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KONZERNE Arg ramponiert

Bei seinen Bemühungen, neue Märkte zu erschließen, kommt der amerikanische Photogigant Kodak nicht recht voran. *
aus DER SPIEGEL 13/1988

Colby H. Chandler konnte seine Enttäuschung nur mit Mühe verbergen. Seine Firma, so der Chef des Photokonzerns Eastman Kodak Anfang 1986, müsse »einen schweren und irreparablen Imageverlust« verkraften: Durch Gerichtsurteil war der US-Multi gezwungen worden, aus dem Geschäft mit den Sofortbild-Kameras auszusteigen.

Doch es kam noch schlimmer. Ende vergangenen Jahres präsentierte Kodak-Konkurrent Polaroid die Rechnung für die unzulässige Nutzung seiner Patente - und die überstieg alle Erwartungen. Polaroid verlangt mindestens 5,7 Milliarden Dollar Schadensersatz für die jahrelange Verletzung seiner Patentrechte und als Ausgleich für entgangene Gewinne in einem Geschäftszweig, in dem die Firma aus Massachusetts nun wieder ihre alte Monopolstellung hat.

Dem Kodak-Management, das mit Forderungen von maximal 250 Millionen Dollar gerechnet hatte, verschlug die Milliarden-Klage zunächst die Sprache. Erst Mitte Februar konterte Chandler mit der Bemerkung: »Phantastisch, lächerlich überzogen und außerhalb jeglicher Realität.«

Die Milliarden-Forderung trifft Kodak zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der Photokonzern (gut 13 Milliarden Dollar Umsatz) hat gerade in einem harten Preispoker um den amerikanischen Arzneimittelhersteller Sterling Drug den Schweizer Pharmariesen

Hoffmann-La Roche aus dem Feld geschlagen. Mit mehr als fünf Milliarden Dollar muß der Käufer nun die Aktionäre von Sterling Drug auszahlen.

Den Einstieg ins Pharmageschäft muß der Konzern über Kredite finanzieren, und da fallen allein Zinsen von mindestens 500 Millionen Dollar an. Schadensersatz-Zahlungen in Milliarden-Höhe würden daher die Kodak-Bilanz auf Jahre hin verhageln. Der vor fünf Jahren von Chandler begonnene Versuch, die Angebotspalette des Konzerns zu erweitern, geriete in Gefahr.

Trotz aller Bemühungen, in anderen Branchen Fuß zu fassen, wird der Kodak-Umsatz nach wie vor im wesentlichen vom Geschäft rund um die Photographie bestimmt.

Mehr als 80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Verkauf von Filmen, Kameras und photographischem Papier. Da jedoch Videokameras und ähnliche elektronische Produkte die klassische Photographie immer mehr zurückdrängen, ist die Suche nach neuen Märkten notwendiger denn je.

Bis jetzt jedoch glückte der große Durchbruch nicht. Zwar sorgten Personalreduzierungen und ein strafferes Kostenmanagement für bessere Gewinne. Doch den Beweis, daß der Photogigant auch auf neuen Gebieten erfolgreich sein kann, blieb Kodak schuldig.

So übernahm der Konzern für mehr als 175 Millionen Dollar die Firma Verbatim, einen Hersteller von Datenplatten (Floppy disc) für Computer. Bis heute aber ist das Geschäft mit dem Computer-Zubehör kaum profitabel.

Auch der Versuch, mit Videorecordern und Kameras in den Massenmarkt

der Unterhaltungselektronik einzusteigen, mißglückte. Die Kodak-Manager setzten auf das falsche System, statt zur weltweit dominierenden VHS-Technik griffen sie zur moderneren, aber noch kaum verbreiteten Norm Video-8.

Die Geräte, nach Kodak-Entwürfen in den Fabriken des japanischen Matsushita-Konzerns gefertigt, verstaubten in den Regalen der Händler. Im vergangenen Jahr wurde der Ausflug in die Unterhaltungselektronik stillschweigend beendet.

Mit viel Ehrgeiz startete Kodak schließlich 1986 das Geschäft mit Batterien. Der Markt, dessen Volumen allein in den USA mit 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr beziffert wird, weist große Zuwachsraten auf. Doch bis jetzt konnten die Kodak-Batterien, hergestellt von Matsushita, den Marktführern Everready und Duracell nicht gefährlich werden.

Ausgerechnet bei der einzigen von Kodak selbst hergestellten Batteriesorte, den 9-Volt-Lithium-Batterien, mußte der gelbe Riese - so genannt wegen der gelben Verpackung seiner Produkte - vergangenen Monat peinliche Mängel eingestehen. Die in der Werbung groß herausgestellte Haltbarkeit von zehn Jahren wird bei weitem nicht erreicht. Großabnehmer wie der Heimwerker-Spezialist Black & Decker stoppten sofort ihre Bestellungen.

Die Pannen auf neuen Märkten sind um so mißlicher, als Kodak auf seinem angestammten Terrain seit der Einführung der Pocket-Kamera 1972 auch keinen durchschlagenden Erfolg mehr vorzuweisen hat. Der Ruf, daß die Kodak-Leute ein untrügliches Gespür für das rechte Produkt zur rechten Zeit hätten, ist jedenfalls arg ramponiert.

So konzentrierte Kodak seine Energie seit 1982 auf einen neuen Kameratyp, der statt eines aufgerollten Films nur eine runde Filmscheibe enthält. Die sogenannte Disc-Kamera sollte die neue Norm für alle Hobby-Knipser werden.

Die Verbraucher jedoch zeigten wenig Interesse. Die Filmscheiben waren erheblich teurer als konventionelle Filme, obwohl die Qualität kaum besser war als bei herkömmlichen Pocket-Kameras.

Lange weigerte sich das Kodak-Management, den Flop einzugestehen. Immerhin seien weltweit in sechs Jahren rund 25 Millionen Disc-Kameras verkauft worden. Ursprünglich war Kodak von einer Jahresproduktion von 14 Millionen Stück ausgegangen.

Vergangenen Monat wurde dann der Schlußstrich gezogen. »Wegen mangelnder Nachfrage«, so ein Kodak-Sprecher, werde die Produktion der Disc-Kameras »bis auf weiteres eingestellt«.

Dieses Eingeständnis eines weiteren Fehlschlags regte schon niemanden mehr auf. Verwunderlich ist das nicht: In Deutschland stammten im vergangenen Jahr nur noch gut drei Prozent aller entwickelten Negative aus Disc-Kameras.

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