Arbeitskraft-Studie Osten droht massiver Talentschwund

Laut einer Studie werden bis 2018 viele hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Ostdeutschland abwandern - und damit auch die Jobs weniger Qualifizierter gefährden. Die Strukturpolitik berücksichtigt die Bedürfnisse der Leistungsträger nur bedingt: Experten fordern jetzt ein radikales Umdenken.

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Hamburg - Es ist eine Studie, die zum Handeln mahnt: Laut einer Langzeitprognose des Hamburgischen Weltwirtschaftinstituts (HWWI) und der Beratergesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) droht vielen deutschen Regionen der Verlust hochqualifizierter Arbeitskräfte.

Studenten im Hörsaal: Bessere Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft
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In der Folge dürften nach Meinung der Forscher in ganzen Landstrichen die Arbeitslosigkeit steigen. Denn nur Regionen mit hochqualifizierten Arbeitskräften hätten langfristig das Potential, mehr Erwerbstätige zu binden. Firmen gründen neue Standorte vor allem an Orten, an denen besonders viele Hochqualifizierte verfügbar sind. Umgekehrt gehen die besten Köpfe dorthin, wo viele Jobs sind. Gegenden mit gleichbleibendem oder sinkendem Qualifikationsniveau droht in der Folge ein massiver Jobschwund.

In ihrer Studie stellten die Forscher ein deutliches Ost-West-Gefälle fest. Die westdeutschen Metropolregionen dürften demnach eher zulegen. Als Boom-Stadt der Zukunft haben die Wissenschaftler die Stadt Köln ausgemacht, die von ihrer Nähe zu Frankreich und Benelux sowie von ihrer hervorragenden Infrastruktur profitieren werde. Hier erwarten die Volkswirtschaftler einen Beschäftigungszuwachs von fast 30 Prozent bis 2018. Auch das überaus starke München (11,18 Prozent) könnte auf zweistelliges Wachstum hoffen.

In Ostdeutschland und in ländlichen Gegenden Westdeutschlands drohten dagegen ganze Regionen abgehängt zu werden. Demnach könnten bis 2018 in 99 der 429 deutschen Kreise und kreisfreien Städte die Beschäftigtenzahlen zurückzugehen. Allein 61 der gefährdeten Kreise liegen in Ostdeutschland.

Laut der Studie wandern noch immer viele ostdeutsche Hochqualifizierte in westdeutsche Regionen mit besseren Perspektiven ab. Mögliche Gründe seien, dass manche ostdeutsche Firmen nicht in der Lage sind, ähnlich hohe Löhne zu zahlen wie westdeutsche. Für Westdeutsche sei ein Umzug in den Osten zudem noch immer mit Vorbehalten behaftet.

Allerdings zeigt sich auch, dass man dem Brain Drain strukturpolitisch durchaus entgegenwirken kann. Städte wie Leipzig, Dresden oder Berlin, haben es geschafft, die Talentflucht aus ihrer Region einzudämmen. Vorzeigestadt im Osten ist Jena: Die Stadt kann laut Forschern bis 2018 mit einem Zuwachs an Hochqualifizierten von über elf Prozent rechnen.

Das Geheimnis der Boom-Stadt: Sie hat ihre vorhandenen Potentiale genutzt und konsequent ausgebaut. Die Universität wurde ebenso gefördert wie das Traditionsunternehmen Carl Zeiss Jena, zudem unterstützt die Regierung Unternehmensgründungen und bemüht sich darum, die Lebensqualität weiter zu verbessern. Das aber bedeutet: Die Stadt Jena hat ihre Reformen stark am Menschen ausgerichtet.

Nach Meinung von Thorsten Stegh, der die Studie für PwC betreut hat, sollten sich andere Regionalreformer daran ein Beispiel nehmen. "Strukturpolitik ist an vielen Orten noch viel zu stark auf wirtschaftliche Faktoren fokussiert", sagt Stegh. Die Rolle der Hochqualifizierten als Strukturfaktor werde noch weitgehend unterschätzt. "Stukturförderer müssen den Faktor Mensch entdecken. Um eine Region zu fördern, sollte weit mehr getan werden als die Infrastruktur zu verbessern."

Vielversprechende Strukturmaßnahmen seien beispielsweise Investitionen in die Bildung - und eine konsequente Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft. Das steigere Karriereperspektiven. "Uni statt Umgehungsstraße muss die Devise lauten", sagt Stegh.

Außerdem sollten sich die Regionen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Das könne in ländlichen Regionen beispielsweise der Ausbau des Tourismus sein. In Städten spielten vor allem auch weiche Standortfaktoren wie Lebensqualität, Familienfreundlichkeit, attraktive Immobilien und ethnische Vielfalt zusehends eine Rolle.



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