Apple und AT&T Halali zum iPhone-Hype

Zusätzliche Security-Kräfte, Tausende neue Angestellte: Ab Freitag wird in den USA das iPhone verkauft. Apple und der Netzanbieter AT&T rechnen mit einem Massenansturm hysterischer Kunden.

Von , New York


New York - Militärisch straff organisiert laufen die Vorbereitungen, strengste Geheimhaltung bis zur letzten Sekunde: Selbst der Verkäufer in dem kleinen AT&T-Laden an der Fifth Avenue will nichts verraten. Nur soviel lässt er sich entlocken: Mehr als 100 telefonische Nachfragen am Tag beantwortet er derzeit täglich. "An Ihrer Stelle", murmelt er, "würde ich's besser in New Jersey versuchen." Dort auf dem flachen Land hat man vielleicht noch am ehesten Chancen, wenn am Freitag, um Schlag 18 Uhr US-Ostküstenzeit, Apples iPhone in die Läden kommt.

iPhone bei der Macworld Conference im Januar: Selbst VIPs bekommen das Gerät nicht früher
AFP

iPhone bei der Macworld Conference im Januar: Selbst VIPs bekommen das Gerät nicht früher

Der Telefonkonzern AT&T, der die exklusiven Netz- und Verkaufsrechte hat, rüstet sich für einen gigantischen Ansturm: Bereits mehr als eine Million Amerikaner haben sich auf der AT&T-Website als iPhone-Interessenten registrieren lassen. Und man weiß ja, wie fanatisch die Apple-Jünger sein können: Als voriges Jahr der neue Apple-Laden an der Fifth Avenue eröffnete, campierten sie vor der Tür.

Ähnliche Hysterie erwarten die Händler auch zum Verkaufsstart des iPhone, das ab Freitag ausschließlich in den Apple Stores sowie in den 1800 AT&T-Läden zu haben sein. Die werden extra eine Stunde länger geöffnet sein als sonst.

AT&T hat für den Tag der Wahrheit 2000 zusätzliche Mitarbeiter angeheuert, um den prognostizierten Ansturm zu bewältigen. Zudem wurde zusätzliches Sicherheitspersonal eingestellt, die Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeidiensten vereinbart, zwecks "crowd control". Auch die Manager großer Einkaufszentren wurden vor dem erwarteten Chaos gewarnt. "Wir sind iReady", kalauert Larry Carter, der zuständige AT&T-Vizepräsident.

Apple gibt keinen Mucks über die Planung von sich

Ganz stimmt das freilich nicht. Selbst Carter fürchtet, dass das iPhone in vielen Läden schnell ausverkauft sein wird. "Ich schätze, schon am ersten Tag", sagte er in "USA Today". Auch wenn die begehrten Stücke nach einem Geheimkonzept strategisch verteilt werden: Städte wie New York, Chicago, Los Angeles oder San Francisco, in denen Apples iPod - den das iPhone ersetzen soll - besonders populär ist, bekommen mehr als zum Beispiel Dayton in Ohio.

AT&T hat rund 50 Millionen Dollar investiert, um sein Netzwerk für den erhöhten Datenstrom fit zu machen. Um Schwarzhandel zu vermeiden, darf jeder Kunde überdies nur eine bestimmte - ebenfalls noch geheime - Höchstzahl von iPhones kaufen.

Ob aber Apple selbst der Nachfrage gerecht werden kann, das wissen selbst die AT&T-Leute nicht so richtig. "Wir verbringen derzeit schlaflose Nächte", gibt Carter bange zu. Der Konzern aus dem Silicon Valley ist notorisch verschwiegen - so auch jetzt.

Diese Strategie soll die Gerüchteküche - und damit den PR-Hype - nur weiter anfeuern. "Wenn Apple nichts tut, um die Gerüchte zu stoppen, wird die Hysterie immer schlimmer", weiß Tech-Blogger Tim Beyers. "Sie lassen zu, dass im Topf immer fleißig gerührt wird, wie bei einer köchelnden Sauce. Je weniger sie reden, desto mehr wird über sie geredet."

"Was, wenn es tatsächlich funktioniert?"

AT&T hatte anfangs sogar Probleme, selbst iPhones in die Hand zu bekommen, um sie zu testen und seine Leute für das ungewohnte, völlig neue iPhone-System zu trainieren. Vor allem die Kompatibilität der Apple-Software mit der AT&T-Wireless-Technologie erforderte allerlei Tuning - "interface testing", wie AT&T-Netzwerkchef Richard Burns das nennt. Über 200 AT&T-Techniker haben das iPhone in den letzten Monaten dann doch heimlich in der Öffentlichkeit ausprobieren können - in Restaurants, U-Bahnen, Wolkenkratzern, entlegensten Landstrichen.

