AOL Time Warner Teddybär unter Beschuss

Die Hauptversammlung von AOL Time Warner hat Richard "Teddybär" Parsons heute zum Chef des weltgrößten Medienkonzerns ernannt. Zu beneiden ist er nicht: An der Wall Street würden sie seinen Laden am liebsten wieder auseinander brechen.

Von , New York


Nüchterner Neuling Parsons: Schon schlechte Erfahrungen mit der AOL-Angeberkultur
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Nüchterner Neuling Parsons: Schon schlechte Erfahrungen mit der AOL-Angeberkultur

New York - So dürfte sich Richard Parsons seine Inauguration nicht ausgemalt haben: Die AOL-Time-Warner-Aktie ist auf einem Drei-Jahres-Tief, die Mitarbeiter sind desillusioniert, und die Börsianer stellen immer nur die eine Frage: Warum macht ihr die Fusion nicht einfach wieder rückgängig?

Als Parsons am Donnerstag auf die Bühne des Apollo Theatre in Harlem vor die versammelten Aktionäre trat, hat er natürlich die Fusion verteidigt - wenn auch nicht mit der Leidenschaft eines Stephen Case. Der AOL-Gründer und jetzige Chairman hatte kürzlich gegenüber "Fortune" noch einmal bekräftigt: "AOL Time Warner ist auf dem Weg, eins der wirklich großartigen Unternehmen der Welt zu werden."

Solche Sprüche lösen bei Beobachtern in diesen Tagen nur Kopfschütteln aus. Wo, fragen sie, bleiben die seit zwei Jahren versprochenen Synergien? Dass CNN auf AOL Bannerwerbung schalten darf, kann es doch wohl nicht sein. Doch außer im Bereich der Cross-Promotion ist noch kein Gemeinschaftsunternehmen erkennbar, die Unternehmensteile existieren nebeneinander her. Bisher hat die Fusion vor allem eins gebracht: Die massive Vernichtung von Börsenwert, insgesamt über 100 Milliarden Dollar.

Parsons blieb am Donnerstag seinem Versprechen treu - und versprach nichts. "Underpromise and overdeliver" heißt seit neuestem die Strategie im New Yorker Rockefeller Center, wo das Unternehmen seinen Hauptsitz hat.

In den wenigen Monaten als designierter Nachfolger von Gerald Levin hat TimeWarner-Mann Parsons bereits schlechte Erfahrungen mit der AOL-Angeberkultur sammeln können: Dreimal hatte das Unternehmen seit dem 11. September seine Gewinnprognosen senken müssen. Die Wachstumserwartungen schrumpften von 25 Prozent auf fünfzehn Prozent bis runter in den einstelligen Bereich. Laut der aktuellen Vorhersage soll der Pro-Forma-Gewinn (Ebitda) 2002 um fünf bis neun Prozent zulegen.

Umstrittener AOL-Visionär Steve Case, hier mit Microsoft-Boss Gates: Parolen von Konvergenz und Vernetzung lösen nur noch Kopfschütteln aus
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Umstrittener AOL-Visionär Steve Case, hier mit Microsoft-Boss Gates: Parolen von Konvergenz und Vernetzung lösen nur noch Kopfschütteln aus

Solches Wachstum ist längst nicht mehr New Media, sondern sehr Old Media. Auch in anderen Punkten gleicht das Unternehmen täglich mehr dem Traditionskonzern Time Warner. Schon die Entscheidung für Parsons statt AOL-Star Robert Pittman als neuen Chef war als Sieg der Time-Warner-Kultur gewertet worden. Inzwischen ist die Dominanz der Time-Warner-Fürsten so groß, dass sogar die zentrale Idee der Fusion, die "Konvergenz" aller Unternehmensteile, in Frage gestellt wird. Das galt bisher als Hochverrat.

Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Insider am Montag enthüllte, sollen die einzelnen Unternehmenssparten nach alter Time-Warner-Manier ab sofort vor allem ihr eigenes Wohl verfolgen. Die große Vision eines integrierten, vernetzten Medienkonzerns, für die vor allem Steve Case steht, sei erst mal gestorben. Dieser Strategiewechsel solle am Wochenende auf einem Ausflug ins Grüne dem Board vorgestellt werden, berichtete die Zeitung.

Zum Konzern zählen unter anderem das Verlagshaus Time ("Time Magazine", "Fortune", "People", "Sports Illustrated"), die Plattenfirma Warner Music, die Hollywoodstudios Warner Bros. und New Line Cinema, der Kabelanbieter Time Warner Cable, mehrere Fernsehkanäle (CNN, TNT, WB, HBO) und der Internetanbieter AOL.

Firmenlogo am Rockefeller Center in New York: In Zukunft soll sich wieder jeder allein durchkämpfen
REUTERS

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Während Kabel, Musik und Film gute Zahlen aufweisen, leiden die Mediensparten unter der anhaltenden Werbeflaute. Die mit Abstand größten Sorgen bereitet jedoch AOL, das Levin immer gern als "Kronjuwel" bezeichnet hatte. Dieses Wort ist inzwischen aus dem firmeninternen Wörterbuch gestrichen worden. Wie ernst Parsons die Probleme nimmt, wurde im April deutlich, als er seinen Vize Pittman nach Virginia abkommandierte.

Pittman, Chief Operating Officer des Gesamtkonzerns, soll nebenbei als AOL-Chef die größte Unternehmenssparte wieder flott machen. Das hatte er bereits 1996 geschafft, als er bei AOL anfing. Auch damals war der Aktienkurs am Fallen und das Management im Chaos. Jetzt ist es jedoch ungleich schlimmer: Im ersten Quartal brachen die E-Commerce-Einnahmen um 31 Prozent ein, das Abonnentenwachstum verlangsamte sich auf 1,4 Millionen (im vierten Quartal waren es 1,9 Millionen).

Doch vor allem fehlt eine Zukunfts-Strategie: Angesichts des fast gesättigten Dial-up-Marktes und rückläufiger Werbeeinnahmen muss AOL neue Wachstumsfelder finden. Im Markt mit schnellen Internetzugängen aber hat das Unternehmen bisher versagt: Während es im Dial-up-Markt mit 34 Millionen Kunden die unbestrittene Nummer eins ist, liegt es im Broadband-Markt mit 500.000 Kunden (fünf Prozent Marktanteil) weit hinten. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" verhöhnt Pittman schon als "Mr. Dial-up".

Übergangener Thronprinz Pittmann: Dass der neue Chef Parsons heißt und nicht Bob Pittman gilt als Sieg des Old-Media-Lagers
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Auch andere Experimente wie AOL TV (100.000 Kunden) und AOL Anywhere (auf Handhelds, Telefonen, etc.) waren bisher ein Flop. Doch Pittman und Case halten daran fest, dass AOL auch in Zukunft ein Gewinnwachstum von über 20 Prozent erzielen kann. Parsons ist vorsichtiger.

Parsons versprach, sich vor allem um die Steigerung des Aktienkurses zu kümmern. Zahlen statt Visionen sind angesagt. Die Rolle des Visionärs darf der marginalisierte Steve Case spielen, der weiterhin in AOLs Heimatort Dulles im US-Bundesstaat Virginia arbeitet.

Um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen, will Parsons die Firmenstruktur vereinfachen. Im Kabelbereich will er die Verflechtungen mit AT&T beenden. Und er muss den gigantischen Schuldenberg von 28 Milliarden Dollar abtragen. Ob es den einen oder anderen Spin-off geben wird, wie in den Medien spekuliert wurde, wollte Parsons nicht kommentieren.

In einem Jahr, spekulieren Beobachter, werde AOL Time Warner bereits ganz anders aussehen. Wer weiß: Vielleicht wird dann auch schon der nächste CEO gekürt.



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