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»Arbeit für alle Hände und Köpfe«

Kommen Hunderttausende von Arbeitslosen zu neuen Jobs, wenn die Arbeitszeit der Beschäftigten verkürzt wird? Gewerkschafter und Sozialpolitiker preisen die gleichmäßigere Verteilung der Arbeit als Mittel gegen die Unterbeschäftigung. Unternehmer halten dagegen: »Arbeitszeitverkürzung vernichtet Arbeitsplätze.«
aus DER SPIEGEL 43/1976

Für Henry Ford I und seine Unternehmer-Kollegen war die Frage hochmoralisch. »Wir glauben«, erklärte der Automobil-Pionier, als er in den zwanziger Jahren erstmals Arbeiter nur fünf Tage in der Woche ans Fließband stellte. »daß, um anständig leben zu können, jeder Mann mehr Zeit für seine Familie haben sollte.«

Ford-Erbe Henry II, dessen Arbeiter in den vergangenen Wochen eine schrittweise Einführung der Vier-Tage-Woche erstreikten, sieht das anders: »Man kann die Leute nicht dafür bezahlen«, warnte er vor verminderten Arbeitszeiten, »daß sie nicht arbeiten und eine wachsende Wirtschaft haben.«

Viele Gewerkschafter setzen dagegen darauf, daß mit kürzeren Arbeitszeiten dem gegenwärtig schwierigsten Problem der westlichen Industriestaaten, der hohen Arbeitslosigkeit, auf Dauer beizukommen ist. Durch kürzere Arbeitszeit »wird der private Sektor gezwungen«, behauptete zum Beispiel die US-Gewerkschaft United Automobile Workers vor ihrem Streik bei Ford, »die soziale Verantwortung dafür zu übernehmen, daß die Massenarbeitslosigkeit herabgesetzt wird«.

In der Bundesrepublik hatte Hamburgs Sozialsenator Ernst Weiß schon Mitte vergangenen Jahres vorgeschlagen, die Arbeitslosigkeit durch Verkürzung der Wochenarbeitszeit für alle Beschäftigten zu bekämpfen. Die »Solidargemeinschaft aller Schaffenden« sollte dem Millionenheer der Stempler zu einem Arbeitsplatz verhelfen.

Damals reagierten Gewerkschaftsführer und Sozialpolitiker noch recht kühl. Dem DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter etwa erschien angesichts der »Kompliziertheit unserer Wirtschaft« das Problem kürzerer Arbeitszeiten als so heikel, daß die Gewerkschaften tunlichst nicht daran rühren sollten. Und IG-Chemie-Chef Karl Hauenschild wollte inflations- und rezessionsgeschädigten Arbeitern nicht auch noch Einkommenseinbußen zugunsten arbeitsloser Kollegen zumuten.

Doch mit anhaltend hoher Arbeitslosenquote wurde auch in der Bundesrepublik immer häufiger gefordert, durch eine Einschränkung der Arbeitszeit die vorhandenen Jobs auf mehr Arbeitswillige zu verteilen.

Arbeitslose und Kurzarbeiter dürften nicht länger allein die Krise ausbaden, erklärte IG-Metall-Vize Hans Mayr im Herbst 1975. Vielmehr sei das Übel durch eine »Aufteilung der Arbeit auf alle Hände und Köpfe« zu bekämpfen.

Vor dem Gewerkschaftstag seiner Organisation zeigte sich IG-Chemie-Chef Hauenschild vergangenen Monat bereit, bei künftigen Tarifverhandlungen den Produktivitätszuwachs womöglich nicht voll durch höheren Lohn, sondern zum Teil auch durch kürzere Arbeitszeit abzuschöpfen. Und nach Meinung des DGB-Vorsitzenden Vetter sollte nun »rechtzeitig überlegt werden«, wie der Arbeitsmarkt durch verringerte Arbeitszeit entlastet werden kann.

Zu der wachsenden Popularität des neuen Vollbeschäftigungs-Rezeptes trug vor allem die Erkenntnis bei, daß anders als nach der Konjunktur-Talfahrt 1966/67 kein kurzer kräftiger Aufschwung ausreichen wird, den Beschäftigungseinbruch der schweren Rezession von 1974/75 zu überwinden.

