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27. April 2009, 17:27 Uhr

Angst vor ökonomischen Folgen

Börsen fürchten Schweinegrippe-Pandemie

Die Angst vor einer Ausbreitung der Schweinegrippe beunruhigt die Wirtschaft. An den Börsen verlieren vor allem Luftfahrt-Aktien - die Weltgesundheitsorganisation berät darüber, die Pandemie-Warnstufe anzuheben.

Hamburg/Mexiko-Stadt/New York - Die Sorge vor einer schnellen Ausbreitung der Schweinegrippe belastet auch die weltweiten Aktienmärkte - und könnte eine wirtschaftliche Erholung weiter in die Ferne rücken. "Es wird den Markt belasten, solange wir nicht besser wissen, wo das alles hinführt und was die Folgen sind", sagte ein Analyst an der New Yorker Wall Street am Montag.

Angst vor Schweinegrippe in Hongkong: Erinnerung an die Sars-Epidemie
AFP

Angst vor Schweinegrippe in Hongkong: Erinnerung an die Sars-Epidemie

Tatsächlich fiel der Dow-Jones-Index der Standardwerte bereits in den ersten Handelsminuten um 0,9 Prozent auf 8007 Punkte, allerdings erholte er sich später wieder. Die Furcht vor einer weiteren Ausbreitung der Schweinegrippe beeinflusste auch die europäischen und asiatischen Börsen. So gab der Dax um über zwei Prozent nach, schloss nach den positiven Vorgaben aus den USA aber mit 0,4 Prozent im Plus.

Trotzdem ist klar: Die Unsicherheit - denn zu sehr erinnert die Schweine-Grippe an das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Sars), das vor sechs Jahren monatelang die asiatische Tourismusindustrie zum Erliegen gebracht hatte. Die Flughäfen waren nahezu verödet, einige Fluggesellschaften legten die Hälfte ihrer Flotte still. Erst nach einem halben Jahr, als die vor allem China und Hongkong betreffende Epidemie abklang, erholte sich der Reiseverkehr wieder.

"Der Markt preist das schlimmstmögliche Szenario ein"

Die Erinnerung an das Sars-Desaster ließ Investoren am Montag im großen Stil Luftverkehrswerte verkaufen. Die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific Airways verlor acht Prozent, die australische Qantas vier Prozent. "Wir sind mitten in einem Abschwung, und da ist so etwas sicherlich nicht willkommen", sagte der Generaldirektor der in Kuala Lumpur ansässigen Fluggesellschaft Asia-Pacific, Andrew Herdman. "Aber das ist ein Notstand der öffentlichen Gesundheit, und die wird Vorrang haben."

Aber nicht alle Analysten erwarten einen massiven Einbruch des asiatischen Flugaufkommens infolge der Schweinegrippe. Sie verwiesen darauf, dass der Ursprung der Krankheit viel weiter weg sei als damals bei Sars. "Der internationale Verkehr ist sowieso schon ziemlich unten, und natürlich ist das Salz auf die Wunden", sagte der Hongkonger Verkehrsanalyst Jim Wong. "Es wird die Fluggesellschaft aber nicht so treffen wie damals Sars."

"Im Augenblick preist der Markt das schlimmstmögliche Szenario ein", sagte Philip Lawlor, Aktienstratege beim Brokerhaus Nomura. Und dafür gibt es tatsächlich allen Grund: So treffen sich am Montagabend die internationalen Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), um darüber zu beraten, ob die Pandemie-Warnstufe angehoben werden soll.

Erhöhung der Pandemie-Warnstufe hat Folgen

Derzeit sehen die Experten die Schweinegrippe auf Warnstufe 3 von 6. Ein WHO-Sprecher sagte im Vorfeld der Sitzung, er halte eine Erhöhung auf Stufe 4 oder gar 5 für möglich.

Sollte die Epidemie auf Stufe 4 heraufgesetzt werden, hätte das auch wirtschaftliche Folgen: Die Aktienmärkte könnten insgesamt sieben Prozent verlieren, schätzt Mark Bon, Fondsmanager von Canada Life Financial . Die Finanzmärkte würden dabei vor allem auf die betroffenen Länder und deren Volkswirtschaften reagieren - und damit eine neue Schwächung der sowieso schon sensiblen Finanzmärkte bedeuten. Allerdings würden Dollar und Yen wieder stärker, so die Vermutung.

