Land in der Wirtschaftskrise Arg, Ärger, Argentinien

Hunger und Verzweiflung, dazu Angst vor dem Absturz: In Argentinien grassieren Inflation und Armut. Auf den Straßen formieren sich Proteste gegen die Regierung. Die hat nur ein Ziel: Durchhalten bis zu den Wahlen Ende Oktober.

Schlangen vor einer Bank in Buenos Aires: Düstere Erinnerung an frühere Krisen
Juan Ignacio Roncoroni/EPA-EFE/REX

Schlangen vor einer Bank in Buenos Aires: Düstere Erinnerung an frühere Krisen

Von Karen Naundorf, Buenos Aires


Shampoo gegen Kinderturnschuhe. Gefüllte Teigtaschen für eine Jeans. "Las Guerreras", die Kriegerinnen, haben die Frauen im Viertel Antártida Argentina im Speckgürtel von Buenos Aires ihre WhatsApp-Gruppe genannt. Rund 300 Frauen verabreden sich im Chat zum Tausch- und Flohmarkt, mindestens drei Mal pro Woche. Allein im Großraum der Hauptstadt gibt es Hunderte solche improvisierten Märkte.

Die Tauschwirtschaft ist die letzte Rettung für viele, die sich Einkäufe nicht mehr leisten können.

Regelmäßig dabei ist Gabriela Retamal: Die 50-Jährige verlor vor drei Jahren ihre Anstellung in einer Rechtsanwaltskanzlei. Seitdem hält sie sich mit Tauschaktionen und Flohmarktverkäufen über Wasser. Bekannte und Verwandte schenken ihr gebrauchte Kleidung. "Arbeit gibt es nicht, ich habe es überall versucht", sagt Retamal. "Und selbst wer einen festen Job hat, kommt mit dem Gehalt nicht mehr klar."

Tatsächlich braucht eine Familie laut Zahlen der staatlichen Statistikagentur Indec derzeit im Monat umgerechnet 516 Euro zum Überleben. Der Mindestlohn liegt bei rund 200 Euro im Monat. Eine Studie der katholischen Universität zeigte schon vor einem halben Jahr, dass 3,4 Millionen Argentinier nur noch einmal am Tag essen.

Suppenküche in Buenos Aires (Archivbild): Die schlechten Zeiten sind zurück
AP

Suppenküche in Buenos Aires (Archivbild): Die schlechten Zeiten sind zurück

Gebessert hat sich seitdem nichts, im Gegenteil. Immer mehr Menschen schlafen auf der Straße, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können. Krankenhäuser verschieben Operationen, weil Prothesen in Dollar bezahlt werden müssten. In einigen der Suppenküchen, in denen viele Familien das einzige warme Essen am Tag bekommen, gibt es inzwischen Wartelisten.

Golden waren die Zeiten zwar auch nicht, als Mauricio Macri im Dezember 2015 sein Amt antrat. Er hatte von seiner Vorgängerin Cristina Kirchner eine Inflation von 26,9 Prozent geerbt. Doch Macri versprach viel: Die Inflation sollte sinken. Die Armut wollte er bekämpfen. Sein Wirtschaftsminister lobte zu Beginn der Amtszeit vollmundig: Er kenne weltweit kein Land mit einer so niedrigen Verschuldung wie Argentinien, "außer vielleicht irgendein Land in der Subsahara oder Nordkorea."

Macri und seine Mannschaft haben versagt

Vier Jahre später befindet sich Argentinien erneut im Schuldenstrudel. Die Inflation für 2019 wird auf 55 Prozent geschätzt. Die Landeswährung, der Peso, wurde zuletzt im August um 30 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet. Das macht alle Produkte aus dem Ausland teurer.

Proteste vor dem Ministerium: Die Menschen fordern ein Ende des Hungers
Carlos Brigo/telam / DPA

Proteste vor dem Ministerium: Die Menschen fordern ein Ende des Hungers

Die nüchternen Wirtschaftszahlen schlagen auch auf die Stimmung im Land durch. Laut der "Global Happiness"-Studie der Meinungsforschungsfirma Ipsos, deren Ergebnisse vergangene Woche veröffentlicht wurden, bezeichnen sich nur noch 34 Prozent der Argentinier als glücklich. 2018 waren es noch mehr als die Hälfte.

Die Staatsverschuldung entspricht inzwischen beinahe 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Regierung ist mit den Zahlungen in Verzug. Argentinische Wirtschaftsexperten suchen in ihren Analysen nach Erklärungen, wie es so weit kommen konnte. In einem sind sich Liberale und Linke einig: Macri und seine Mannschaft haben versagt.

