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»Arbeitskraft ist in Polen besonders billig«

Der polnische Industrieminister Mieczyslaw Wilczek über die Reform der sozialistischen Wirtschaft
aus DER SPIEGEL 3/1989

SPIEGEL: Herr Minister, Sie haben in Polen mehrere private Unternehmen erfolgreich aufgebaut und sind dabei zum Dollar-Millionär geworden. Was hat Sie bewogen, jetzt die heruntergewirtschaftete polnische Staatsindustrie zu übernehmen?

WILCZEK: Was die Größe meines Reichtums betrifft, wird sehr übertrieben. Ich gehöre allerdings zu den Menschen, die nie verhehlt haben, daß es ihnen finanziell gutgeht. Und ich bin der Meinung, daß ich das meiner eigenen Leistung und meinen Ideen verdanke.

SPIEGEL: Unter Sozialisten keine sehr weit verbreitete Meinung.

WILCZEK: Na ja, es gab auch eine Periode in Polen, in der das Geldverdienen und Reicherwerden ein sehr schlechtes Image hatte. Das war in der Zeit, als sich der Staat vorwiegend mit der gerechten Aufteilung der Not befaßt hat. Dagegen war ich schon immer.

SPIEGEL: Eine polnische Zeitung hat zu Ihrer Ernennung geschrieben: »Der neue Industrieminister hat den Vorteil, daß er die Schulden der polnischen Industrie aus eigener Tasche bezahlen kann.« Könnten Sie?

WILCZEK: Das war ein Witz.

SPIEGEL: Aber Sie haben uns immer noch nicht gesagt, warum Sie als erfolgreicher Privatunternehmer eine hohe Funktion im Staatsapparat übernommen haben.

WILCZEK: Die Sache ist komplizierter. Bevor ich begonnen habe, meine privaten Geschäfte zu machen, habe ich in der staatlichen Industrie gearbeitet und dort ziemlich wichtige Ämter bekleidet. Gegen Ende meines Studiums, mit 26, war ich Direktor einer Kosmetikfabrik, die 300 Menschen beschäftigte. Mit 29 war ich Technischer Direktor eines großen Konzerns, der Waschmittel und Kosmetika in Polen herstellte.

SPIEGEL: So eine Art polnischer Yuppie . . .

WILCZEK: Kann man so sagen. Erst als ich festgestellt habe, daß ich als Manager in der staatlichen Industrie nicht weiterkam, habe ich beschlossen, es privat zu versuchen. Es fing sehr bescheiden an. In den 15 Jahren in der Privatwirtschaft habe ich immer kleine Betriebe aufgebaut. Mein letzter hat etwa 300 Beschäftigte gehabt.

SPIEGEL: Das war Ihnen zu wenig?

WILCZEK: Mir fehlte die Arbeit mit großen Menschengruppen, kurz: das Wirken im großen Maßstab.

SPIEGEL: Davon haben Sie aber jetzt als Minister mehr als genug.

WILCZEK: Der Vorschlag von Ministerpräsident Rakowski, diese verantwortliche Arbeit zu übernehmen, hat meinen Erwartungen entsprochen. In den Jahren, in denen ich am Rande dieses Establishments blieb, habe ich die polnische Volkswirtschaft sehr genau beobachtet und mich immer wieder gefragt: Was würde ich machen, wenn ich das Sagen hätte? Deshalb habe ich schon jetzt eine Reihe von fertigen Lösungen parat, was meine Kollegen in der Regierung manchmal in Erstaunen versetzt.

SPIEGEL: Bei den Indianern würde man Sie einen Medizinmann nennen.

WILCZEK: Bei dem weiß man nicht, woher sein Wissen kommt.

SPIEGEL: Eben. Denn auch Sie haben, sehr vollmundig, Ihrem Land eine völlig neue Ära versprochen. Von einem »historischen Wendepunkt« war die Rede und davon, daß »Polen auf den Weg zum Wohlstand zurückkehren« soll. Glauben Sie wirklich daran?

WILCZEK: Ich habe sehr genau beobachtet, was in der Welt vor sich geht. Und noch intensiver habe ich beobachtet, was im Osten, das heißt in der UdSSR, geschehen ist. Wir wissen alle, daß sich die Lage in Polen nach dem Krieg unter dem Einfluß der Sowjet-Union entwickelt hat. Erst die Veränderungen in der Sowjet-Union, wo eine gewisse Epoche zu Ende gegangen ist, machen auch in Polen Umwandlungen möglich. In Moskau hat man inzwischen zugegeben, daß dieses bisherige Wirtschaftssystem nicht nur unökonomisch, sondern auch verschwenderisch ist und nicht zum Wohlstand führt . . .