Tatsächlich gab der Euro am Montag weiter nach. Er wurde mit 1,3129 Dollar gehandelt - nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) am Freitag noch einen Referenzkurs von 1,3232 Dollar festgestellt hatte. Investoren suchten angesichts der Gefahr einer Pandemie die vermeintlich sicheren Häfen, sagte ein Devisenhändler.

Es gab aber auch Gewinner an den Börsen: Pharmakonzerne mit entsprechenden Medikamenten, für die im schlimmsten Fall der Seuchenverbreitung demnächst eine gewaltige Nachfrage einsetzen könnte. Der asiatische Hersteller des Grippemittels Tamiflu, Chugai Pharmaceutical, legte an der Tokioter Börse um 14,3 Prozent zu. Der australische Pharmakonzern Biota, der das Grippemittel Relenza herstellt, machte in Sydney einen Riesensprung von fast 82 Prozent. Auch Merck und Pfizer zogen um 0,8 beziehungsweise 1,4 Prozent an.

"Es gibt keinen Grund, Alarm zu schlagen"

US-Präsident Barack Obama hat unterdessen davor gewarnt, unnötig Angst vor der Schweinegrippe zu verbreiten. Natürlich sei die Krankheit Grund zur Sorge, sagte er am Montag bei einer Rede vor der National Academy of Sciences. "Aber es gibt keinen Grund, Alarm zu schlagen." Die Regierung verfolge den Verlauf der Epidemie und die davon möglicherweise ausgehende Bedrohung sehr genau. Die Bevölkerung werde laufend informiert.

Die Ausrufung des nationalen Gesundheitsnotstands am Sonntag sei lediglich "eine Vorsichtsmaßnahme" gewesen, betone Obama. Ähnlich äußerte sich Heimatschutzministerin Janet Napolitano. Die offizielle Erklärung des Notstands sei eine Formalie, um Mittel des Bundes, der Bundesstaaten und der lokalen Behörden in die Bekämpfung der Seuche stecken und mehr Medikamente kaufen zu können. Zudem ermöglicht die Verordnung den Gesundheitsbehörden, experimentelle Arzneien zu verwenden und freier zu testen. Quarantäne- oder Reisebestimmungen seien durch den Gesundheitsnotstand jedoch nicht betroffen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP wird das Washingtoner Außenministerium noch am Montag eine offizielle Reisewarnung für Mexiko herausgeben. Amerikaner sollen demnach alle nicht unbedingt notwendigen Reisen in das Land unterlassen. Bisher sind in Mexiko 103 Menschen an der Schweinegrippe gestorben. Spanien hat am Montag den ersten Fall in Europa bestätigt.

Das Auswärtige Amt in Berlin sieht dagegen noch keinen Grund für eine Reisewarnung für Mexiko oder andere Länder. Die Entwicklung werde in Zusammenarbeit mit verschiedenen Stellen wie dem Robert-Koch-Institut "sehr aufmerksam" verfolgt, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin. Notfalls würden die Reisehinweise entsprechend angepasst.

Welchen Namen soll die Seuche bekommen?

Andernorts wird bereits darum gestritten, welchen offiziellen Namen die Seuche bekommen soll. Der Begriff "Schweinegrippe" sollte nach Ansicht der Weltorganisation für Tiergesundheit nicht verwendet werden. Der Erreger besitze Komponenten, die sowohl beim Menschen als auch bei Vögeln aufträten, erklärte die Organisation am Montag. Zudem sei die Krankheit bis jetzt bei keinem Schwein nachgewiesen worden. Es gebe daher keine Berechtigung, von einer Schweinegrippe zu sprechen.

Die Organisation empfiehlt wegen der Herkunft der Seuche den Namen "Nordamerikanische Grippe". Das wäre mit der Spanischen Grippe vergleichbar, die 1918/19 ihren Ursprung in Spanien hatte und sich zu einer Pandemie entwickelte, an deren Folgen mehr als 50 Millionen Menschen starben.

Auch in Israel ist nicht jeder mit dem Begriff "Schweinegrippe" glücklich - wenn auch aus weniger wissenschaftlichen Gründen. "Wir werden sie mexikanische Grippe und nicht Schweinegrippe nennen", sagt der stellvertretende Gesundheitsminister Jakow Litzman, ein orthodoxer Jude. Nach den jüdischen Speisevorschriften gilt Schweinefleisch als unrein, sein Verzehr ist Juden verboten.

sam/mbe/AP/Reuters/dpa/ddp

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