Arbeitslosenzahlen "Die Trendwende ist erreicht"

Jahrelang kamen nur Horrornachrichten vom Arbeitsmarkt, doch das scheint endgültig vorbei zu sein. Die Daten vom Juli sind erneut überraschend gut. Die Trendwende sei erreicht, jubeln Politiker und Arbeitsagenturchef Weise deshalb. Volkswirte sprechen gar von einer "sensationellen Entwicklung".


Nürnberg - Monatelang hatte Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), unisono mit der Bundesregierung vor übertriebener Freude gewarnt. Heute aber bremste der vorsichtige Behördenchef seine Freude nicht mehr: "Wir haben die Trendwende am Arbeitsmarkt erreicht", erklärte er bei der Vorlage der Arbeitslosenzahlen der Monats Juli. Auch Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) erklärte plötzlich, aus den günstigen Meldungen der vergangenen Monate sei nun ein Trend geworden. Volkswirt Andreas Rees von der HypoVereinsbank erklärte gar: "Da liegt eine Sensation in der Luft."

12.000 weniger Arbeitlose als im Juni, insgesamt 4,386 Millionen und damit eine Quote von 10,5 Prozent - das sind Zahlen, über die man sich in Nürnberg freuen darf. Üblicherweise nimmt die Arbeitslosenzahl im Juli auf Grund der Sommerpause zu, weil sich Jugendliche nach dem Ende ihrer Ausbildung vermehrt arbeitslos melden und es während der Ferienzeit weniger Einstellungen gibt. Viele Experten hatten deshalb vor Bekanntgabe der Daten mit einem leichten Anstieg der Erwerbslosigkeit gerechnet.

"Die aktuellen Arbeitsmarktdaten bestätigen, dass die konjunkturelle Erholung den Arbeitsmarkt wohl erreicht hat", erklärte Weise deshalb angesichts der heutigen Zahlen. In den vergangenen vier Monaten nahm die Arbeitslosigkeit damit laut BA saisonbereinigt um 259.000 ab. Im Vergleich zum Juli vergangenen Jahres waren im vergangenen Monat rund 451.000 Menschen weniger arbeitslos.

Die deutschen Unternehmen hätten die schmerzvollen Restrukturierungen und Kostensenkungen jetzt hinter sich, erklärt Volkswirt Rees den Erfolg. Auch andere Arbeitsmarktexperten sprachen der "Hannoverschen Allgemeinen" zufolge deshalb von einer "sensationellen Entwicklung". Es gebe "nichts zu feiern. Aber Grund, sich zu freuen", beschwichtigte Müntefering dagegen. Die Konjunktur, ein größeres Angebot an Arbeitsgelegenheiten und eine intensive Vermittlungspolitik zeigten aber Wirkung.

Nur Lehrstellenmisere wird immer schlimmer

Für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im kommenden Jahr sei noch keine genaue Vorhersage möglich, dämpfte auch BA-Chef Weise die Euphorie. "Wie wir hören, wird für nächstes Jahr wieder mit einem geringeren Wirtschaftswachstum gerechnet", sagte Weise. Deshalb werde es auf dem Arbeitsmarkt weiter schwer bleiben. Tatsächlich rechnen die meisten Volkswirte damit, dass sich das Wachstum von rund 1,8 Prozent in diesem Jahr auf gut ein Prozent im nächsten Jahr verlangsamt.

"Auf dem Ausbildungsmarkt bleibt die Lage weiter angespannt", fügte Weise außerdem hinzu. Derzeit liege die Zahl der Bewerber für einen Ausbildungsplatz sogar leicht höher als im Vorjahr, während die Zahl der gemeldeten Plätze leicht niedriger sei. Es könne also sein, dass die Lehrstellenlücke trotz des zwischen Regierung und Wirtschaft verabredeten Ausbildungspaktes Ende September noch etwas größer ausfalle als im vergangenen Jahr. "Allerdings könnten die Aktivitäten der Pakt-Partner dies noch verhindern", erklärte Weise. Zuletzt hatte die BA für Ende September mit einer Lehrstellenlücke von etwa 31.000 Plätzen gerechnet. Das wäre tatsächlich mehr als vergangenes Jahr.

Eine gute Nachricht gab es allerdings doch noch von der Arbeitsagentur: Allein bis Ende Juli lief bei der Behörde ein Überschuss von 5,29 Milliarden Euro auf. Das ist weit mehr als erwartet. Ursprünglich war nur ein Plus von etwa einer Milliarde Euro budgetiert worden, für das Gesamtjahr war zuletzt ein Plus von etwa sechs Milliarden Euro in Aussicht gestellt worden. Diese Vorgabe dürfte nun mit großer Wahrscheinlichkeit weit übertroffen werden. Dem Koalitionsvertrag der Regierung zufolge soll das Geld eingesetzt werden, um den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung zu senken.

ase/ddp/dpa/reuters



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