SPIEGEL: . . . und das merken die Polen erst jetzt?

WILCZEK: Nein, aber erst jetzt ist auch in Polen eine Möglichkeit entstanden, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nicht mehr auf politische, sondern auf ökonomische Grundlagen zu stützen. Nur gleich nach dem Krieg hatte Polen so etwas wie einen eigenen Wiederaufbau der Volkswirtschaft.

SPIEGEL: Sie meinen jetzt die vierziger Jahre?

WILCZEK: Ja, bis 1948. Geblieben ist davon der private Sektor der Landwirtschaft, der noch immer dominiert. Geblieben ist das Handwerk mit allen Organisationen. Wir haben mehr als 300 000 private Handwerksbetriebe. Es sind auch gewisse Überreste des politischen Pluralismus geblieben. Es gibt eine starke, meiner Meinung nach zu starke katholische Kirche in Polen. All das sind zusätzliche Voraussetzungen für den Aufbau eines neuen Systems.

SPIEGEL: Und Sie glauben, die Polen machen bei dem nötigen Kraftakt mit?

WILCZEK: Kürzlich las ich, was Ludwig Erhard mit der westdeutschen Wirtschaft gemacht hat, und es ist wahrscheinlich kein Zufall, daß das gerade jetzt in Polen veröffentlicht wurde. Ich weiß, daß er viel schlechtere Startbedingungen hatte als wir jetzt. Weil er aber stur und konsequent blieb und weil er schließlich imstande war, die ganze Bevölkerung zu überzeugen, hat er auch Erfolg gehabt.

SPIEGEL: Immerhin half Erhard damals auch der Marshallplan.

WILCZEK: Ich bin der Meinung, wir können das auch ohne Marshallplan schaffen. Denn das Niveau der Infrastruktur in Polen, die Zahl der ausgebildeten Mitarbeiter, der Fachleute ist so groß, daß wir das zu einem hohen Prozentsatz selber schaffen können.

SPIEGEL: Aber dem Minister Erhard hat keine Partei das Wirtschaftssystem vorgeschrieben, und für ihn gab es keine Doktrin der Diktatur des Proletariats.

WILCZEK: Mich stört auch keine Partei . . .

SPIEGEL: . . . das ist aber ein großes Wort!

WILCZEK: Nein, wirklich. Selbst meine eigene, die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, hindert mich überhaupt nicht, die Volkswirtschaft nach meinen Vorstellungen aufzubauen. Manche glauben, ich sei gegen den Widerstand der Partei in mein Amt eingesetzt worden. So ist es nicht. Die Partei ist auf meiner Seite.

SPIEGEL: Und wohin soll der Weg führen?

WILCZEK: Es ist nicht gesagt, daß wir flugs in die Marktwirtschaft wollen. Wir sehen auch eine ganze Reihe von Nachteilen und Bedingungen, die wir nicht wollen. Aber es gibt kein Zwischending zwischen zentral gesteuerter Volkswirtschaft und der Marktwirtschaft. Meine Meinung ist: Die Lösung ist Marktwirtschaft mit der Möglichkeit zu vernünftigen staatlichen Interventionen im Interesse der gesamten Gesellschaft. Am schwierigsten wird die Begrenzung auf vernünftige Interventionen sein.

SPIEGEL: Wer entscheidet das im Einzelfall? Der Staat?

WILCZEK: Ich sagte schon, das wird schwierig. Auf die größten Probleme stoßen wir in der Gesellschaft, die 40 Jahre lang in dem Bewußtsein erzogen wurde: Der Staat denkt für sie und entscheidet für sie. Jetzt kommen wir und sagen, jeder soll sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und durch eigene Initiative seinen Status verbessern.

SPIEGEL: Was bringt Sie eigentlich dazu anzunehmen, nach nunmehr sechs gescheiterten Reformversuchen könnten die Polen dem Staat vertrauen, daß er diesmal sein Wort hält?

WILCZEK: Ich rechne gar nicht damit, daß die Gesellschaft unseren Versprechungen und Ankündigungen so einfach mir nichts, dir nichts glauben wird.

SPIEGEL: Wie soll sich dann etwas bewegen?

