AOL Time Warner Die Rückwärts-Fusion des Steve Case

Steve Case, Chairman von AOL Time Warner und Architekt der größten Firmenfusion aller Zeiten, hat offenbar die Nase voll. Erbost soll er angeboten haben, die Online-Sparte wieder selbst zu übernehmen.


Ärger mit Direktoren und Aktionären: AOL-Chairman Case auf der Hauptversammlung im Mai 2002
AP

Ärger mit Direktoren und Aktionären: AOL-Chairman Case auf der Hauptversammlung im Mai 2002

New York – "Wenn Ihr nicht an die Strategie glaubt, warum sollte ich es (AOL) dann nicht einfach übernehmen?". Diese Frage, so berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Beteiligte, habe Case bei Beratungen mehrfach in die Runde geworfen. Dennoch könne im Moment noch niemand abschätzen, wie ernst diese Äußerungen tatsächlich gemeint waren. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers gibt es derzeit weder solche Pläne noch Diskussionen über eine mögliche Abspaltung von AOL.

Wahrscheinlich ist, dass sich Case über die andauernde Kritik an AOL und an seiner Person ärgert. Nachdem sein einstiger Fusionspartner, Time-Warner-Chef Gerald Levin von den Anteilseignern – allen voran Ted Turner – zum Rücktritt gezwungen wurde, stürzte auch noch sein engster Vertrauter, Online-Chef Robert Pittman. Auf alle Positionen rückten altgediente Time-Warner-Manager nach, die wenig Chancen ausließen, die neue Online-Sparte für alle Probleme des größten Medienkonzerns der Welt verantwortlich zu machen. Schließlich wurde auch das Feuer auf Steve Case eröffnet, der sich bis dahin auf die bequeme Rolle des Strategie-Papstes zurückgezogen hatte.

Damit war es vorbei, als im Aufsichtsgremium von AOL Time Warner Chart zeigen, dem Board of Directors, eine Front gegen den Vorsitzenden Case formierte. Der Widerstand gegen Case kam der "New York Times" zufolge vor allem von Seiten ehemaliger Time-Warner-Direktoren.

Doch Case ließ sich zunächst nicht beirren. Für eine Drei-Viertel-Mehrheit zur Absetzung des Chairman hätten die Gegner des AOL-Gründers ohnehin nicht genug Stimmen zusammen bekommen. Die nächste Sitzung des Gremiums verstrich denn auch ohne einen Eklat. Nach Angaben des "Wall Street Journal" fordert aber auch Ted Turner, Director und größter Anteilseigner von AOL Time Warner, mittlerweile offen die Absetzung von Case. Liberty-Chef John Malone soll sich ähnlich geäußert haben.

Im kommenden Frühling bietet sich den Case-Gegnern eine neue Chance. Bei der jährlichen Hauptversammlung haben die Aktionäre die Möglichkeit, Case als ihren höchsten Vertreter abzuwählen. Die Aktien von AOL Time Warner sind allein in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent gefallen.

Auch wenn man die harten Zahlen betrachtet, macht die Online-Sparte des Medienkonzerns momentan keine gute Figur. So hat sich zwar der Abonnementsumsatz aus dem Online- und Kabelgeschäft im dritten Quartal um 13 Prozent auf 4,8 Milliarden Dollar erhöht, die Werbe- und Handelseinnahmen sind jedoch um zwölf Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar gesunken. Als Hauptursache nennt der Konzern das schwache Online-Werbegeschäft. Im übrigen Mediengeschäft legte der Umsatz den Angaben zufolge um acht Prozent auf 3,5 Milliarden Dollar zu.



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