Denn für beide Konzerne, AT&T wie Apple, steht am Freitag viel auf dem Spiel. AT&T liegt in den USA im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Verizon Wireless, einem Joint Venture von Verizon und Vodafone. Und für Apples charismatischen CEO Steve Jobs ist das iPhone mehr als eine Imagefrage. Nach dem Mac und dem iPod/iTunes-Knüller, den beiden Apple-Haupterrungenschaften, sind die Erwartungen der Fans enorm hoch. Doch wagt sich Jobs mit dem iPhone nun in unbekannte Gewässer. Mobiltelefone sind der heilige Gral der Verbraucherelektronik; pro Jahr werden davon weltweit rund eine Milliarde verkauft. Wie sich ein schnittiges, sündteures Stück Edeldesign in diesem Massengeschäft macht, weiß keiner.

Schon freuen sich die Feinde darauf, dass sich Jobs diesmal verhoben hat. Andere bibbern. "Die ganze verdammte westliche Welt hofft, dass dies ein Fall kaiserlicher Selbstüberschätzung ist", zitierte das "New York Magazine" den CEO eines Konkurrenten, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte. "Doch was ist, wenn die Leute wirklich ein 500-Dollar-Telefon wollen? Was, wenn das das Gerät ist, auf das alle gewartet haben? Was, wenn das Ding tatsächlich funktioniert? Mein Gott, was dann?"

Der Preis schreckt ab

Andere sehen dem iPhone weniger panisch entgegen. "Steve Jobs ist ein guter Kerl, AT&T ist ein beachtliches Unternehmen", sagte Verizon-CEO Ivan Seidenberg vorige Woche gelassen. "Doch die Beweislast, dass sich die Dinge ändern werden, liegt bei ihnen."

In der Tat ist allein der Preis des iPhones abschreckend: 499 Dollar für die 4-Gigabyte-Version, 599 Dollar für 8 Gigabyte, plus die Kosten eines AT&T-Vertrags über mindestens zwei Jahre. Firmenkunden fürchten außerdem, dass es den internen, sicheren E-Mail-Verkehr von Unternehmen für Hacker preisgibt. So weigern sich viele Konzerne, die Blackberry- oder Microsoft-Mailprogramme nutzen, für ihre Angestellten iPhones anzuschaffen.

Trotzdem: Freitag wird chaotisch werden. "Keine Frage, dass es zumindest am Anfang eine hohe Nachfrage nach dem iPhone geben wird", prophezeit Analyst Charles Golvin von Forrester Research. "Die Leute kaufen ja auch jedes neue Mac-Betriebssystem in Massen. Bei Microsoft sieht man sowas nicht."

Schon die ersten iPhone-Werbespots, die seit der ersten Juni-Woche die Eleganz und Vielseitigkeit des Geräts rühmen, werden in Tech-Blogs rauf und runter diskutiert. Die Comedy-Show ''Late Night With Conan O'Brien'' amüsierte sich mit fiktiver iPhone-Reklame. Darin fand das Gerät nicht nur Anwendung als Handy, Web-Browser und E-Mail-Box, sondern auch als Flaschenöffner, Rasierapparat, Fön, Ketchup-Spender und Sonogramm-Maschine für schwangere Frauen.

Sogar Prominente drängeln sich vergeblich, hintenrum an iPhones zu kommen. Viele Hollywood-Stars mit Sonderwünschen, so heißt es bei AT&T, seien bereits abgewiesen worden. Zwar gibt es offenbar eine kurze VIP-Liste für diejenigen, die nicht Schlange stehen wollen. Früher als Freitag bekommen aber selbst sie das Edel-Gerät nicht.

Arianna Huffington, Kolumnistin und Promi-Bloggerin, suchte deshalb Rat an höchster Stelle. Sie haute Steve Jobs am Rande einer Tech-Konferenz persönlich an: Wie sie denn am schnellsten an ein iPhone komme? "Geh' bloß nicht in einen Apple Store", sagte Jobs. "Das wird ein Irrenhaus sein. Die Leute werden um den Block Schlange stehen und auf dem Gehweg übernachten, um eins zu kriegen. Geh' besser in einen AT&T/Cingular-Laden."

Genau die Antwort, die AT&T hören wollte.



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