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01. August 2006, 17:18 Uhr

Arbeitsmarkt

Job-Wunder auf Zeit

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Gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt - darauf hat Deutschland jahrelang gewartet. Und so befriedigen viele Politiker heute endlich den Hunger nach großen Worten und jubeln über die Trendwende. Tatsächlich: Auf den Arbeitsmarkt ist Bewegung gekommen. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt.

Berlin - Endlich ist es da, das Wort, auf das seit Monaten gewartet wurde. Die "Trendwende" sei auf dem Arbeitsmarkt endlich geschafft, erklärte heute der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. "Die aktuellen Arbeitsmarktdaten bestätigen, dass die konjunkturelle Erholung den Arbeitsmarkt wohl erreicht hat." Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) setzt noch einen drauf und spricht von der "absoluten Trendwende". Bundesarbeitsministers Franz Müntefering (SPD) erklärt: "Aus günstigen Meldungen der letzten Monate wird nun ein Trend".

Die Freude scheint angesichts der heute vorgelegten Zahlen berechtigt - zumindest auf den ersten Blick. Mit insgesamt 4,386 Millionen Arbeitslosen waren 12.000 weniger Menschen ohne Job als im Juni - dabei nimmt die Arbeitslosigkeit sonst im Juli aufgrund der Sommerpause zu. Und je weiter man das Zahlenspiel treibt, desto schöner wird es: Diesen Juli gibt es 451.000 weniger Erwerbslose als letzten. In den letzten vier Monaten sank die Zahl der Arbeitslosen um satte 259.000.

Wird jetzt alles gut? "Wir können schon optimistisch sein", sagt Hans-Uwe Bach, Experte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dem zur BA gehörenden Institut zufolge wird es dieses Jahr am Ende durchschnittlich 300.000 Arbeitslose weniger geben als im Vorjahr. Ursprünglich war das Institut einmal von lediglich 40.000 ausgegangen. "Es ist auffällig, dass der Arbeitsmarkt zurzeit sehr viele Menschen aufnimmt", heißt es auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Wir haben ganz sicher eine Trendwende erreicht", erklärt Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Vor allem, dass es wieder mehr sozialversicherungspflichtige Jobs gibt, macht den Experten Hoffnung. 26,23 Millionen waren es nach den neuesten Zahlen im Mai dieses Jahres, rund 50.000 mehr als im Mai 2005. Keine Explosion - allerdings hatte die Zahl der festen Jobs davor über Jahre hinweg stetig abgenommen.

"Nächstes Jahr wird es kühler"

Doch trotzdem: Auf den größten Baustellen des Arbeitsmarktes geht es immer noch sehr schleppend vorwärts. So profitierten vor allem Kurzzeitarbeitslose von dem Aufschwung. Im Vergleich zum April sank die Zahl der Arbeitslosengeld-I-Empfänger (ALG I) von 1,66 auf 1,4 Millionen. Die Anzahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger (ALGII) ging nur von 5,2 auf 5,17 zurück. Bis Juni war sie sogar noch angestiegen auf 5,22 Millionen.

"Von dem positiven Trend profitierten zumindest bis Juni Langzeitarbeitslose kaum", folgert der DGB-Arbeitsmarktexperte Johannes Jakob gegenüber SPIEGEL ONLINE - in seltener Einigkeit mit IW-Arbeitsmarktfachmann Holger Schäfer. "Unser größtes Problem sind die Arbeitslosengled-II-Empfänger", erklärt der. Ob sich der plötzliche Rückgang im Juli fortsetze, sei längst nicht sicher.

Die Gründe für die Aufspaltung sind nahe liegend: Je länger Menschen keine Arbeit haben, desto geringer ihre Qualifikationen. Für den DGB war außerdem die Trennung der Zuständigkeiten im Rahmen der Hartz-IV-Reform fatal: ALG-II-Empfänger werden seitdem von Jobcentern und Arbeitsgemeinschaften betreut. "Die Arbeitgeber arbeiten aber lieber mit den Agenturen für Arbeit zusammen, weil die die ALG-I-Empfänger betreuen", sagt Jakob.

Das zweite große Problem: Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt scheint schlimmer denn je. Zwar sind die Zahlen laut BA wegen eines statistischen Effekts dieses Jahr höher - die Behörde hat ihre Erhebungsmethode geändert. Doch dass es trotz des 2004 zwischen Bundesregierung und Industrie geschlossenen Ausbildungspaktes kaum voran geht, daran gibt es keinen Zweifel. Vom vorigen Oktober bis Juli 2006 wurden den Arbeitsagenturen 402.400 Ausbildungsstellen gemeldet, 3300 weniger als im Vorjahr. Den letzten Schätzungen zufolge rechnet die BA für Ende September mit 31.000 fehlenden Plätzen und damit mit einer noch größeren Lücke als im letzten Jahr.

"Neue Arbeitsplätze entstehen zurzeit vor allem bei kleinen und mittelständischen Betrieben", erklärt DGB-Fachmann Jakob. "Bis die allerdings ausbilden können, das dauert. Und bei vielen ist es nie der Fall." Eine fatale Entwicklung. "Bald werden wir hohe Arbeitslosigkeit haben und gleichzeitig händeringend nach Fachkräften suchen. Bei Metallfacharbeitern oder Mechatronikern ist das ja jetzt schon absehbar", glaubt Jakob.

Vor allem aber könnte es mit den Jubelmeldungen vom Arbeitsmarkt schon bald wieder vorbei sein. Nach den bisherigen Prognosen der meisten Volkswirte wird sich das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr von derzeit rund 1,8 Prozent auf etwa einen Prozent abschwächen. Einer Faustregel zufolge entstehen aber erst ab zwei Prozent Wachstum in großem Maße neue Jobs. "Viel weniger als jetzt dürfen wir also nicht haben", sagt Jakob. "Nächstes Jahr wird es wieder kühler auf dem Arbeitsmarkt", glaubt auch IW-Experte Schäfer. "So etwas wie diesen Monat werden wir wohl nicht mehr erleben", schließt sich IAB-Experte Bach an.

Immerhin - ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit sei wohl auch im nächsten Jahr nicht mehr zu erwarten, erklären die Experten unisono. Vielleicht hält man sich diesmal tatsächlich an den Tipp von Arbeitsminister Müntefering. Es gebe nichts zu feiern, "aber Grund zur Freude", ließ er wissen.

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