Apple-Aktienaffäre Kronzeuge bringt Steve Jobs in die Bredouille

Der Computerkonzern Apple meldet tolle Quartalszahlen, doch im Management rumort es. Die Affäre um manipulierte Aktienoptionen gärt, Konzernchef Steve Jobs gerät unter Druck - ausgerechnet durch Aussagen eines früheren Vertrauten.

Von , New York


New York - Internet-Unternehmer Nick Denton hatte eine düstere Vorahnung. "Ich habe alle meine Apple Chart zeigen-Aktien verkauft, bevor ich diesen Eintrag schrieb", posaunte er am Dienstag auf seinem Tech-Blog "Valleywag" heraus. Der Grund: Die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC zu unlauteren Machenschaften bei dem Computerkonzern.

Apple-Visionär Jobs (im Januar mit iPhone-Prototyp): Vom Kronzeugen belastet
AP

Apple-Visionär Jobs (im Januar mit iPhone-Prototyp): Vom Kronzeugen belastet

Doch Dentons Abstoß-Aktion entpuppte sich schnell als falscher Schritt. Gestern vermeldete Apple sensationelle Quartalszahlen: Der Gewinn stieg um 88 Prozent auf 770 Millionen Dollar, der Umsatz um 21 Prozent auf 5,26 Milliarden Dollar. Die iPods und Macintoshs scheinen nur so aus den Ladenregalen zu fliegen: Allein im ersten Quartal 2006 verkaufte Apple 10,5 Millionen iPods und 1,5 Millionen Macs. Letzteres ist ein Firmenrekord.

Doch nicht alles ist im Reinen - und deshalb könnte Denton auf lange Sicht Recht behalten. Denn Apple und sein CEO Steve Jobs stehen weiter im Visier der SEC-Fahnder. Dabei geht es um manipulierte Aktienoptionen von 2001, mit denen Jobs und mehrere Top-Manager heimlich Abermillionen Dollar eingestrichen haben. Die Affäre, wegen der Apple seine Bilanzen nachkorrigieren musste, zieht sich seit Monaten hin, bisher ohne juristische Folgen.

Bisher. Vorgestern schnappte sich die SEC den früheren Apple-Finanzchef Fred Anderson und nötigte ihn zu einer außergerichtlichen Einigung. Anderson muss zum Ausgleich für seinen Gewinn aus rückdatierten Optionen 3,5 Millionen Dollar zahlen, bleibt aber straffrei.

Angekratzte Heldenaura

Zufall? Kurz darauf lieferte Anderson der Behörde seinen Ex-Chef ans Messer: Jobs sei über die ganze Sache informiert gewesen. Damit widersprach er Jobs Beteuerungen, keinerlei Ahnung gehabt zu haben, dass die Umdatierung von Optionen nicht koscher sei.

Die Rückdatierung von Aktienoptionen war in den USA lange gängige Praxis. Sie ging so: Nachträglich wurde ein Termin bestimmt, zu dem der Kurs besonders niedrig war, um bei der Einlösung der Optionen dann einen höheren Gewinn einzustreichen. Derzeit laufen Ermittlungen gegen über 140 Unternehmen. Rund 80 Top-Manager mussten schon gehen.

Im Fall Apple geht es um über zwölf Millionen Aktienoptionen von 2001: 4,8 Millionen an das Führungsteam sowie 7,5 Millionen weitere direkt an Steve Jobs. Dabei waren nicht nur die Optionen selbst rückdatiert, sondern auch offizielle Konzernunterlagen gefälscht worden.

Andersons Kronzeugen-Aussage - präsentiert in einem ungewöhnlich öffentlichen, langen Statement, das sein Anwalt Jerome Roth an die Presse weiterreichte - stellt Jobs Unschuldsbehauptung nun peinlich in Frage. Und nicht nur das: Sie kratzt an Jobs lange unantastbarer Heldenaura im Silicon Valley.

Zivilklage gegen Ex-Justitiarin

Kein Wunder, dass sich Apples Aufsichtsrat anschließend erneut schützend vor seinen Unternehmenschef stellte. "Wir haben völliges Vertrauen in die Ergebnisse der unabhängigen Ermittlungen bei Apple und in Steves Integrität und seine Fähigkeit, Apple zu führen", erklärte das Board, in dem auch Ex-Vizepräsident Al Gore und Google Chart zeigen-CEO Eric Schmidt sitzen.

Die SEC hat ihre offiziellen Ermittlungen gegen Apple als Konzern zwar eingestellt, wegen dessen "außerordentlicher Kooperation". Straf- oder zivilrechtlichen Konsequenzen, so machte die SEC freilich deutlich, blieben weiter auf dem Tisch. Schon jetzt erhob die SEC wegen der Aktienaffäre Zivilklage gegen Nancy Heinen, die damalige Apple-Justitiarin. Heinen hatte sich gegen eine außergerichtliche Einigung mit der SEC gesperrt. Sie weist alle Vorwürfe zurück und will nach Angaben ihres Anwalts vor Gericht ihre Unschuld beweisen.

Noch nicht aus dem Schneider

Ob dies nun auch Jobs droht? Die SEC deutete gestern jedenfalls an, dass die öffentliche Erklärung des alten Jobs-Intimus Anderson auch sie kalt erwischt habe - dies sei nicht Teil der Einigung gewesen. Schon spekulierte das "Wall Street Journal", dass dies die Fahnder zu einem neuen Ermittlungsvorstoß gegen Jobs verlocken könnte. Auch die kalifornische Staatsanwaltschaft ermittelt in der Sache noch.

Fazit: Jobs Sorgen sind längst nicht vorbei. "Dies wirft Jobs in juristische Ungewissheit", sagte der frühere SEC-Beamte Ralph Ferrara dem Magazin "Forbes". "Er weiß nicht, ob er mit Apple in den Himmel kommen oder in die Hölle gestoßen wird." Auch die "Los Angeles Times" orakelte: "Es ist zu früh, zu sagen, ob Apple oder Jobs aus dem Schneider sind."

Fortsetzung folgt. Einstweilen darf sich erst mal nur einer ärgern: Nick Denton. Einen Tag, nachdem er seine Apple-Aktien los war, zog der Kurs im Nachhandel um zehn Prozent an.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.