Präsidentschaftskandidat Alberto Fernández: Die Finanzmärkte reagierten panisch
Tomas F. Cuesta / AP

Präsidentschaftskandidat Alberto Fernández: Die Finanzmärkte reagierten panisch

Seit den Vorwahlen Mitte August ist klar, dass der Linksperonist Alberto Fernández die besten Chancen hat, am 27. Oktober zum nächsten Präsident Argentiniens gewählt zu werden. Der 60-jährige Rechtsanwalt gilt als besonnener Stratege. Für die Wahlen ging er eine Allianz mit Cristina Fernández de Kirchner ein - sie wäre seine Vizepräsidentin. Das Duo gewann die Vorwahlen klar mit 47 Prozent. Kirchner zurück an der Macht? Die Finanzmärkte reagierten panisch. Die Sorge: Der Populismus sei auf dem Vormarsch. Die Kurse argentinischer Staatsanleihen stürzten ab, die Zinssätze, die das Land für neue Schulden zahlen muss, schossen in die Höhe.

Der Schock sei programmiert gewesen und habe nichts mit dem Ergebnis der Vorwahlen zu tun, sagt jedoch der ehemalige Wirtschaftsminister Roberto Lavagna, der bei den Präsidentschaftswahlen ebenfalls antritt. Mehrfach hatte er der Macri-Regierung in den vergangenen Jahren vorgeworfen, in erster Linie spekulatives Kapital angezogen zu haben - und keine echten Investitionen. Zudem seien die Kreditgelder des Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu genutzt worden, die Kapitalflucht zu finanzieren. Gern würde der Mitte-Kandidat Lavagna das Land aus der Krise führen, doch wie es bisher aussieht, hat er keine Chance, die Wahlen zu gewinnen.

"Die Menschen haben Hunger, und die Regierung handelt nicht"

Argentinien sei längst pleite, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Alfredo Zaiat. "Wenn ein Land Schuldzahlungen nicht leistet und eine Restrukturierung dieser Schulden anstrebt, wie nennt man das? Mir fällt keine andere Bezeichnung als Insolvenz ein", sagt Zaiat.

Zaiat gehört zu jenen, die die Politik der Macri-Regierung von Anfang an kritisch hinterfragten. Deshalb konnte er auch schon im August, kurz nach einer heftigen Abwertung des Peso, ein Buch zur Krise herausbringen. Der Titel: "Macrisis". "Die Regierung Macri scheint das Ausmaß der Krise noch nicht erkannt zu haben", sagt Zaiat. "Schauen Sie sich die Untätigkeit in Sachen Nahrungsmittelversorgung an. Die Menschen haben Hunger, und die Regierung handelt nicht."

Präsident Mauricio Macri (M.): Vor allem spekulatives Kapital angezogen?
Juan Ignacio Roncoroni/EPA-EFE/REX

Präsident Mauricio Macri (M.): Vor allem spekulatives Kapital angezogen?

Mit seiner Ansicht steht Zaiat nicht allein: Die Opposition will die Regierung dazu zwingen, den Nahrungsmittelnotstand zu erklären. Dann würden Suppenküchen mehr Gelder erhalten und Sozialprogramme gestärkt.

Die Regierung versucht derweil, Haltung zu bewahren. Es ist ja nebenbei auch noch Wahlkampf. Mit Stützungskäufen versucht die Zentralbank, den Peso stabil zu halten - auf Kosten der Währungsreserven. Um die Kapitalflucht einzudämmen, schränkte Macri vergangene Woche den Kauf von Fremdwährungen ein. Es ist eine Maßnahme, die es schon unter Ex-Präsidentin Kirchner gab und die Macri bisher verteufelt hatte. Für viele Argentinier ist es ein Déjà-vu. Sie standen vergangene Woche bei den Banken Schlange, um ihre Dollar-Guthaben abzuheben. Wieder einmal legen sie Geldscheine in Schließfächer, Tresore oder unter die Matratze. Wie schon in der Wirtschaftskrise 2001.

Eigentlich sollte es am 15. September neues Geld vom IWF geben. Doch dort hat man sich noch nicht geäußert, ob und wann die nächste Kredittranche in Höhe von 5,4 Milliarden Dollar tatsächlich ausbezahlt wird. Denn auch beim Währungsfonds scheint inzwischen angekommen zu sein, dass Argentinien in der Schuldenfalle steckt. Zahlt der IWF nicht, wäre es eine weitere Schwächung der Macri-Regierung.