Nach den Prognosen der Wirtschaftsforscher ist die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes auf Jahre hinaus überfordert, weil

* geburtenstarke Jahrgänge nachrücken,

* die Unternehmen scharf rationalisierten und kaum in neue Projekte investierten,

* die Firmen trotz Entlassungen in den vergangenen beiden Jahren immer noch beträchtliche Arbeitskraftreserven halten,

* die Produktionsverfahren immer kapitalintensiver, die Arbeitsplätze also immer teurer werden,

* der öffentliche Dienst wegen knapper Kasse zu Einsparungen auch in den Personaletats gezwungen ist.

Selbst wenn das westdeutsche Sozialprodukt künftig durchschnittlich um 4,4 Prozent wachsen werde, rechneten beispielsweise Experten des Bundeswirtschaftsministeriums vor, werde 1980 noch immer ein Heer von 600 000 Erwerbsfähigen ohne Arbeit sein. 650 000 neue Jobs

durch eine Stunde weniger.

»Wir können nicht zulassen, daß es zu einer geschlossenen Gesellschaft der 25 Millionen kommt, die Arbeit haben, und der Hunderttausende von Arbeitslosen, die eben Pech gehabt haben«, plädiert Egon Lutz, Arbeitsmarktexperte der SPD-Bundestagsfraktion, für eine Arbeitsumverteilung.

»Die gewerkschaftliche Tarifpolitik«, fordert auch der CDU-Sozialpolitiker Norbert Blüm, »wird Einkommens- und Arbeitsverteilung sein müssen und beides nur in Koordination betreiben können.«

Das Konzept, die allgemein prophezeite Sockelarbeitslosigkeit der nächsten Jahre durch kürzere Arbeitszeit abzuschmelzen, baut auf einer simplen Rechnung auf: Bei gegebenem Produktionsergebnis pro Arbeitsstunde (Arbeitsproduktivität) ist ein bestimmtes gesamtwirtschaftliches Angebot an Gütern und Dienstleistungen (Sozialprodukt) nur zu erstellen, wenn die Beschäftigten eine bestimmte Zahl von Arbeitsstunden (Arbeitszeitvolumen) leisten.

Werden nun die Arbeitsstunden je Erwerbstätigen herabgesetzt, rechnen die Zeitverkürzer vor, sind mehr Arbeitskräfte erforderlich, um das als gegeben angenommene Sozialprodukt zustande zu bringen. Umgekehrt genügt eine geringere Zahl von Arbeitskräften, wenn die im Schnitt geleisteten Arbeitsstunden steigen.

In der Theorie kann somit jedes Volkseinkommen bei Vollbeschäftigung produziert werden.

Durch systematische Arbeitszeitpolitik müßten die Gewerkschaften »das Gesamtarbeitszeitvolumen der in der Bundesrepublik Beschäftigten so dosieren -- zur Zeit also reduzieren -», doziert daher der Berliner Politologie-Professor Fritz Vilmar, »daß hei jedem erreichbaren, beziehungsweise erstrebenswerten volkswirtschaftlichen Wachstum, ja sogar bei Nullwachstum oder Rezession Beschäftigung für (nahezu) alle gesichert wird«.

Mögliche Ansätze für eine Reduzierung bieten nicht allein die Wochen- und Jahres-, sondern auch die Lebensarbeitszeit, etwa durch Herabsetzung der Altersgrenze oder durch Verlängerung der Ausbildungszeiten.

Wie stark der Arbeitsmarkt beispielsweise 1980 entlastet würde, hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer kühnen Modellrechnung ermittelt:

Durch die Senkung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde entstehen rund 650 000 neue Arbeitsplätze: L> ein Urlaubstag mehr pro Jahr erhöht die Nachfrage nach Arbeitskräften um etwa 100 000;

* ein Bildungsurlaub von 14 Tagen. den jeder zehnte Arbeitnehmer nutzen würde, bringt ebenfalls 100 000 Arbeitsplätze;

* die allgemeine Einführung des zehnten Schuljahres verringert die Zahl der Erwerbstätigen um 160 000;

* durch die Herabsetzung der flexiblen Altersgrenze um ein weiteres Jahr werden 130 000 Erwerbspersonen dem Arbeitsleben entzogen. Nach dieser Rechnung würde also eine um anderthalb Stunden gekürzte Arbeitswoche oder ein um neun Tage verlängerter Jahresurlaub den knapp 900 000 westdeutschen Arbeitslosen zu Job und Lohn verhelfen.

