dachte ich mir: Hier bleibe ich bis zur Rente."

Beschönigen will Davis nichts. Nicht den herrischen Umgangston, nicht die versteckten Überwachungskameras, nicht den enormen Druck auf ungeliebte Mitarbeiterinnen, endlich einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. "Überstunden und Einsatz wurden geschätzt. Aber eine eigene Meinung und Verbesserungsvorschläge definitiv nicht."

"Wir haben 30.000 Unternehmensberater: die Verkäuferinnen"

Seit der Jahrtausendwende habe Schlecker ausnahmslos alles aus der Zentrale heraus entschieden, strikt auf uniforme Filialen bestanden, egal ob im ländlichen Brandenburg oder in München. Regionale Unterschiede wurden nicht beachtet. In Bramsche etwa sei den Kunden Tierfutter wichtig gewesen - dennoch durfte es nicht als Lockmittel vor der Tür platziert werden. Stattdessen Spülbürsten, die niemand kaufte. Auch als Rossmann und Edeka in der Nähe Läden eröffnen und die Umsätze einbrechen, reagiert die Firma nicht.

Heute gibt es im Betriebsratsbezirk noch ganze 17 Läden, zuletzt schloss am 1. Februar die Filiale von Davis' Schwester. Für sie und die übrigen 90 Kolleginnen, die sie vertritt, kann Betriebsrätin Davis zurzeit nicht viel mehr tun, als zuzuhören und auf abendlichen Informationsveranstaltungen gemeinsam mit Ver.di über das Insolvenzrecht zu informieren. Noch ist die Zukunft des Unternehmens unklar, Berater von McKinsey prüfen die Sparpotentiale.

"Wir brauchen eigentlich keine Unternehmensberater. Wir haben 30.000 davon, nämlich die Verkäuferinnen in den Filialen", sagt Davis energisch. Und entwickelt aus dem Stegreif ein Vier-Punkte-Programm für Schlecker: Freundlichere Verkaufsräume mit niedrigeren Regalen, damit die Läden nicht so eng wirken, größere Eigenständigkeit der Filialen bei Präsentation und Sortiment, offensive Imagewerbung mit den guten Seiten des Arbeitgebers Schlecker - und schließlich: mehr Personal. "Ja, das ist teuer. Aber wenn ich die Zeit habe, um mit Ihnen durch die Regale zu laufen - dann kaufen Sie nicht nur ein Shampoo, sondern auch eine Spülung, eine Tönung und eine Haarkur dazu. Verkaufen können wir!" Jetzt braucht Andrea Davis nur noch die Chance, es beweisen zu können.

Von Maria Marquart

Katharina Klose trank gerade eine Tasse Kaffee, als am 20. Januar das Telefon klingelte. Eine Kollegin war dran. "Schlecker ist pleite", sagte sie. Klose entgegnete: "Ach Quatsch." Dann dachte sie: Warum weiß ich eigentlich als Betriebsrätin noch nicht davon?

Seit elf Jahren arbeitet Katharina Klose bei Schlecker in der Region Dresden, seit 2006 ist sie Betriebsrätin. Die 30-jährige Frau mit den langen schwarzen Haaren kämpfte gegen Billiglöhne und ruppige Vorgesetze. Die Fronten waren klar: Die Chefs da oben und die einfachen Verkäuferinnen da unten. Doch seit drei Wochen gibt es eine Sache, die sie alle verbindet: Die Angst vor dem Untergang der Drogeriemarktkette.

Dagegen kämpft die Gründerfamilie Schlecker und dagegen kämpft Katharina Klose. Noch nie hatte die Verkäuferin ein Mitglied der Unternehmerfamilie getroffen. Erst angesichts der drohenden Pleite traf sich Firmenerbe Lars Schlecker Ende Januar mit 53 Mitgliedern des Gesamtbetriebsrats. Klose war dabei. "Hut ab, dass er gekommen ist", sagt sie. Am Ende des Gesprächs hatte Klose sogar Mitleid. "Er kann ja nix dafür. Die Entscheidungen hat sein Vater getroffen. Der Lars muss jetzt die Fehler ausbügeln", sagt sie.

Als Betriebsrätin wurde das Verhältnis zu den Vorgesetzten angespannt

2001 marschierte Klose im sächsischen Coswig in einen Schlecker-Laden und fragte nach einem Job. "Aus der Not heraus", sagt sie. Sie musste eine Stelle vorweisen, um ihre staatlich geförderte Ausbildung zur Verkäuferin machen zu können. Klose arbeitete für Schlecker, das Gehalt zahlte eineinhalb Jahre lang die Arbeitsagentur. Warum Schlecker? "Man war ja froh, dass man was hatte", sagt Klose.