WILCZEK: Ich glaube, das Volk ist imstande, unsere Arbeit nach den Resultaten einzuschätzen. Am 1. Januar sind die neuen Wirtschaftsgesetze in Kraft getreten. Diese Gesetze unterscheiden sich derart von früheren wie die Sonne von der Dunkelheit, also Übergang vom Reglementieren und Einschränken zu voller Freiheit bei Unternehmen jeglicher Art.

SPIEGEL: Das ist doch auch nur ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

WILCZEK: Als Mitglied des Wirtschaftlichen Rates des Parlaments habe ich noch vor einem halben Jahr kämpfen müssen, damit erlaubt wird, bis zu 50 Personen pro Schicht in einem privaten Betrieb zu beschäftigen. Jetzt gibt es gar keine Einschränkungen mehr. Undenkbar war auch die gleiche Behandlung aller Sektoren in der Wirtschaft. Jetzt behandele ich alle Unternehmen gleich, die staatlichen, die genossenschaftlichen und die privaten, und da stört mich auch niemand.

SPIEGEL: Ihr Ministerium will 150 unrentable Staatsbetriebe schließen, dafür sollen 1000 kleinere, größtenteils private Firmen aufgebaut werden. Private Unternehmen werden den staatlichen gleichgestellt, westliche Kapitalisten können nahezu ungehindert in Polen investieren. Das klingt sehr interessant, aber kommt das nicht alles viel zu spät?

WILCZEK: Auch ich bin der Meinung, das alles hätte 40 Jahre früher kommen sollen, aber besser jetzt als überhaupt nicht.

SPIEGEL: Einem Neubeginn stehen einige Schwierigkeiten entgegen . . .

WILCZEK: . . . viele!

SPIEGEL: Die Staatskasse ist leer, Polen hat ein Haushaltsdefizit von über 1000 Milliarden Zloty, das sind sechs Prozent des Etats. Die Auslandsverschuldung ist auf 38 Milliarden Dollar gewachsen, täglich kommen zwei Millionen Dollar für Zinsen dazu. Woher das Geld für die Investitionen nehmen?

WILCZEK: An dem Haushaltsdefizit ist zum größten Teil das künstliche Preisgefüge in Polen schuld. Unser Staat kauft vom Bauern einen Liter Milch für 120 Zloty, der an den Kunden für 20 Zloty verkauft wird. Das heißt, der Staat muß 100 Zloty dazubezahlen. Medikamente kosten so gut wie gar nichts, das Gesundheitswesen ist praktisch gratis. Das Geld für diese Subventionen muß irgendwo herkommen.

SPIEGEL: Die »neuen Thatcheristen« hier in Polen haben vorgeschlagen, man solle alles privatisieren. Wäre das eine Lösung?

WILCZEK: In Polen gibt es weder Möglichkeiten noch den Bedarf, staatliche Betriebe zu reprivatisieren. Außerdem haben wir wenige große Unternehmen. Dort, wo es möglich ist, die großen Unternehmen durch Aufteilung in kleinere zu sanieren, werden wir das auch tun. Aber: Unter Umwandlung der Industrie verstehe ich hauptsächlich, die Voraussetzungen für Hunderttausende neuer Kleinunternehmen zu schaffen. Die sollen all diese weißen Flecken ausfüllen, die jetzt nicht genutzt werden.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

WILCZEK: Wenn man beispielsweise die Handwerksbetriebe durch ein neues Steuersystem nicht mehr dazu zwingt, die Zahl ihrer Beschäftigten kleinzuhalten, werden diese Betriebe, na, sagen wir, am Anfang im Schnitt zehn Personen beschäftigen. Das heißt, drei Millionen Menschen werden die staatlichen Betriebe verlassen. Außerdem werden diese privaten Unternehmen für eine größere Produktion und eine breitere Palette des Angebots sorgen. Gleichzeitig - und das ist fast ebenso wichtig - wird das die staatlichen Unternehmen zwingen, ihre Technik zu verbessern, weil ihnen die Arbeitskräfte fehlen.

SPIEGEL: Aber ist das nicht für einen Industriestaat wie Polen der Weg zurück in alte Zeiten?

WILCZEK: Nein, nein, nein. Warum? Die Struktur der westdeutschen Industrie ist auch so. Es gibt bei Ihnen Hunderttausende von Kleinbetrieben, die mit den großen kooperieren. Denn das, was wir Handwerksbetriebe nennen, sind doch nicht Handwerker im alten Sinne. Das sind oft kleine Fabriken, die auch mit sehr modernen Anlagen und Maschinen arbeiten.

