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INTERNET Armer Erfinder

Ein Forscher aus Erlangen hat das revolutionäre Online-Verfahren MP3 entwickelt - das große Geschäft machen andere.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Manchmal beschleichen den Wissenschaftler leise Zweifel, ob er nicht doch die Chance seines Lebens verpasst hat. Dann fragt sich Karlheinz Brandenburg, 45: »Was wäre gewesen, wenn ... ?«

Wenn er seinen Job am Fraunhofer-Institut in Erlangen einfach an den Nagel gehängt hätte. Wenn er das Verfahren MP3, mit dem Musikdaten so zu komprimieren sind, dass jeder sie aus dem Internet laden kann, nicht nur erfunden, sondern auch vermarktet hätte. Wenn er also etwas riskiert hätte. Dann wäre Brandenburg heute vermutlich reich und berühmt und würde gefeiert als der deutsche Bill Gates.

So aber steht noch immer »Abteilungsleiter« auf seiner Visitenkarte, so tüftelt er weiter an Algorithmen in seinem schmucklosen Büro im Institutsparterre. Bezahlt wird er nach dem Bundesangestelltentarif.

»Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit«, versichert er trotz allem. Nette Kollegen seien ihm wichtiger als dicke Kontoauszüge: »Mich interessiert es nicht besonders, wie viele Nullen vor dem Komma stehen«, beruhigt er sich.

Andere machen mit seiner Erfindung jetzt Milliarden-Geschäfte. Leute wie der Amerikaner Michael Robertson zum Beispiel, der mit »MP3.com« eine Plattform für Online-Musik ins Netz gestellt hat - der Börsenwert seiner Firma beträgt rund zwei Milliarden Dollar, er selbst besitzt davon Anteile im Wert von gut 900 Millionen. Oder das US-Unternehmen Diamond Multimedia Systems, das schon mehr als eine Million Stück seines Abspielgeräts »Rio Player« verkauft hat.

Solche Gründerfirmen schwimmen ganz oben auf der Welle, die MP3 ausgelöst hat. Es ist derzeit das heißeste Kürzel im Internet, das von Surfern sogar öfter gesucht wird als »Sex«. Rund 17 Millionen Internet-Nutzer laden sich bereits Musik auf ihre Rechner oder Abspielgeräte - fast immer vorbei an der Musikindustrie. Mit Hilfe von MP3 werden Werke etablierter Künstler illegal verbreitet, eine ganze Branche hat der Tüftler Brandenburg erschüttert.

Die Basisidee ist schon gut zwei Jahrzehnte alt. 1977 kam dem Erlanger Professor Dieter Seitzer der Einfall, Musik über das Telefonkabel zu übertragen. »Das kann nicht gehen«, bekam er jahrelang vom Patentamt zu hören.

Seitzer blieb beharrlich und schaute sich nach jungen Wissenschaftlern um, die ihm helfen könnten. Jemand musste den Leuten vom Patentamt doch zeigen, dass es funktioniert, »und dieser jemand war ich«, sagt Brandenburg nicht ohne Stolz.

Vor zehn Jahren veröffentlichte der Wissenschaftler, der Mathematik und Elektrotechnik studiert hat, seine Dissertation, die er bescheiden einen »Beitrag zu den Verfahren und der Qualitätsbeurteilung für hochwertige Musikkodierung« überschrieb. Ihm war allerdings sehr früh klar: Entweder die Doktorarbeit verstaubt im Regal wie so viele andere - oder sie wird den Standard setzen.

Bis es so weit war, vergingen noch Jahre. Brandenburg und sein Team feilten beharrlich an der Technik der Datenkompression. Immer wieder spielten sie sich den Song »Tom's Diner« von Suzanne Vega vor; der A-cappella-Gesang verrät am besten den feinen Unterschied zwischen Wiedergabe von rauschender und berauschender Qualität.

1995 verglichen sie ihr Verfahren mit denen anderer Labors: »Wir waren verblüfft«, erinnert sich Brandenburg, »niemand war weiter als wir.« Von nun an ging es rasant voran. Die Erlanger stellten das Programm als »Shareware« ins Internet: Jeder, der sich registrieren ließ, konnte die Software von der Fraunhofer-Seite kostenlos herunterladen. In Windeseile sprach sich bis nach Amerika herum, welch wissenswerte Erfindung aus Erlangen kommt. Das Internet, damals gerade an der Schwelle zum Massenmedium, lieferte die ideale Infrastruktur, damit sich die neue Technik ausbreiten konnte. »Da konnten wir so richtig schön die Exponentialkurve beobachten«, schwärmt Brandenburg.

Damals wurde er gefragt, ob ihm bewusst sei, dass er gerade die Musikindustrie vernichte. »Wir zerstören sie nicht«, verteidigte Brandenburg seine Erfindung, »wir verändern sie.« Die Branche müsse nur die Chancen im digitalen Vertrieb erkennen.

Nach Faxgerät, Videorecorder und Autofokuskamera kommt mit MP3 nun wieder eine Entwicklung aus Deutschland, die ihren kommerziellen Siegeszug im Ausland beginnt, vor allem in den USA. Das Unternehmertum sei dort eben »in der Seele fest verankert«, sagt Brandenburg. Außerdem seien die Colleges schon lange bis in die Wohnheime am Netz; kein Wunder, dass von dort die ersten Gründer mit MP3 durchgestartet sind.

An den Erlangern aber fließen die Geldströme vorbei. Zwar bekommt das Institut von den gewerblichen Nutzern Lizenzgebühren aus den Patenten. Doch das reicht gerade dazu, die Budgets der Audiolabore inzwischen auszugleichen. »Reich geworden sind wir nicht«, räumt Brandenburg ein. Er selbst besitzt nicht mal eine Aktie einer MP3-Firma.

Bestätigung erfährt der Wissenschaftler woanders. Zum Beispiel wenn er von der Audio Engineering Society ausgezeichnet wird für eine Pionierleistung wie die von Thomas Edison. Oder wenn sich auf MP3-Konferenzen in Los Angeles oder Florenz die Menschen um ihn scharen wie um einen Propheten, was ihm eher peinlich ist. Oder wenn ihn, wie jetzt geschehen, die Technische Universität Ilmenau als C4-Professor verpflichten will.

Eigentlich aber genügt es ihm, morgens den Rechner anzustellen und jeden Tag neue MP3-Web-Seiten zu entdecken: »Das ist ein gutes Gefühl.« ALEXANDER JUNG

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