Bald merkte sie, dass die Stimmung unter den Kollegen nicht allzu gut war. "Ich selbst lass nicht so viel an mich ran", sagt Klose. "Aber ich dachte: Da kann man was ändern." Sie kandidierte für den Betriebsrat und wurde auf der Stelle gewählt. Mit der Kandidatur wurde das Verhältnis zu den Vorgesetzten plötzlich angespannt, erzählt sie. "Ich hatte, das Gefühl, dass ich nicht mehr gewollt bin."

Trotzdem blieb sie. Klose arbeitete Teilzeit, mehrmals wechselte sie die Filialen. Sie sagte öffentlich, wenn ihr etwas nicht passte. Als Schlecker versuchte, Mitarbeiter in eine Leiharbeitsfirma auszulagern, prangerte sie das bei einer Kundgebung am 1. Mai an. Heute steht sie nicht mehr als Verkäuferin im Laden, sondern ist im Bezirk Dresden hauptamtlich als Betriebsrätin unterwegs.

Ihr Handy bleibt zurzeit immer an, damit Kolleginnen sie erreichen können. "Die fragen, wie es weitergeht, ob sie schon zur Arbeitsagentur sollen." Und was antwortet sie? "Wir müssen Geduld haben." Erst mal müssten alle Zahlen auf den Tisch.

Trotz aller Unsicherheit bei Schlecker wirkt Klose nicht niedergeschlagen. Sie ist ein drahtiger Typ, läuft gerne in Turnschuhen herum. Wenn sie etwas stört, druckst sie nicht herum, sondern sagt es geradeheraus.

"Die Führungsgrundsätze sind bei uns unten nicht angekommen."

"Ich denke, dass Schlecker überlebt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf", sagt Klose. Sie war beeindruckt, dass trotz Insolvenzantrag die Löhne für Januar rasch bezahlt wurden. 210 Festangestellte arbeiten im Bezirk Dresden noch für die Drogeriemarktkette, vor allem Frauen in Teilzeit. Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei 9,3 Prozent. "Die Leute haben Angst um ihren Job. Sie sind froh, dass sie Arbeit haben und nach Tarif bezahlt werden", sagt Klose. "Bei vielen reicht es selbst dann hinten und vorne nicht, wenn der Partner mitverdient." Und viele Verkäuferinnen hingen auch an ihrer Filiale. "Die sagen: Das ist mein Laden. Den hab ich mit aufgebaut."

Den Modernisierungskurs der vergangenen Monate hätten viele Mitarbeiter nur als Streichprogramm erlebt, sagt Klose. Im Bezirk Dresden sei die Zahl der Filialen seit 2010 von 89 auf 60 geschrumpft, nur eine einzige Filiale in Dresden neu gestaltet worden. Im Mai 2011 impfte Schlecker den leitenden Mitarbeitern die neuen Führungsgrundsätze ein, für mehr Fairness mit den Beschäftigten. "Das ist unten nicht angekommen", sagt Klose. Wenn Bezirksleiter plötzlich nett wurden, fragten sich Mitarbeiter misstrauisch: Was mag da wohl wieder drohen?

Jetzt wissen sie es: Die Charme-Offensive war einer der letzten Versuche, das drohende Ende doch noch abzuwenden. Sie kam zu spät.

Von Florian Diekmann

Auf den ersten Blick mag Marianne Thomas so überhaupt nicht passen zu dieser leicht schäbigen Welt der Schlecker-Filialen. Man kann sich die dezent gekleidete Frau mit den akkurat frisierten grauen Haaren sehr gut hinter einem Apothekentresen vorstellen oder als Beraterin in einem gehobenen Bekleidungsfachgeschäft. Stattdessen leitet die 59-Jährige im Bremer Norden einen typischen Schlecker-Markt, eng und karg, im Erdgeschoss eines schmucklosen Doppelhauses. Die Toilette: ein kleines Häuschen im Garten hinter dem Haus. "Die Filiale lässt schon sehr zu wünschen übrig", sagt Thomas.

Es könnte Marianne Thomas egal sein, in welchem Zustand ihre Filiale ist und auch, dass Schlecker an jenem Freitag, vier Wochen ist es her, die Pleite verkündet hat. Sie hat schließlich nur noch sechs Monate bis zum Vorruhestand, für sie steht nichts mehr auf dem Spiel. Aber es ist ihr ganz und gar nicht egal. "Für viele Kolleginnen ist eine Welt zusammengebrochen. Wer über 40 ist, kommt nirgendwo mehr unter, vor allem nicht hier", sagt Thomas. Die Arbeitslosenquote im Bremer Norden liegt mit 11,7 Prozent weit höher als im Bundesschnitt. Auch Schlecker baut hier schon seit Jahren Jobs ab. 124 Mitarbeiter waren es im Jahr 2006 im Betriebsratsbezirk Bremen-Nord, nun noch 80. Von 36 Filialen sind 19 geblieben.