Klar ist: Wer auch immer die Wahlen gewinnt, auf Argentinien kommen turbulente Zeiten zu.



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Seite 1
brasshead 11.09.2019
1.
Sehr informativ, ein Artikel der es nicht einmal schafft, zwischen Staatsverschuldung in eigener Währung (kann der Staat immer bedienen, unproblematisch) und Staatsverschuldung in Fremdwährung (muss sich der Staat immer von außen besorgen, hochproblematisch) macht und beides völlig undifferenziert in einen Topf wirft. Die Botschaft ist klar: Staatsverschuldung führt in den Wirtschaftszusammenbruch, Inflation und Armut. Stimmt aber nicht (vgl. z.B. Japan). Argentinien hat leider nicht aus der letzten Krise gelernt und sich weiter in ausländischer Währung verschuldet. Damit (und nur damit) ist die Zahlungsunfähigkeit ein mögliches Szenario.
Piantao 11.09.2019
2.
Zitat von brassheadSehr informativ, ein Artikel der es nicht einmal schafft, zwischen Staatsverschuldung in eigener Währung (kann der Staat immer bedienen, unproblematisch) und Staatsverschuldung in Fremdwährung (muss sich der Staat immer von außen besorgen, hochproblematisch) macht und beides völlig undifferenziert in einen Topf wirft. Die Botschaft ist klar: Staatsverschuldung führt in den Wirtschaftszusammenbruch, Inflation und Armut. Stimmt aber nicht (vgl. z.B. Japan). Argentinien hat leider nicht aus der letzten Krise gelernt und sich weiter in ausländischer Währung verschuldet. Damit (und nur damit) ist die Zahlungsunfähigkeit ein mögliches Szenario.
Staatsverschuldung in eigener Währung ? Überhaupt nicht maßgebend. Argentiniens Schulden sind in US Dollar so wie es der Artikel darstellt, und es wurde auch nichts in "einen Topf" geworfen. Das Staatsverschuldung in einen Wirtsschaftszusammenbruch führt, das schildert ja der Artikel. In Argentinien jedenfalls herrscht praktisch seit etwa 30 Jahren eine auf und ab schwellende Krise. Nichts neues. Mit Japan läßt sich Argentinien natürlich überhaupt nicht vergleichen. Dazu noch wenn im Oktober Fernandez gewählt wird mit Cristina als Vize-, dann geht es noch schneller und noch weiter abwärts. Cristina F. de Kirchner hatte schon zu Zeiten ihres Mannes und ihrer Amtszeit selbst dafür gesorgt das etliche zig-Millionen entwendet (gestohlen) wurden. Sie versucht verzweifelt ein politisches Amt zu bekleiden um einer Gefängnisstrafe zu entgehen durch ein dortiges "Inmunitätsgesetz". - Ein wahrer Spruch mit ewigem Wahrheitsgehalt lautet: " kommst du nach 3 Jahren nach Argentinien zurück dann ist lles anders". Kommst du aber nach 20 Jahren zurück dann ist alles so wie immer.
eckawol 11.09.2019
3. Alle sieben Jahre wieder.....
In der Kurz-Analyse ist faszinierend festzustellen, wie ein Land ,das um 1910 zu den zehn reichsten der Welt zählte, im Vergleich zu anderen Ländern so sehr abfallen konnte. Die Antwort liegt m.E. (a) in einer Kombination aus großen externen Schocks ( Abschottung von Märkten, Preisverfall der Rohstoffpreise am Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts), (b) in einer falschen Wirtschaftspolitik und ausgeprägten Krisenperioden. In den letzten 50 Jahren ging Argentinien durch ca. 20 Rezessionsjahre und ca. 20 Jahre Hyperinflation (also mehr als 100% p.a.), wobei das nicht unbedingt dieselben Jahre waren!
brasshead 12.09.2019
4.