SPIEGEL: Herr Minister, Sie müssen doch mit einer Industriewelt konkurrieren, die längst in der Phase der Automation steckt. Diese Kleinbetriebe mit ihren zehn Mitarbeitern werden mit denselben Techniken arbeiten müssen wie um die Jahrhundertwende.

WILCZEK: Absolut nicht! Ich komme selber aus dieser Industrie. Ich habe gesagt, Durchschnittsbelegschaft sind zehn Personen. Aber es wird auch Betriebe geben, die tausend Beschäftigte haben oder mehr. Die sind von der Ausstattung her sehr gut bestückt. Die kaufen im Westen gute Maschinen, Technologien, Anlagen. Sie suchen nach Partnern für Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Sie sind imstande, in kürzester Zeit moderne Produktionen in die Wege zu leiten.

Außerdem müssen wir die Tatsache nutzen, daß in Polen die Arbeitskraft besonders billig ist. Wenn wir es schaffen, daß wir das Geld, was wir durch die billige Arbeitskraft verdienen, für moderne Technologien ausgeben können, werden wir in kurzer Zeit die Etappe hinter uns bringen, die in der Bundesrepublik lange gedauert hat.

SPIEGEL: Sie wollen also die Kapitalisten locken, ihr Geld in der polnischen Kleinindustrie zu investieren. Und wie sieht es mit dem Transfer von Gewinnen aus?

WILCZEK: Ich bin der Meinung, daß sich das neue Joint-Venture-Gesetz, das vor einigen Tagen in Kraft getreten ist, mit allen europäischen Gesetzen über Kapitaltransfer vergleichen lassen kann. Der volle Gewinn des ausländischen Partners kann ausgeführt werden, nachdem die Steuern bezahlt worden sind. Und unsere Steuern sind immerhin niedriger als die der Bundesrepublik.

SPIEGEL: Eine verblüffende Vorstellung: das sozialistische Polen als kapitalistische Goldgrube.

WILCZEK: Ich sage Ihnen: Dieses Gesetz ist gut. Ich habe es für mich selbst erarbeitet; denn ich hatte vor, eine polnisch-kanadische Gesellschaft zu gründen. Deshalb wurde es so vorbereitet, wie ich es gerne wollte. Aber dieses Gesetz wurde auch in der Überzeugung erarbeitet, daß es den Interessen derjenigen entsprechen muß, die ihr Kapital nach Polen bringen wollen.

SPIEGEL: Wissen denn die Kapitalisten schon von ihrem Glück?

WILCZEK: Ich habe vor, ebenso wie der Ministerpräsident in die Bundesrepublik zu fahren. Wir wollen den Vorschlag machen, die Kredite, über die wir verhandeln wollen, für diejenigen Unternehmen zu bestimmen, die ihr Kapital in Polen investieren möchten.

SPIEGEL: Also doch wieder Kredite?

WILCZEK: Kredite, die man eventuell bei den deutschen Banken bekommen kann - Bankkredite. Keine Kredite, die für Polen bestimmt sind, sondern entweder für die deutschen Unternehmen, die in Polen investieren wollen, oder aber für Gesellschaften mit beschränkter Haftung, gemischte GmbHs, die dann entstehen werden.

SPIEGEL: Dürfen wir jetzt auf die Partei kommen, die ja auch noch das Sagen hat?

WILCZEK: Bitte, wenn Sie's müssen.

SPIEGEL: Auf dem letzten ZK-Plenum im Dezember wurde erklärt, bei der Reformierung des Systems sei »nichts mehr unantastbar und endgültig, außer den grundlegenden Zielen des Sozialismus und der polnischen Staatsräson«. Das heißt doch aber, daß die Partei die Kontrolle über die Wirtschaft behalten will?

WILCZEK: Dem ist nicht so. So wie ich die Politik meiner Partei verstehe, besteht sie darin, die Verantwortung für die Wirtschaft, die Lenkung und Leitung der Wirtschaft völlig davon zu trennen, was die Partei macht. Das heißt, die Regierung übernimmt die Lenkung und Leitung der Volkswirtschaft, und die Partei wird ihren Einfluß auf die Wirtschaftspolitik durch ihre Mitglieder in der Regierung verwirklichen. Ich muß feststellen, daß ich in den drei Monaten, die ich bis jetzt arbeite, nie irgendwie behindert oder zu irgendeiner Entscheidung gezwungen wurde, die anders wäre als das, was ich als richtig angesehen habe.

