Anklage gegen Klaus Zumwinkel Der tiefe Fall der Gelben Eminenz

Er war mächtig, bewundert, beliebt - jetzt klagt die Staatsanwaltschaft Klaus Zumwinkel wegen Steuerhinterziehung an. Dem Ex-Chef der Post droht eine Haftstrafe - es ist der letzte Akt im Drama um den tiefen Fall einer deutschen Manager-Ikone.

Von


Hamburg - Er war einer der mächtigsten Manager Deutschlands, heute ist er Privatier - und bald vor Gericht. Klaus Zumwinkel, früher Vorstandsvorsitzender der Post und Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom Chart zeigen. Mitarbeiter liebten ihn, Konkurrenten bewunderten seine Erfolge, Politiker erfüllten ihm fast jeden Wunsch.

Geblieben ist von all der Herrlichkeit fast nichts.

Ex-Post-Chef Zumwinkel: Von der Gelben Eminenz zur persona non grata
DDP

Ex-Post-Chef Zumwinkel: Von der Gelben Eminenz zur persona non grata

Tatsächlich steht Zumwinkel vor den Trümmern seiner Karriere. Statt Ehren und Ämter sammelt er im Spätherbst seiner Laufbahn Negativschlagzeilen. So wie am heutigen Freitag: Die Staatsanwaltschaft Bochum habe jetzt Anklage gegen den Ex-Post-Chef erhoben, sagte Behördensprecher Bernd Bienioßek.

Jahrzehnte harter Arbeit, eine beachtliche Karriere, ein ganzes Lebenswerk - all das ist mit einem Mal vergessen. Das Bild, das bleibt: Zumwinkel, der angeklagte Steuerhinterzieher.

Es war ein Niedergang auf Raten. Erst langsam, dann immer schneller. Angefangen hat es im vergangenen Jahr.

Zumwinkel ist damals auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er hat aus dem verkrusteten Staatsbetrieb Post einen effizienten Weltkonzern mit mehr als 500.000 Menschen geschmiedet. Seit 18 Jahren ist er im Amt, so lange wie kein anderer Dax-Chef. Untergebene nennen ihn ehrfurchtsvoll die "Gelbe Eminenz".

"Herr Zumwinkel bekommt den Hals nicht voll"

Im Herbst 2007 landet Zumwinkel noch einen letzten, großen Coup: Die Große Koalition beschließt den Mindestlohn für Briefboten von 9,80 Euro - so hoch, dass Konkurrenten fürchten, aus dem Markt gedrängt zu werden. Der Aktienkurs der Post springt knapp fünf Prozent nach oben, Zumwinkels gute Kontakte zur Politik haben sich bezahlt gemacht.

Doch wenige Tage später bekommt das Image des Saubermanns Kratzer. Denn Zumwinkel nutzt die Kursgewinne nach der politischen Entscheidung, um eigene Aktienoptionen einzulösen. Persönlicher Gewinn: 4,73 Millionen Euro.

Die Öffentlichkeit schreit auf. Nur zu gut passt das Geschäft ins Bild von den raffgierigen Managern. "Schwarz-Rot hat Herrn Zumwinkel ein großes Weihnachtsgeschenk beschert", schimpft FDP-Fraktionsvizechef Rainer Brüderle. "Herr Zumwinkel bekommt den Hals nicht voll", kommentiert die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, Christine Scheel.

Juristisch kann Zumwinkel nicht belangt werden, doch moralisch hat ihn die Affäre schwer beschädigt. Kaum jemand hatte ihm eine solche Instinktlosigkeit zugetraut. Früher schätzten Gewerkschafter und Betriebsräte sein Verantwortungsbewusstsein. Zumwinkel galt als einer, der seine Mitarbeiter motivieren konnte. Fast wirkte er wie ein Gegenmodell zu den Ego-Bossen angelsächsischer Großkonzerne. Umso größer ist nun die Enttäuschung.