Arbeit zu haben bedeutet alles im Bremer Norden, und deshalb ist Frau Thomas zornig. Zornig über die Unsicherheit, in der Schlecker seine Mitarbeiter schweben lässt. Von der Insolvenz erfuhr sie von ihrem Mann, der zu Hause vor dem Fernseher saß und in der Filiale anrief. Er hat Erfahrung mit Pleiten, er arbeitete bei der Vulkan-Werft, als sie 1996 die Zahlungsunfähigkeit erklärte. Doch "beim Vulkan" wussten die Mitarbeiter zumindest vor der Öffentlichkeit Bescheid.

Seit einem Jahr wurden die Lieferungen immer spärlicher

Wenige Minuten nach dem Anruf brach über Thomas herein, was sie die Telefonlawine nennt. Zahlreiche Kolleginnen meldeten sich und wollten Informationen, Rat, Hilfe. Doch auch die Betriebsrätin Thomas wusste nicht mehr als sie.

Natürlich sei allen bewusst gewesen, dass Schlecker in Schieflage war - seit etwa einem Jahr waren die Lieferungen nicht mehr vollständig, seit Oktober kam höchstens noch ein Bruchteil der bestellten Ware. "Da muss man ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um nichts zu merken", sagt Thomas. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ihre Stimme den freundlichen norddeutschen Grundton verliert und die Verdrossenheit deutlich herauszuhören ist.

Sie hat erst lernen müssen, ihren Unmut über den Arbeitgeber so klar zu äußern, das widerspricht dem Naturell der unaufgeregten Hanseatin. Sie mag ihre Arbeit nach 18 Jahren immer noch "so gern wie am ersten Tag". Und das Einkommen, betont sie, sei besser als bei vielen Konkurrenten. Seit 1995 zahlt Schlecker Tariflöhne.

Schlecker hatte Marianne Thomas eine Chance eröffnet, die sie kaum woanders erhalten hätte. Die gelernte Bürokauffrau blieb nach der Geburt ihres Kindes zu Hause. Als sie mit 41 Jahren wieder in den Beruf einsteigen wollte, entdeckte sie das Stellenangebot von Schlecker in der Zeitung. Wenige Tage später hatte sie einen 20-Stunden-Job. Nach einem Jahr erhöhte sie auf Vollzeit und übernahm die Filialleitung. Und als sie in einen neueröffneten Laden wechseln wollte, der näher an ihrem Wohnhaus lag, erfüllte Schlecker ihr den Wunsch.

Nach dem Herzinfarkt droht der Jobverlust

Doch da war diese andere Seite von Schlecker, die selbst eine so zurückhaltende Frau wie Thomas zum Widerspruch reizte: der ständige Druck von oben, die Gängeleien, der ruppige Ton, vor allem aber das Abschmettern ihrer Ideen und Vorschläge. Als etwa vor einigen Jahren ein neues Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe geplant wurde, erkannte Thomas die Bedrohung. Sie besuchte in ihrer Freizeit Planungssitzungen, um auszuloten, ob Schlecker auch in das Zentrum ziehen könne. Das Einkaufszentrum wurde gebaut, Schlecker reagierte nicht. In der Filiale brach der Umsatz ein.

Mit 49 Jahren erlitt Thomas einen Herzinfarkt. Die Ärzte verboten ihr, weiter so viel zu arbeiten. Thomas wollte ihre Arbeitszeit reduzieren. Dann sei auch die Position als Filialleiterin futsch, drohte ihr Chef. Nur wegen rückläufiger Umsätze konnte Thomas ihre Arbeitszeit später doch auf 30 Stunden verkürzen.

Je schlechter es Schlecker ging, desto rigider wurden die Vorgaben aus der Zentrale. Ging der Umsatz zurück, wurde die Filialleiterin verantwortlich gemacht. "'Schließlich ist es Ihr Laden', hieß es dann."

Endgültig riss Thomas der Geduldsfaden, als eine befreundete Kollegin 2006 einen Betriebsrat gründen wollte und Schlecker ihr kündigte. Thomas schloss sich der Betriebsratsinitiative an, fast ein Jahr sollte es dauern, bis sie das Gremium endlich durchgesetzt hatten, beide wurden auf Anhieb gewählt. "Aber immer noch trauen sich viele Kolleginnen nicht zu einer Betriebsversammlung - weil da auch der Arbeitgeber anwesend ist", sagt Thomas.

In ihrer Filiale kennt Marianne Thomas die meisten Kunden persönlich. Einige seien sogar gekommen, um aus Solidarität auf Vorrat einzukaufen. Inzwischen können sie das sogar wieder: Seit kurzem kommt deutlich mehr Ware in die Läden, hat Thomas beobachtet.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung