Arbeitskampf der Verkehrsbetriebe Blitzstreik überrascht Berliner

Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen stehen still: In Berlin hat ein Warnstreik der Verkehrsbetriebe (BVG) den öffentlichen Verkehr nahezu zum Erliegen gebracht. Der Arbeitskampf trifft viele Pendler überraschend - weil er erst wenige Stunden vor Beginn angekündigt wurde.


Berlin - Die Mehrzahl der BVG-Kunden erfuhr heute morgen völlig unvermittelt vom Streik. Erst gestern Abend hatte die Gewerkschaft Ver.di angekündigt, dass heute die Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe die Arbeit niederlegen würden. Wer das nicht mehr mitbekommen hatte, stand heute an den Haltestellen vor einem ernsthaften Problem: Denn im öffentlichen Verkehr der Hauptstadt sorgte der Ausstand für chaotische Zustände. Von Mitternacht an standen alle U- und Straßenbahnen sowie 90 Prozent der Busse still. Nur die S-Bahnen, die nicht von der BVG betrieben werden, fuhren weiter.

Vor allem Pendler im Ostteil der Stadt sind betroffen: "In Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen läuft normalerweise fast der gesamte Berufsverkehr über die Straßenbahnen", erklärt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Weil auch das BVG-Callcenter mit der Nummer 19449 bestreikt wird, könne das Unternehmen seine Kunden nicht informieren. Nur in einigen Stadtrandgebieten zu Brandenburg ist die Situation nicht ganz so angespannt, weil dort Subunternehmen der BVG im Einsatz seien. Der um Mitternacht begonnene Streik soll bis morgen Nachmittag 15 Uhr dauern.

Empörung über "überfallartigen Blitzstreik"

Bei der Gewerkschaft Ver.di ist man recht zufrieden mit dem Chaos: "Unsere Kolleginnen und Kollegen stehen vor den Betriebshöfen, da ist kein Bus und keine Straßenbahn rausgekommen", sagte ein Sprecher. Die Gewerkschaft will mit dem Streik ihrer Forderung nach Gehaltserhöhungen von acht bis zwölf Prozent für alle rund 11.500 BVG-Mitarbeiter durchsetzen.

Ein Angebot der Arbeitgeber hatte die Tarifkommission von Ver.di als "schlichte Provokation" zurückgewiesen. Die Arbeitgeber hatten eine Einmalzahlung von 200 Euro und Einkommenserhöhungen von sechs Prozent bis Ende 2010 vorgeschlagen. Allerdings nur für die 1150 Beschäftigten, sie seit 2005 eingestellt wurden.

Der Berliner Fahrgastverband kritisierte die Aktion dagegen als "überfallartigen Blitzstreik". "Die Gewerkschaften haben mit ihrer kurzfristig gestarteten Aktion das Gebot der Verhältnismäßigkeit grob verletzt", sagte der Verbandsvorsitzende Christfried Tschepe der dpa.

Auch BVG-Chef Andreas Sturmowski übte scharfe Kritik. "Wir haben ein Angebot auf den Tisch gelegt - und ein Angebot heißt eigentlich, dass man darüber redet", sagte er nach Angaben einer Sprecherin. Ein vorgezogener Streik sei nicht verhältnismäßig. "Den Tarifkonflikt auf dem Rücken der Fahrgäste auszutragen, noch dazu am Tag der Zeugnisvergabe, wird als sehr überzogen wahrgenommen." Dem Berliner Radiosender 91.4 sagte er, dass für die rund 10.000 vor 2005 eingestellten Mitarbeiter für 13 Jahre eine Beschäftigungssicherung gelte. Er hoffe, dass Vernunft in den Streit einkehre. Er kritisierte mit Blick auf die Lokführergewerkschaft GdL, die Bahngewerkschaft habe eine "andere Streikkultur" eingeführt.

Der Autoverkehr verlief auf den Stadtautobahnen laut Polizei weitgehend normal. Er wurde aber an zahlreichen Kreuzungen durch Stromstörungen bei den Ampeln beeinträchtigt. Diese hätten aber nichts mit einem Warnstreik beim Energieversorger Vattenfall zu tun, hieß es.

ase/Ap/dpa



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