ARD-Urgestein Frank Lehmann Mr. Börse tritt ab

Aktienkurse, Börsengänge, Shareholder Value - das Einmaleins der Geldanlage war in Deutschland eine eher spröde Angelegenheit, bis Frank Lehmann sich in der ARD des Themas annahm. Heute moderiert der Journalist ein letztes Mal die "Börse im Ersten".


Frankfurt am Main - "Aktuell, hintergründig und dann noch hübsch mit einem Schleifchen verpackt" informiert "Mister Börse" die traditionell aktienmuffeligen Deutschen kurz vor der "Tagesschau" über das Neueste vom Markt. Danach verabschiedet sich der Börsen-Entertainer in den Ruhestand.

ARD-Börsenchef Lehmann: Geduldiger Lehrer in Sachen Börse
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ARD-Börsenchef Lehmann: Geduldiger Lehrer in Sachen Börse

Dem für seine flotten Sprüche bekannten gebürtigen Berliner fällt der Abschied vom Handelsparkett sichtlich schwer: "Da ist schon ein Wehmutstropfen im Auge", gibt er zu. Die "Börse im Ersten" sei schließlich sein Baby. Andererseits: "Der Dax ist jetzt schön hoch. Und wenn es am schönsten ist, soll man ja abtreten."

Geld- und Börsenthemen waren für Lehmann immer eher Leidenschaft als Pflichtprogramm. Umso bemerkenswerter ist die Geduld, mit der er auch weniger Interessierten die Themen nahe zu bringen versucht. Unzählige Anfragen, aber noch mehr die klug gemeinten Bemerkungen und Beiträge hätten ihn gelehrt, dass es die Kenntnisse der Deutschen auf diesem Gebiet - vorsichtig ausgedrückt - sehr begrenzt sind. "Die Deutschen müsste man eigentlich als Finanzanalphabeten bezeichnen", sagt er und nimmt außerdem ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis wahr: "Der Deutsche braucht Hosenträger und Gürtel".

Das größte Problem in Sachen Aktieninvestitionen der Bundesbürger sieht der studierte Betriebswirt mit der sonoren Stimme aber darin, dass die Leute "bei der Geldanlage nicht langfristig denken. Der Anleger will den schnellen Erfolg". Den Beleg dafür habe der New-Economy-Hype Ende der neunziger Jahre geliefert. Unternehmen aller Art - auch fragwürdige - drängten an die Börse und die frischen Aktien wurden ihnen zu Traumpreisen aus den Händen gerissen. Für Lehmann war dies, ebenso wie das unvermeidliche Platzen der New-Economy-Blase die beeindruckendste Phase während seiner Tätigkeit.

"Gier frisst Hirn", fasst Lehmann die Erfahrungen dieser Zeit in der ihm eigenen flapsigen Art zusammen. Wobei er selbstkritisch einräumt, dass auch einige Medienvertreter "als Megaphone zu dieser Entwicklung beigetragen und eher selten das Wort Risiko in den Mund genommen haben". Die bitteren Erfahrungen, die viele Anleger dann machten, hätten die Aktienscheu in Deutschland noch verstärkt.

Doch nicht alle wurden arm an der Börse, einige häuften auch sehr viel Geld an, wie Lehmann weiß. Dabei habe er gelernt, dass sein Lieblingszitat nicht nur ein Spruch sei, sondern wahr, erzählt der Journalist: "Reichtum lässt ein Herz schneller erhärten als kochendes Wasser ein Ei."

Der zweite Lehrsatz in Sachen Börse und Geld, den Lehmann gern zitiert, stammt vom Börsenguru André Kostolany: "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie schnell reich werden. Aber ich kann Ihnen sagen, wie Sie schnell arm werden: Indem Sie versuchen, schnell reich zu werden." Dass viele Anleger an der Börse "'ne flotte Mark machen wollen, wie im Kasino", hat auch Lehmann so erlebt. Der nahe der Finanzmetropole Frankfurt lebende Börsenexperte wird oft von Zuschauern angesprochen und angeschrieben. "Selbst im Parkhaus kommen Leute auf mich zu und sagen: 'Herr Lehmann, haben sie nicht mal einen Tipp für mich?' Oder sie schreiben: 'Ich habe 50.000 Euro geerbt, was soll ich tun?'" Seine Empfehlung lautet, unabhängige Beratung zu suchen. Er selbst gibt keine Tipps, in diese oder jene Aktie zu investieren.

Auch wenn der Börsen-Entertainer die "Börse im Ersten" verlässt - ein Wiedersehen könnte es geben, wie Lehmann erzählt: Vorstellbar sei ein Fernsehformat, etwa im Vier-Wochen-Rhythmus, nach dem Motto: Anleger fragen, Lehmann antwortet. Die Entscheidung darüber könnte Ende Januar kommenden Jahres fallen. Aber auch dabei werde er keine Tipps für Investitionen in bestimmte Werte geben, sondern wie gewohnt "grundsätzliche Dinge oder auch mal historische Zusammenhänge erläutern".

Neben ein paar Vorträgen über Geldanlage will Lehmann sich aber auch ehrenamtlich engagieren, in der evangelischen Kirche etwa oder und in der Kinderhilfsstiftung. Möglicherweise erscheint eines Tages auch ein Wirtschaftslehrbuch für Kinder von Lehmann, verriet der Ruheständler in Spe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Von Antje Homburger, AP



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