Freunde dieser Therapie stützen sich zudem auf Erfahrungen aus der jüngsten Krise: In der Zeit der Millionen-Arbeitslosigkeit hatten nur arbeitszeitverkürzende Maßnahmen einen noch schlimmeren Beschäftigungseinbruch vermieden.

Die Einführung der flexiblen Altersgrenze, so die Rechnung der Arbeitszeit-Verknapper, habe die Zahl der Arbeitslosen um 420 000 herabgedrückt. durch Fortbildung und Umschulung seien 130 000 Erwerbspersonen weniger arbeitslos geworden, und staatlich subventionierte Kurzarbeit habe 300 OO0 Beschäftigten die Vollarbeitslosigkeit erspart.

Doch so glatt und reibungslos wie in diesen Modell-Rechnungen läuft das industrielle Arbeitsleben in Wirklichkeit nicht ab.

Da die Unternehmer den Produktionsausfall möglichst durch rationellere Verfahren und intensivere Arbeit ihrer Belegschaft wettzumachen suchen, erweisen sich die theoretisch errechneten Folgen einer Arbeitszeitverkürzung regelmäßig als weit überhöht.

»Durch kürzere Arbeitszeiten«, weiß Edmund Duda, IG-Metaller und Vorstandsvorsitzender der Bundesanstalt für Arbeit, . wurde bisher immer eine höhere Arbeitsproduktivität erreicht. In der Metallindustrie beispielsweise wurde der Arbeitsvolumenverlust zum Teil sogar durch höhere Produktivität überkompensiert.«

Weniger anspruchsvoll formuliert: Nach Einführung kürzerer Arbeitszeiten in der Metallindustrie produzierten manche Unternehmen trotz gleicher Beschäftigtenzahl mehr als zuvor -- kein einziger zusätzlicher Arbeitsplatz mußte eingerichtet werden.

Selbst im nicht gerade rationalisierungswütigen öffentlichen Dienst führte die Fünf-Prozent-Kürzung der wöchentlichen Arbeitszeit (von 42 auf 40 Stunden) nur zu einem um 2,3 Prozent erhöhten Personalbestand. Ein Urlaubstag

kostet 2,3 Milliarden.

Weniger Arbeit für alle wäre überdies nur dann als Allheilmittel gegen eine hohe Sockel-Arbeitslosigkeit wirksam, wenn es für die Arbeitslosen keinerlei fachliche und räumliche Mobilitätshemmnisse gäbe -- eine Voraussetzung, die nie erfüllt sein wird.

Nach Umfragen sind beispielsweise nur 17 Prozent aller Arbeitnehmer bereit, für einen neuen Job in eine andere Stadt zu ziehen. Der arbeitslose bayrische Textilarbeiter etwa, der womöglich Reihenhauseigentümer ist, wird kaum einer freien Stelle zuliebe nach Essen übersiedeln.

Ähnlich hartnäckig sind die Widerstände bei beruflicher Umstellung: Die arbeitslose Sekretärin wird nicht ohne weiteres einen freien Arbeitsplatz am Fließband übernehmen.

Die »Fußkranken des Arbeitsmarktes« (SPD-MdB Egon Lutz) aber -- ältere und junge Arbeitnehmer, schlecht oder überhaupt nicht Ausgebildete und Frauen -- bleiben auch dann noch ohne Job, wenn die Unternehmen wegen der kürzeren Arbeitszeit qualifizierte Fachkräfte einstellen wollen. Schon in der wieder anziehenden Konjunktur konnten viele Unternehmen trotz über einer Million Arbeitsuchender nicht genügend Facharbeiter anwerben.

