Arbeitskampf der Lokführer Tausende Züge fallen aus - GDL jubelt über Streikerfolg

Rund 1500 Lokführer sind im Ausstand, schon am Morgen waren 1700 Regionalzüge ausgefallen - die Bahn fordert die GDL auf, ihren Streik sofort abzubrechen. Doch Gewerkschaftschef Schell bleibt stur und freut sich: "Die Bahn hat heute nichts im Griff."


Berlin/Frankfurt am Main – Das große Chaos ist bislang zwar ausgeblieben, doch die Behinderungen sind beträchtlich: Der Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat den Regional- und Nahverkehr seit dem frühen Morgen zu großen Teilen zum Erliegen gebracht. Wie die Bahn mitteilte, fuhren nur etwa die Hälfte der Regionalzüge und S-Bahnen.

Die Folgen des Streiks waren regional sehr unterschiedlich. Bis 9 Uhr seien bereits 1700 Züge ausgefallen, hieß es. Schwer betroffen seien unter anderem die neuen Bundesländer, insbesondere Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, sowie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, berichtete die Bahn. In Hamburg und Berlin fuhren die S-Bahnen alle 20 Minuten. Der Regionalverkehr in den ostdeutschen Ländern sowie die S-Bahnen in München, Stuttgart, Halle-Leipzig und Rostock waren laut Bahn am stärksten von den Streiks betroffen.

Rund 1500 Lokführer, die bei der GDL organisiert sind, traten nach Angaben der Bahn in den Ausstand. Insgesamt arbeiten bei der Bahn 20.000 Lokführer, 8000 Beamte dürfen aber nicht streiken. Von den übrigen vertritt die GDL drei Viertel. Die Bahn befürchtet durch den Streik Einbußen in Millionenhöhe.

Bahn-Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch sagte, auf den Bahnhöfen sei es "relativ ruhig". Im Vergleich zu einem gewöhnlichen Tag sei nur etwa die Hälfte der Fahrgäste auf die Bahnhöfe gekommen. Viele Bahnkunden seien auf andere Verkehrsmittel ausgewichen. Befürchtete Beeinträchtigungen des Fernverkehrs blieben zunächst aus. Rausch appellierte an die Gewerkschaft, "an die Kunden zu denken und die unsinnigen Streiks zu beenden." Die Bahn habe schließlich für kommenden Montag ein neues Tarifangebot zugesagt.

Die Lokführer-Gewerkschaft lehnte die Forderung der Bahn nach einem sofortigen Abbruch des Streiks ab. "Das werden wir nicht tun", sagte der GDL-Chef Manfred Schell auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main. Einen solchen Schritt würden die Gewerkschaftsmitglieder nicht verstehen. Auch sei ein Abbruch organisatorisch gar nicht mehr möglich.

Schell bezeichnete den Arbeitskampf als "vollen Erfolg". Entgegen der Bahn-Angaben geht Schell davon aus, dass rund 85 Prozent des Nahverkehrs ausgefallen sind. Dass nicht alle Züge im Nahverkehr stünden, sei von vorneherein klar gewesen. Seit 2 Uhr morgens hatten Lokführer ihren regulären Dienst nicht angetreten. Da mehr Pendler als sonst mit dem Auto fuhren, gab es massive Staus um die meisten Großstädte. "Die Bahn hat heute nichts im Griff", freute sich Schell.

GDL pocht auf "vernünftiges Angebot"

Besonders schlimm ist die Verkehrslage auf den Straßen im Ruhrgebiet sowie um Hamburg, München und Stuttgart, sagte eine ADAC-Sprecherin. Im Laufe des Tages werde die Situation "auf keinen Fall" besser, warnte sie. Lediglich auf den Straßen um Berlin sei die Situation relativ entspannt. Die Lage werde auch dadurch erschwert, dass heute der letzte Schultag vor Ferienbeginn in sechs Bundesländern sei: Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

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Gewerkschafts-Chef Schell forderte den Bahn-Vorstand auf, am Montag ein "vernünftiges Angebot" vorzulegen, auf dessen Grundlage erstmals erfolgreich über einen eigenständigen Tarifvertrag verhandelt werden könne. In dem Fall werde die Gewerkschaft bis Ende des Monats auf Arbeitsniederlegungen verzichten. Sollte das Angebot ungenügend ausfallen, seien neue Streiks ab Mittwoch nächster Woche möglich.

Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte gestern Abend nach einem Spitzengespräch mit Schell angekündigt, dass man der GDL in dem festgefahrenen Tarifstreit Anfang der Woche ein neues Angebot vorlegen wolle. Die Gewerkschaft erwarte Verhandlungen über einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer sowie bessere Bezahlung, betonte Schell. Die zunächst geforderten 31 Prozent mehr Lohn seien jedoch Verhandlungssache, betonte der GDL-Chef. "Die 31 Prozent sind dafür nicht relevant."

Transnet attackiert Konkurrenzgewerkschaft

Der Chef der konkurrierenden Bahn-Gewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, warnte die Bahn vor einem Sondertarifvertrag mit der GDL. "Ich kann es mir vorstellen. Ich kann es aber der Bahn nicht raten", sagte er. Dann würde nicht mehr nach Leistung und Anforderung bezahlt, sondern nach dem Drohpotenzial der Berufsgruppen. Mehdorn habe bei dem Treffen sehr deutlich gemacht, dass die Bahn weitere Einkommensverbesserungen "nicht nur für die Lokführer, sondern auch für die übrigen Beschäftigten" zugestehen könne.

Der Arbeitskampf wurde auch juristisch weiter ausgefochten. Vor dem Arbeitsgericht Berlin scheiterte die GDL mit einem Antrag, mit einer einstweiligen Verfügungen die Verpflichtung von Lokführern zu einem Notdienst zu stoppen. Die Bahn sprach von 90 Notdiensten, um Bahnhöfe von blockierten Zügen zu befreien. Die GDL wollte zunächst die schriftliche Begründung des Urteils abwarten, um dann gegebenenfalls Beschwerde einzulegen.

phw/dpa/AP/AFP/ddp/Reuters

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