SPIEGEL: Man stört eben den Medizinmann nicht bei der Geisterbeschwörung.

WILCZEK: Ich bin absoluter Optimist. Denn es gibt einfach keine andere Lösung als die Flucht nach vorn, in Richtung der gleichen Entwicklungsmethoden, die andere Gesellschaften bereits zum Wohlstand geführt haben.

SPIEGEL: Wenn das alles Wirklichkeit wird, wäre das in der Tat ein ganz neues polnisches Gesellschaftsmodell.

WILCZEK: Ich meine, es gibt schon einige Länder auf der Welt, die gezeigt haben, wie die Volkswirtschaft vernünftig geführt werden kann. Und da soll man nicht nach neuen Methoden suchen.

SPIEGEL: Es gibt eine Vokabel, die in der jüngsten Zeit auch die polnischen Genossen sehr gern benutzen, und die heißt »sozialistische Marktwirtschaft«. Für uns klingt das so ein bißchen nach sich waschen, ohne naß zu werden. Diese »sozialistische Marktwirtschaft« hat bisher noch nirgendwo funktioniert, weder in Jugoslawien noch in der Sowjet-Union oder in Ungarn. Was verstehen die Polen darunter?

WILCZEK: Ich weiß auch nicht, was das ist. Ich bin ohnehin der Meinung, daß Begriffe wie »Freiheit«, »Gerechtigkeit« und »Volkswirtschaft« schlecht irgendwelche Adjektive vertragen. Deshalb benutze ich gern die Wendung, daß ich nach dem polnischen Weg zum Wohlstand suche, nicht zum Sozialismus, wie das bisher immer gesagt wurde. Denn es gibt verschiedene Arten von Sozialismus: den kubanischen, den rumänischen, aber auch den schwedischen Sozialismus. Und nicht jeder dieser Sozialismen hat mit Wohlstand zu tun.

SPIEGEL: Sie haben doch noch eine viel schönere Parole: »Leute, bereichert euch!« Ist das denn mit den Grundsätzen eines Sozialisten zu vereinbaren?

WILCZEK: In meinem ganzen Leben habe ich Sozialismus immer mit Wohlstand assoziiert. Wenn der Sozialismus nicht zum Wohlstand führt - und der Mensch strebt nach Wohlstand -, dann müssen wir doch damit rechnen, daß die Menschen immer den umgekehrten Weg wählen. Deswegen würde ich auch vorschlagen, daß wir aufhören, diese Art Adjektive zu verwenden. Statt dessen sollten wir, wenn wir von der Volkswirtschaft sprechen, Adjektive wie »effektiv«, »produktiv« oder »modern« verwenden; denn so sollte die Volkswirtschaft sein. Allerdings sollte sie den Menschen auch eine gewisse Gerechtigkeit garantieren.

SPIEGEL: Seit Januar 1987 ist in Polen ein Anti-Monopol-Gesetz in Kraft. Jetzt hat sich aber gezeigt, daß seither die Monopolisierung der Industrie nicht abgenommen, sondern eher zugenommen hat. Die Produktion von Klopapier, Mistgabeln, Badewannen, Bügeleisen, Staubsaugern bis zum Auto - ziemlich alles ist monopolisiert.

WILCZEK: Wir wollen diese Monopole zerschlagen. Bereits jetzt sind kleinere Unternehmen entstanden, die mit der Zeit größer werden sollen, die schon Staubsauger und Kühlschränke produzieren und die in der Zukunft auch Schwarzweiß-Fernseher und so weiter produzieren wollen. Das heißt, in den Großbetrieben werden weiterhin die grundlegenden Bestandteile dieser Waren gemacht, etwa die Motoren für Kühlschränke oder Staubsauger oder die Elektronik für Fernseher. Aber die Endprodukte werden dann in mehreren kleinen Unternehmen hergestellt.

Außerdem hoffen wir, daß wir, wenn der europäische Markt kommt, endlich von Europa beziehen und nach Europa exportieren können. Ich glaube fest daran, daß in einigen Jahren der polnische Zloty konvertierbar sein wird.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht den Widerstand gerade der Direktoren der großen Betriebe, die heute eine Monopolstellung haben?

WILCZEK: Wie sollte ich mir einen Aufstand der Direktoren vorstellen? Wenn es soweit ist, und sie sind dagegen, werden wir sie halt austauschen gegen andere, die mitziehen.