Die Unternehmer lehnen denn auch die Kürzungspläne rundweg ab. Für sie gilt als ausgemacht, daß die Gewerkschaften in den nächsten Jahren auch unter dem Druck lang anhaltender Arbeitslosigkeit verlangen werden, kürzere Arbeitszeiten dürften keinerlei Einfluß auf die Einkommen der Arbeitnehmer haben.

»Bei dem Erwartungsstand unserer Mitarbeiter«, warnte Rolf Rodenstock, Brillen-Fabrikant und Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, »wäre eine Kürzung der Arbeitszeit etwa durch Reduzierung der Wochenstunden oder mehr Urlaub keinesfalls ohne entsprechenden Einkommensausgleich möglich.«

Ohne Lohnverzicht wäre eine verringerte Arbeitszeit für die Unternehmen aber ein schwer verdaulicher Brocken. So rechnete das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft vor, daß > ein zusätzlicher Urlaubstag 2,3 Milliarden Mark mehr an Löhnen und Gehältern kostet,

* eine Wochenstunde weniger mit 14,8 Milliarden Mark zu Buche schlägt.

Würde die Bundesbank durch eine rigorose Geldpolitik die Überwälzung dieser Kosten auf die Preise verhindern, wäre auch das Ziel der Arbeitszeitpolitik voll verfehlt: Statt neue Arbeitsplätze anzubieten, würden die Unternehmen Arbeitskräfte feuern.

»Arbeitszeitverkürzung vernichtet Arbeitsplätze«, doziert Hans-Adolf Barthelmeh, Vorstandsvorsitzender des Bielefelder Maschinenbaukonzerns Gildemeister.

Das von der Industrie finanzierte Kölner Institut behauptet, das Ganze rentiere sich auch für die gesamte Volkswirtschaft nicht. Zwar werde der Staat bei weniger Arbeitslosen entlastet: Die Lohnsteuereinnahmen würden steigen, die Zuschüsse an die Sozial- und Arbeitslosenversicherung fallen. Doch die Kosten des Arbeitszeitprogramms für die Privatwirtschaft insgesamt seien deutlich höher.

Bei Wiedereingliederung von 100 000 Menschen ins Arbeitsleben, rechneten die Experten des Industrie-Instituts, seien die Kosten der »Bewirtschaftung des Arbeitsvolumens« um 400 Millionen Mark höher als bei »konventioneller' sozialpolitischer Lösung des Problems Arbeitslosigkeit«.

»Wenn Arbeit eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung ist«, hält CDU-Sozialpolitiker Blüm dagegen, »kann das Recht auf sie nicht sozialversicherungsrechtlich verkauft werden.«

Dieses Recht ist allerdings auch aus technisch-organisatorischen Gründen über Arbeitszeitverkürzung nur schwer in den Betrieben durchzusetzen. Wird etwa die tägliche Arbeitszeit um eine halbe Stunde gekürzt, kann bei Fließbandarbeit wegen des Produktionsausfalls nicht gleich eine weitere Schicht gefahren werden.

In einem Unternehmen, das drei Wochen Werksferien macht, wird womöglich kein einziger Mann neu eingestellt, wenn der Laden wegen verlängerten Urlaubs für vier Wochen geschlossen wird. Hier wie auch etwa in einer Dreherei, in der jeder Beschäftigte an einer Maschine arbeitet, ist der Produktionsverlust nicht allein mit Neueinstellungen wettzumachen. Für die Neuen müssen auch neue Maschinen her.

Folge: Der Auslastungsgrad der Maschinen sinkt, die Kapitalkosten steigen. Selbst Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich führt deshalb zu einem Kostensprung, der sich kaum messen läßt. Auch der Beschäftigungseffekt ist schwer schätzbar: Je teurer jedenfalls der Arbeitsplatz, desto kostengünstiger ist es für die Firma, ihr Programm statt mit neuen Leuten durch Überstunden zu produzieren.

Ihre Erfahrungen mit der bisherigen Arbeitszeitpolitik der Gewerkschaften lassen die Unternehmer argwöhnen, den Arbeitnehmervertretern gehe es nicht um die arbeitslosen Kollegen, sondern um höhere Überstundenzuschläge. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat eine tarifvereinbarte kürzere Wochenarbeitszeit zu einer Zunahme der Überstunden geführt. Die effektiv geleistete Arbeitszeit hat deshalb deutlich langsamer abgenommen als die tariflich festgelegte.

Krassestes Beispiel einer Gewerkschaftsstrategie, die über geringe tarifliche Arbeitszeit und Überstundenzuschläge einen möglichst hohen Verdienst für die Mitglieder der Organisation erkämpfen will: In New York drückten die Elektrizitätsarbeiter ihre tarifliche Wochenarbeitszeit auf 25 Stunden herab -- mit der ebenfalls tariflich vereinbarten Garantie, mindestens fünf Überstunden pro Woche arbeiten zu können.

Für den Arbeitgeber-Verdacht, die deutschen Gewerkschaften benutzten die Arbeitslosigkeit als Vorwand, um den amerikanischen Kollegen nachzueifern, spricht auch ein innergewerkschaftlicher Grund: Viele Gewerkschaftsmitglieder, die Beitrag zahlen und ihre Funktionäre wählen, kennen wegen solider Ausbildung kaum Arbeitsplatzsorgen. Die weniger qualifizierten, durch Jobverlust gefährdeten Gruppen aber, wie Hilfsarbeiter, unausgebildete Jugendliche oder Frauen, haben mit der Gewerkschaft nicht viel im Sinn.

Für Nordrhein-Westfalens Sozialminister Friedhelm Farthmann läuft die gesamte Arbeitszeit-Diskussion denn auch auf die Frage hinaus, »zu welchem Maß an Solidarität unsere Gesellschaft bereit ist«. Dem Sozialdemokraten und Gewerkschafter ist da in bezug auf den deutschen Arbeiter nicht so bange.

In den letzten Monaten widersetzten sich immerhin einige Betriebsräte dem Wunsch der Unternehmensleitungen nach Sonderschichten und Überstunden (SPIEGEL 39/1976).

Die Finanzierungsprobleme des kontroversen Arbeitszeitprogramms verschieben sich, wenn statt der Wochen- oder Jahresarbeitszeit Anfang oder Ende des Arbeitslebens verändert werden.

Im Gegensatz zu einer allgemeinen Arbeitszeit-Verkürzung, bei der die Unternehmen und die bisherigen Arbeitsplatz-Inhaber die »Vollbeschäftigungskosten« zu übernehmen hätten, hätte bei vorgezogenem Rentenalter oder obligatorischem zehnten Schuljahr der Staat die Kosten kürzerer Arbeitszeit zu tragen. Und der ist angesichts knapper Staats- und Rentenkasse kaum zu teuren Reformen bereit.

Vorsorglich wies das von Arbeitgeber-Interessen geleitete Industrie-Institut auch auf unwillkommene Langzeitfolgen in den späten achtziger Jahren hin. Der Pillenknick nach 1966 werde dann dazu führen, daß deutsche Arbeitskräfte wieder knapp sind. »Eine Verkürzung der Arbeitszeit oder eine deutliche Urlaubsverlängerung, aber auch die Einführung des zehnten Schuljahres und die Frühverrentung«, fürchtet das Institut, »würden bis zu diesem Zeitpunkt einen sozialen Besitzstand schaffen, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.«

Dem Sozial- und Gesellschaftspolitischen Arbeitskreis der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ging diese Art von Besitzstand schon vor einem Jahr zu weit. »Die ungeheuren Finanzierungsprobleme der öffentlichen Haushalte dürften letzten Endes nur dadurch überwindbar sein«, dachte der Arbeitskreis zu einer Zeit, als über eine Million Menschen arbeitslos waren, schon weiter. »daß im Zuge der Überwindung des konjunkturellen Tiefs wieder zwei Stunden wöchentlich mehr gearbeitet wird.«

Ihm schien auch durchaus erwägenswert, daß »bei geringeren Wochenarbeitszeitverlängerungen alternativ der Jahresurlaub verkürzt oder die flexible Altersgrenze teilweise oder voll zurückgenommen werden«.

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