Arcandor-Krise Guttenberg favorisiert Karstadt-Kaufhof-Fusion

Wer rettet die Jobs bei Karstadt? Metro-Chef Cordes plant mit seiner Kette Kaufhof die Übernahme der kriselnden Arcandor-Tochter und will 40 der dann insgesamt 204 Filialen schließen. Wirtschaftsminister Guttenberg findet den Plan "interessant" - die SPD ist auch nicht abgeneigt und erwägt einen Hilfskredit.


Berlin - Das Konzept kommt an: Metro-Chef Eckhard Cordes will die Arcandor-Tochter Karstadt mit seiner Handelskette Kaufhof zusammenlegen und dadurch einen Großteil der Warenhäuser retten. Dem Bericht zufolge will Metro Chart zeigen nur 40 der insgesamt 206 Filialen beider Ketten schließen. Betroffen wären demnach 30 Karstadt-Häuser und zehn Dependancen von Galeria Kaufhof. Ob in den Filialen, die bestehen bleiben, allerdings alle Stellen erhalten bleiben, sagte Cordes nicht.

Protestierende Arcandor-Mitarbeiter: 5000 Jobs in Gefahr
AP

Protestierende Arcandor-Mitarbeiter: 5000 Jobs in Gefahr

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat auf diesen Vorschlag positiv reagiert. Er sehe darin eine mögliche Lösung der Probleme bei Arcandor Chart zeigen. Die Karstadt-Kaufhof-Fusion sei ein "interessanter Weg", sagte der CSU-Politiker am Donnerstagmorgen im Deutschlandfunk. Er fügte hinzu, wenn dieser verfolgt werden solle, "dann muss es nur schnell gehen".

Cordes jedenfalls drückt laut "Bild"-Zeitung aufs Tempo. Noch bis Ende der Woche wolle er mit Vertretern des Kanzleramtes und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) Details der möglichen Übernahme besprechen, berichtet die Zeitung.

Von den bedrohten Standorten können den Informationen der "Bild"-Zeitung zufolge 20 Häuser als Elektromärkte oder von anderen Handelsfirmen weitergeführt werden. Metro-Finanzvorstand Thomas Unger sagte der Zeitung "Welt", unter anderem kämen dafür die Metro-Ketten Saturn und Media Markt in Frage. Bei einem Zusammengehen beider Warenhaus-Unternehmen müssten damit 5000 Vollzeitkräfte abgebaut werden. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat die Metro-Fusionspläne allerdings bisher weitgehend abgelehnt.

Grafik: Das ist Arcandor
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Grafik: Das ist Arcandor

Nach Angaben des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) bleiben zur Rettung des Arcandor-Konzerns nur noch wenige Tage Zeit. "Nächste Woche stehen Probleme mit den Banken an. Also bis Anfang nächster Woche muss eine Entscheidung fallen", sagte der CSU-Politiker am Mittwochabend nach einem Gespräch mit Vertretern von Betriebsrat und Firmenleitung in Nürnberg. Daher dränge die Zeit für eine Rettung des Konzerns.

Die EU-Kommission hatte am Mittwoch erhebliche Zweifel daran geäußert, dass Arcandor erst seit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise in Problemen steckt. Die Kriterien für die erhofften Hilfen vom deutschen Staat seien damit nicht erfüllt. Ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sagte, nach Analyse der vorliegenden Informationen sei der frühere KarstadtQuelle-Konzern "nicht förderungswürdig, weil er schon vor dem 1. Juli 2008 in Schwierigkeiten gewesen ist".

Übersicht: Filialen von Karstadt und Kaufhof in Deutschland
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Übersicht: Filialen von Karstadt und Kaufhof in Deutschland

Wirtschaftsminister Guttenberg folgerte daraus, dass Arcandor kaum Hilfen aus dem Deutschlandfonds bekommen könne. Das Unternehmen müsse stattdessen Rettungs- oder Umstrukturierungshilfen prüfen. Diese wären aber mit deutlichen Kürzungen bei den Kapazitäten und Arbeitsplätzen verbunden.

EU-Industriekommissar Günter Verheugen stellte daraufhin klar, dass Arcandor aus Sicht der EU-Kommission generell durchaus Staatshilfen beantragen kann - eben nur nicht aus dem Deutschlandsfonds. Andere Staatskredite - beispielsweise durch die Förderbank KfW - seinen durchaus möglich.

Für Arcandor bedeutet der EU-Entscheid aber dennoch einen Rückschlag. Denn auch andere Staatskredite unterlägen einer Prüfung durch die EU-Kommission - und sind erfahrungsgemäß an extrem strenge Restrukturierungsauflagen geknüpft.

Laut "Financial Times Deutschland" lotet die SPD-Parteispitze dennoch zurzeit aus, ob Arcandor bei der KfW einen Überbrückungskredit erhalten kann. In Regierungskreisen sei das Volumen auf gut 300 Millionen Euro beziffert worden. Laut dem Bericht spielt die SPD aber gleichzeitig die Fusion von Karstadt und Kaufhof durch. Die Finanzspritze solle Arcandor aber zumindest in die Lage versetzen, mit der Kaufhof-Mutter Metro "auf Augenhöhe zu verhandeln".

Der Handelskonzern ist durch die Zeitnot in einer extrem schlechten Verhandlungsposition. Bis zum 12. Juni muss er Kredite in Höhe von 650 Millionen Euro bei den drei großen Gläubigerbanken BayernLB, Dresdner Bank und der Royal Bank of Scotland refinanzierten. Alle drei verlangen ein Sanierungskonzept für die defizitären Karstadt-Warenhäuser und den Quelle-Versandhandel - sowie eine Absicherung der Kredite durch den Staat. Eick selbst hatte bereits vor Wochen geunkt: "Wenn wir die Bürgschaft nicht erhalten, stünde Arcandor vor der Insolvenz." Sollte der Staat bis zum 12. Juni kein Geld zuschießen, hätte Arcandor den Bedingungen des Interessenten Kaufhofs kaum etwas entgegenzusetzen.

Arcandor hatte eigentlich auf eine Staatsbürgschaft von 650 Millionen Euro und einen KfW-Kredit über 200 Millionen Euro gehofft. Für Hilfen aus dem Deutschlandfonds, der die Folgen der Finanzkrise abfedern soll, demonstrierten am Mittwoch rund 4000 Beschäftigte von Quelle und Karstadt in Nürnberg.

Bei den Verhandlungen über überlebensnotwendige Kredite schießen nach Informationen der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX vor allem die kleineren der kreditgebenden Konsortialbanken quer. Sie hätten klar gemacht, dass sie nicht bereit seien, den auslaufenden Kredit über insgesamt 650 Millionen Euro zu verlängern oder neue Darlehen zu gewähren. Auf die betroffenen Banken entfalle ein Rahmen von rund hundert Millionen Euro. Damit stehe auch die Gesamtfinanzierung auf der Kippe. Ein Arcandor-Sprecher sagte: "Wir sind mit den kleineren Banken weiter im Gespräch."

ssu/ler/AP/dpa/Reuters

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