Anlegerflucht Weitere Immobilienfonds geraten ins Wanken

Die vermeintlich sicheren Immobilienfonds schlittern immer tiefer in die Krise. Heute musste die Fondsgesellschaft KanAm schon das zweite Investment schließen, weil die Anleger in Scharen flüchteten. Inzwischen erwägt sogar das Bundesfinanzministerium, gesetzgeberische Konsequenzen zu ziehen.


Frankfurt am Main - Die Aussetzung des Fonds KanAm Grundinvest sei auf drei Monate befristet, teilte das Unternehmen in Frankfurt mit. "Dieser Schritt ist nach Rücknahmeverlangen von rund 700 Millionen Euro innerhalb von 24 Stunden notwendig geworden, da sonst die gesetzlich vorgeschriebene Mindestliquidität von fünf Prozent unterschritten worden wäre", hieß es.

Als Grund für die Schließung nannte KanAm eine Verkaufsempfehlung der Rating-Agentur Scope. Der Fonds selbst habe keine Bewertungsprobleme. KanAm hatte allerdings erst am Dienstag die Rücknahme von Anlegeranteilen eines anderen offenen Immobilienfonds namens US-Grundinvest ausgesetzt.

Damit steckt nunmehr der dritte offene Immobilienfonds in Deutschland in der Krise. Hintergrund der Schieflage sind unter anderem hohe Leerstände und niedrige Mieten bei Büroimmobilien sowie die schwache Konjunktur. Im Dezember schloss die Deutsche Bank einen Fonds ihrer Tochter DB Real Estate, der voraussichtlich vor hohen Wertberichtigungen steht. Damit können Investoren erstmals ihre Anteile nicht mehr zurückgeben. Nach massivem Druck von Anlegern, Experten und der Politik kündigte die Deutsche Bank aber an, Investoren zumindest teilweise zu entschädigen. Wann der Fonds wieder geöffnet wird, ist jedoch weiterhin unklar.

Die Anbieter übten sich unterdessen in Schadensbegrenzung. "Wir hatten zuletzt keine signifikanten Mittelabflüsse", sagte ein Sprecher der DekaBank, des zentralen Fondsanbieters der Sparkassen. Ähnlich äußerte sich die Gesellschaft Difa: "Wir hatten keine besonderen Bewegungen, also gegenüber den letzten Wochen keine signifikanten Erhöhungen bei den Mittelabflüssen", sagte ein Sprecher. Die Difa gehört zu Union Investment, der Fondsgesellschaft für die genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken.

Die SEB-Fondsmanagerin Barbara Knoflach hat ihrerseits scharfe Kritik an der Deutschen Bank geübt. Die Schließung des Fonds 'Grundbesitz Invest' habe "die gesamte Branche schwer beschädigt", sagte die Managerin des offenen Immobilienfonds SEB Immoinvest im Gespräch mit dem manager magazin.

Beobachter fürchten unterdessen, dass die Fondskrisen die Schieflage am Immobilienmarkt verschärfen könnte. Weil die Anleger aus den Fonds flüchten, könnten die Anbieter gezwungen sein, weitere Immobilien zu veräußern. Dies könnte den Markt zusätzlich belasten. "Ein solche Effekt wäre durchaus denkbar", zitiert das "Handelsblatt" Thomas Vorwerk, Geschäftsführer der Analysefirma Südprojekt.

Die offensichtliche Krise der Branche hat inzwischen auch das Bundesfinanzministerium auf den Plan gerufen. "Die Fälle haben die Frage aufgeworfen, ob gesetzgeberischer Handlungsbedarf besteht", sagte eine Ministeriumssprecherin der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires. Die Diskussion dauere noch an. Im Finanzministerium werde die Meinung vertreten, dass eine Entscheidung hierzu "nicht überstürzt" werden dürfe und eine Gesetzesänderung nicht als Sofortreaktion auf die jüngsten Ereignisse erfolgen sollte. Dies habe wenig Sinn, sagte die Sprecherin. Das Finanzministerium plane ohnehin ein Gesetzgebungsverfahren zur Novelle des Investmentgesetzes. Ein Entwurf hierzu solle im Sommer vorgelegt werden. Die Vorbereitungen dazu liefen bereits seit Mitte vergangenen Jahres.

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poß kündigte heute in Berlin jedoch an, dass sich die Koalitionsfraktionen zusammen mit dem Bundesfinanzministerium über diese Frage beraten wollten. Dabei solle "zeitnah" erörtert werden, "ob ungeachtet der ohnehin seit langem geplanten Änderung des Investmentgesetzes Handlungsbedarf wegen der aktuellen Schließungen bei offenen Immobilienfonds gegeben ist", sagte Poß.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.