Zitat von PiantaoStaatsverschuldung in eigener Währung ? Überhaupt nicht maßgebend. Argentiniens Schulden sind in US Dollar so wie es der Artikel darstellt, und es wurde auch nichts in "einen Topf" geworfen. Das Staatsverschuldung in einen Wirtsschaftszusammenbruch führt, das schildert ja der Artikel. In Argentinien jedenfalls herrscht praktisch seit etwa 30 Jahren eine auf und ab schwellende Krise. Nichts neues. Mit Japan läßt sich Argentinien natürlich überhaupt nicht vergleichen. Dazu noch wenn im Oktober Fernandez gewählt wird mit Cristina als Vize-, dann geht es noch schneller und noch weiter abwärts. Cristina F. de Kirchner hatte schon zu Zeiten ihres Mannes und ihrer Amtszeit selbst dafür gesorgt das etliche zig-Millionen entwendet (gestohlen) wurden. Sie versucht verzweifelt ein politisches Amt zu bekleiden um einer Gefängnisstrafe zu entgehen durch ein dortiges "Inmunitätsgesetz". - Ein wahrer Spruch mit ewigem Wahrheitsgehalt lautet: " kommst du nach 3 Jahren nach Argentinien zurück dann ist lles anders". Kommst du aber nach 20 Jahren zurück dann ist alles so wie immer.
Der Artikel erwähnt das tatsächlich in keinem Satz, sondern spricht allgemein von Staatsverschuldung und Staatsverschuldung in Relation zum BIP. Damit wirft er Staatsverschuldung in eigener Währung (kann der Staat immer bedienen, unproblematisch) und Staatsverschuldung in Fremdwährung (muss sich der Staat immer von außen besorgen, hochproblematisch) in einen Topf. Genau diese Unterscheidung ist der argentinische Misere aber wesentlich. Wer hat Japan und Argentinien miteinander verglichen? Dass Staatsverschuldung in einen Wirtschaftszusammenbruch führt, das widerlegt ja nun Japan (250% des BIP).
zeitgenosse99 12.09.2019
5. Reichtum ist relativ...
Zitat von eckawolIn der Kurz-Analyse ist faszinierend festzustellen, wie ein Land ,das um 1910 zu den zehn reichsten der Welt zählte, im Vergleich zu anderen Ländern so sehr abfallen konnte. Die Antwort liegt m.E. (a) in einer Kombination aus großen externen Schocks ( Abschottung von Märkten, Preisverfall der Rohstoffpreise am Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts), (b) in einer falschen Wirtschaftspolitik und ausgeprägten Krisenperioden. In den letzten 50 Jahren ging Argentinien durch ca. 20 Rezessionsjahre und ca. 20 Jahre Hyperinflation (also mehr als 100% p.a.), wobei das nicht unbedingt dieselben Jahre waren!
Das war damals eine ziemlich kleine oligarchische Oberschicht und Grossgrundbesitzer, die um 1910 reich waren. Der Grossteil der Bevölkerung war ziemlich mausarm und oft faktisch rechtlos. Dank Agrarexporten wirkte es einfach so als sei Argentinien stinkereich und die Franzosen zum Sprichwort veranlasste "riche comme un Argentin". Dies aber auch nur weil die Oberschicht gerne in Paris rumlümmelte und dort die Grosskotze rausgehängt haben, sowie ihren Nachwuchs dort in die Ausbildung schickte. Logischweise waren das allesamt reiche Leute, denn der Rest der Argentinier mussten sich ihr karges Leben als Landarbeiter oder in der Industrie verdingen. Die letzte Inflation über 100% ist übrigens auch schon gut 30 Jahre her. Die Zeit als Paria der Kapitalmärkte unter den Kirchners war übrigens gar nicht mal so schlecht. Als eines der wenigen Länder auf der Welt hat Argentinien Schulden abgebaut, wie das McKinsey mal in einer ihrer Verschuldungsstudien publiziert hat und Cristina Kirchner ganz happy war und dies in ihren stundenlanden Reden ausführlich dem Volk mitteilte. Auch dem Grossteil der Bevölkerung ging es damals wesentlich besser, die Armut wurde reduziert und ist in den letzten 2 Jahren wieder massiv angestiegen. Der unbedarfte Macri hat mit seiner Verschuldungsorgie in US$ und Hilfe beim IWF alles wieder zunichte gemacht. Die ausländischen Unternehmen haben die Gelegenheit genutzt und x-Dutzend Mrd Gewinne ausser Landes gebracht, die wohlhabenderen Argentinier haben dank des überbewerteten Peso von Jan. 2016 bis ca. Frühjahr 2018 wieder in Paris und Miami die Grosskotze rausgehängt und dann war die Party auch schon wieder vorbei. 80% des bislang gesprochenen IWF Kredites sind schon wieder ausser Landes. Die Argentinier bunkern geschätzte 350 Mrd US$ im Ausland und zuhause herrscht Dollarmangel.
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