SPIEGEL: Und gegen einen solchen autoritären Stil gibt es keine Proteste?

WILCZEK: Die guten Direktoren, die haben keine Angst vor mir - und die schlechten sollen Angst haben.

SPIEGEL: Auf Ihrer Liste der zu schließenden Staatsbetriebe steht die Danziger Lenin-Werft an vorderster Stelle, die ja bekanntlich nicht nur ein Produktionsbetrieb, sondern auch die Wiege der unabhängigen Gewerkschaft »Solidarität« ist. Geht es hier um Ökonomie oder um Politik?

WILCZEK: Diese inoffiziellen Gewerkschaften haben wir doch in allen Betrieben - Gott sei Dank. Uns jetzt zu verdächtigen, die Werft schließen zu wollen, weil dort Herr Walesa beschäftigt ist, das ist absurd. Außerdem leistet Herr Walesa seit einiger Zeit ziemlich gute Arbeit für Polen.

SPIEGEL: Was halten Sie denn von der Idee, daß die Werftarbeiter den Betrieb in eigener Regie weiterführen wollen - frei nach der Parole: »Die Werft für uns, Lenin für euch?«

WILCZEK: Wissen Sie, als Geschäftsmann habe ich mehrmals Ratschläge erteilen müssen. Hätte mich jemand von der Werft gefragt, ob sich das lohnt, da eine Kapitalgesellschaft zu gründen, hätte ich gesagt: Nun ja, das ist zwar möglich, allerdings hätten die Aktien dann einen Minuswert, und die Aktionäre müßten unter sich ein Defizit aufteilen. Da sehe ich niemanden, der das mitmachen würde.

SPIEGEL: Regierungschef Rakowski hat jüngst von der Möglichkeit eines gewerkschaftlichen Pluralismus gesprochen. Soll das heißen, daß die »Solidarität« wieder zugelassen wird?

WILCZEK: Als Massen-Arbeitgeber bin ich zwar gezwungen, die Gewerkschaften zu akzeptieren. Sie sind eine historische Notwendigkeit, und ich muß mich damit abfinden. Aber ich kann nicht sagen, daß mich die Gewerkschaften euphorisch machen, vor allem wenn ich mir ihre Forderungen ansehe.

Ich bin der Meinung, die Menschen sollen sich so organisieren, wie sie es gerne wollen; denn dann sind diese Organisationen auch authentisch. Deswegen sehe ich auch kein Hindernis, solche Gewerkschaften zuzulassen, die von den Arbeitern gewünscht werden. Ich erwarte nur von den Gewerkschaften, daß sie, wenn sie die Interessen der Belegschaft wahrnehmen, gleichzeitig auch an die Interessen des Unternehmens denken.

SPIEGEL: Was wird geschehen, wenn der polnische Reformversuch auch diesmal scheitert? Danken Partei und Regierung dann ab?

WILCZEK: Eine solche Möglichkeit sehe ich nicht voraus. Ich bin ein seriöser Geschäftsmann, und ich würde mich dieses Geschäftes gar nicht annehmen, wenn ich von seinem Erfolg nicht überzeugt wäre.

SPIEGEL: Und was wird im Falle eines Scheiterns aus dem Erfolgsmenschen Wilczek? Geht er auf sein Altenteil, oder wandert er nach Kanada aus?

WILCZEK: Ich habe mein Glück immer in meinem eigenen Land gesucht und gefunden. Jetzt, wo sich so vieles verändert, sehe ich keinen Grund, warum ich gerade jetzt damit rechnen soll, daß es schlechter wird.

SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mieczyslaw Wilczek *

ist seit drei Monaten polnischer Industrieminister. Er hat eine im Sozialismus einmalige Karriere hinter sich. Der Absolvent von drei Fakultäten (Chemie, Jura und Ökonomie) arbeitete 16 Jahre lang als Top-Manager in Staatsbetrieben. Von der politischen Gängelung enttäuscht, machte er als Abfall-Verwerter eine Privatfirma auf: Aus Knochen-Rückständen der Großschlachtereien ließ er Futtermittel herstellen - mit erheblichem Gewinn. Der agile Unternehmer Wilczek, 56, »Parteimitglied, aber ohne Funktion«, gilt heute als Dollar-Millionär und hat sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe westlicher Industriebeteiligungen und privater Anstrengung die polnische Volkswirtschaft aus der Krise zu führen.

Klaus Reinhardt
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