Razzia in der Privatvilla

Der Post-Chef bleibt im Amt, doch schon bald machen Gerüchte über einen baldigen Rücktritt die Runde. Die "Financial Times" berichtet am 7. Februar, Zumwinkel werde seinen Posten Ende des Jahres aufgeben. Mit ein Grund: die Probleme der Post in den USA. Der Konzern steckt dort seit langem in der Krise.

Doch dann kommt das Aus viel schneller als gedacht. Nur eine Woche später, am 14. Februar, deckt die Bochumer Staatsanwaltschaft eine der größten Steueraffären in der Geschichte der Bundesrepublik auf. Im Zentrum der Ermittlungen: Klaus Zumwinkel.

Morgens um 7 Uhr fahren die Fahnder vor seiner Privatvilla im Kölner Stadtteil Marienburg vor. Sämtliche Räume werden durchsucht, die Ermittler tragen kistenweise Unterlagen zusammen. Der Vorwurf: Zumwinkel soll mit Hilfe einer Liechtensteiner Stiftung massiv Steuern hinterzogen haben. Die Rede ist von mehr als einer Million Euro. Der Post-Chef wird zur Staatsanwaltschaft mitgenommen. In einem Wagen der Polizei, vor laufenden Kameras - ein einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Zumwinkel kommt gegen Kaution frei, doch einen Tag später bietet er seinen Rücktritt an. Nach 18 Jahren verlässt der Spitzenmanager die Post, alle Zahlungen an ihn werden sofort eingestellt. Die Aktie des Unternehmens springt nach der Rücktrittsmeldung knapp drei Prozent ins Plus. Die Anleger sind froh, den alten Konzernchef loszuwerden.

Ausgestanden ist die Affäre aber nicht. Im Gegenteil: Eine Peinlichkeit nach der anderen kommt ans Licht. In den Tagen nach dem Rücktritt sorgt die gerade erschienene Ausgabe der Post-Mitarbeiterzeitung für unfreiwillige Heiterkeit. Darin doziert der geschasste Konzernchef über die "Vorbildfunktion" von Führungskräften, diese müssten "Werte vorleben". In der aktuellen Krise wirkt der Artikel wie Hohn, der einstige Vorzeigemanager steht als Lügner da.

Unangenehm wird es auch, als ein geheimer Personalplan des Kinderhilfswerks Unicef bekannt wird. Demnach galt Zumwinkel als Favorit für den Vorstandsvorsitz der gemeinnützigen Organisation in Deutschland. Nur wenige Stunden nach der entscheidenden Gremiensitzung machte der Steuerskandal das Vorhaben zunichte. Zumwinkel ist jetzt persona non grata.

Beide Anekdoten zeigen, welch hohes Ansehen Zumwinkel vor seinem Fall genoss. Beleg dafür ist auch seine Verabschiedung im Bonner Post-Tower. Mit frenetischem Applaus feiern die Mitarbeiter ihren Ex-Chef. Zumwinkels Nachfolger Frank Appel kämpft mit den Tränen, fällt ihm mehrfach um den Hals.

Zusammenarbeit mit ehemaligen Stasi-Leuten

Der Ex-Manager räumt auch in anderen Firmen einen Posten nach dem anderen. Den Aufsichtsratsvorsitz bei der Postbank gibt er ebenso auf wie den bei der Telekom. Außerdem scheidet er aus dem Kontrollgremium der Lufthansa Chart zeigen und dem Verwaltungsrat von Morgan Stanley Chart zeigen aus. Nur ein Amt behält Zumwinkel bis heute: das als Aufsichtsrat beim Karstadt-Mutterkonzern Arcandor Chart zeigen.

Die Karriere ist futsch. Jetzt steht dem Supermanager a. D. der schwerste Gang bevor. Das Steuerverfahren in Bochum könnte für ihn Konsequenzen haben, die weit über den Verlust der Reputation hinausgehen. Zumwinkel droht eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.

Laut "Handelsblatt" hat die Staatsanwaltschaft in Gesprächen mit der Verteidigung signalisiert, dass sie vermutlich zwei Jahre Haft mit Bewährung beantragen wird. Außerdem könne zusätzlich eine Geldstrafe sowie eine Bewährungsauflage in Millionenhöhe verhängt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.