Arcelor und Mittal Stahl-Giganten einigen sich auf Fusion

Der größte Übernahmepoker in der Stahlindustrie ist nach  fast fünf Monaten beendet: Der luxemburgische Stahlkonzern Arcelor hat ein Angebot des Branchenführers Mittal akzeptiert. Damit steht einer Fusion zum größten Stahlriesen der Welt nichts mehr im Weg.


London/Luxemburg – Die offizielle Bestätigung für die Einigung zur Fusion kam am Sonntagabend: Arcelor habe das neue Übernahmeangebot des britisch-indischen Branchenführers Mittal akzeptiert, teilte das luxemburgische Unternehmen nach einem neunstündigen Beratungsmarathon des Vorstands mit. Stahlriese Mittal erklärte seinerseits, man zahle einen fairen Preis "für ein sehr gutes Geschäft". Mittal hatte sein Angebot zuletzt aufgebessert, nachdem sich Arcelor monatelang gegen Pläne zur Fusion im Sinne einer "feindlichen Übernahme" gewehrt hatte. Einzelheiten der Entscheidung sollen nach Angaben von Arcelor am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden Konzerne mitgeteilt werden.

Fusion der Stahl-Giganten: Arcelor und Mittal sind sich einig
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Fusion der Stahl-Giganten: Arcelor und Mittal sind sich einig

Offizielle Angaben zur Höhe des Übernahmeangebots lagen zunächst nicht vor. Aus dem Umfeld der Unternehmen verlautete jedoch, Mittal habe sein Angebot auf 40,37 Euro je Arcelor-Aktie erhöht. Damit würde Arcelor mit 25,8 Milliarden Euro bewertet. Zuvor hatte Mittal insgesamt 23 Milliarden Euro für seinen bisherigen Rivalen geboten. Der Preis läge damit 15 Prozent über dem letzten Börsenkurs von Arcelor am Freitag und 45 Prozent über dem ursprünglichen Mittal-Gebot.

Acelor hatte in dem monatelangen Übernahmepoker zuvor zwei Angebote von Mittal als zu niedrig zurückgewiesen und einer Fusion mit dem russischen Stahlkocher SeverStal den Vorzug gegeben. Gegen den Zusammenschluss mit SeverStal hatte sich in den vergangenen Wochen bei einigen Arcelor-Aktionären allerdings deutlicher Widerstand gebildet. Nach dem verbesserten Angebot von Mittal gab der Arcelor-Vorstand dem britisch-indischen Stahlriesen dann doch den Vorzug. Die Aktionäre sollen am Freitag über die Übernahme abstimmen. Den Russen muss Arcelor möglicherweise wegen Vertragsbruchs eine Strafe von rund 130 Millionen Euro zahlen. Erst gestern hieß es in Berichten, SeverStal habe sichbei der Investmentbank ABN Amro einen milliardenschweren Kredit gesichert,um ein verbessertes Angebot von Mittal übertrumpfen zu können.

Mit der Giganten-Fusion von Arcelor und Mittal entsteht der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt. Pro Jahr kommt das neue Unternehmen auf eine Produktion von 118 Millionen Tonnen - rechnerisch so viel, wie für den Bau von 16. 000 Eiffel-Türmen nötig wäre. Der Weltmarktanteil läge bei 12,5 Prozent, wobei die Konkurrenz durch den Riesen mit 61 Stahlwerken in 27 Ländern weit abgehängt ist: Auf Platz zwei folgt künftig das japanische Unternehmen Nippon Steel, das aber auf weniger als ein Drittel der Produktion von Mittal-Arcelor kommt.

Der Umsatz des neuen Konzerns beläuft sich auf gut 55 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter auf über 320.000. Der Fernsehsender CNBC und die Zeitung "Times of India" berichteten, der neue Konzern werde Arcelor Mittal heißen und von Mittal-Chef Lakshmi Mittal und dem Arcelor-Vorsitzenden Joseph Kinsch gemeinsam geführt werden. In Deutschland haben beide Unternehmen zusammengerechnet 16.300 Mitarbeiter und stehen damit für ein Fünftel aller deutschen Stahlbeschäftigten. Arcelors Niederlassungen machen dabei mit rund 14.500 Jobs den größten Teil aus.

Arcelor und Mittal wollen Dofasco behalten

Arcelor und Mittal Steel wollen nach Angaben eines indischen Fernsehsenders nach ihrer Fusion entgegen bisherigen Plänen auch das kanadische Stahlunternehmen Dofasco behalten. Dies wäre für ThyssenKrupp ein schwerer Schlag, denn der deutsche Konzern hatte sich Hoffnung gemacht, dass er bei einer Fusion von Arcelor und Mittal doch noch bei Dofasco zum Zuge kommen würden.

Im indischen TV-Sender NDTV hieß es am Sonntag ohne Angaben von Quellen, Mittal und Arcelor hätten vereinbart, dass sie Dofasco im Zuge des Zusammengehens nun doch nicht verkaufen würden. Der kanadische Stahlhersteller war zuvor in einem Bieterwettkampf an Arcelor gegangen, ThyssenKrupp war dabei unterlegen. Dem Fernsehsender zufolge soll Mittal sich auch damit einverstanden erklärt haben, am fusionierten Unternehmen nicht die Hälfte, sondern nur 45 Prozent zu halten.

Stahlmilliadär Mittal erreicht sein Ziel

Die Stahlbranche befindet sich seit geraumer Zeit vor allem durch die starke Nachfrage aus China und Indien in einer kräftigen Aufschwungphase. Zugleich ist die Branche von einer Übernahmewelle erfasst, die Mittal mit angestoßen hatte. Der Gründer und Vorstandschef des gleichnamigen Konzerns, betonte immer wieder, sowohl sein Unternehmen als auch Arcelor hätten sich an die Spitze dieses Konsolidierungsprozesses gesetzt und hätten die gleiche Vision der Zukunft der Branche. Ein Zusammenschluss biete beiden Unternehmen ungeahnte Chancen.

Siegerlächeln: Lakshmi Mittal erreicht die Fusion mit Arcelor 
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Siegerlächeln: Lakshmi Mittal erreicht die Fusion mit Arcelor 

Mit der offiziellen Bestätigung der Fusion der beiden Konzernriesen hat der indische Stahlmilliadär Lakshmi Mittal sein hartnäckig verfolgtes Ziel nun schließlich erreicht. Der Zusammenschluss mit Arcelor ist für die unangefochtene Nummer Eins in der Branche der Höhepunkt einer beispiellosen Serie von Übernahmen, die ihn zum drittreichsten Menschen der Welt machten. Mittals Privatvermögen schätzt das US-Magazin "Forbes" inzwischen auf 25 Milliarden Dollar.

Im April 2004 kauft er für rekordverdächtige 106 Millionen Euro ein Wohnhaus im Londoner Edel-Stadtteil Kensington, das nicht nur zwölf Schlafzimmer hat, sondern auch eine Garage für 20 Autos. Zwei Monate später sorgt die Hochzeit von Mittals Tochter Vanisha für Furore, für die der Brautvater in Frankreich ein Schloss mietete und angeblich 55 Millionen Dollar ausgibt.

phw/fok/Reuters/vwd/dpa/AFP



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