Armut als Massenmarkt "Die globale Wirtschaft ignoriert fünf Milliarden Konsumenten"

Westliche Konzerne vernachlässigen einen Milliarden-Markt. Sie machen in Ländern wie China und Indien nur Geschäfte mit den Reichen - dabei müssten sie die Armen als Kunden umwerben, sagt Globalisierungs-Vordenker C. K. Prahalad im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Das helfe am Ende allen.


SPIEGEL ONLINE: Hunderte Millionen Inder und Chinesen hungern - die Spitzen beider Länder feiern ihr rasantes Wachstum. Erst vergangene Woche haben sie ein Handelsabkommen beschlossen. Wie kann es sein, dass die einfachen Menschen nicht von dem Aufschwung profitieren?

Prahalad: Es geht nicht um ein chinesisches oder indisches Problem, sondern um ein weltweites. Die globale Wirtschaft ignoriert rund fünf Milliarden Menschen, die auf ihrem Radar einfach nicht auftauchen. 80 Prozent der Weltbevölkerung werden einfach nicht als Kunden wahrgenommen. Sogar sogenannte globale Unternehmen begehen diesen Fehler. Denn auch diese Menschen wollen konsumieren, von Globalisierung und Wachstum profitieren. Auch sie streben nach einem besseren Lebensstandard. Es ist ein Irrtum, dass Arme nichts kaufen können.

Indischer Bauer auf der Weide: "Die Frage ist, ob auch Arme Produkte wie Shampoo, Seife, Lebensmittel und Bekleidung konsumieren können"
AFP

Indischer Bauer auf der Weide: "Die Frage ist, ob auch Arme Produkte wie Shampoo, Seife, Lebensmittel und Bekleidung konsumieren können"

SPIEGEL ONLINE: Die private Wirtschaft könnte dieses Problem lösen und damit sogar Geld verdienen, sagen Sie - wieso hat der Markt das nicht längst so eingerichtet?

Prahalad: Es tut sich schon einiges. Ich bin überzeugt, dass das klappen kann. Wenn fünf Milliarden Menschen bereit sind, Produkte für den täglichen Bedarf zu einem angemessenen Preis zu kaufen, dann gibt es ungeahnte Möglichkeiten für Unternehmen. Sie müssten nur entsprechende Produkte anbieten. So würden sie sich neue Märkte erschließen und dem Wachstum der Weltwirtschaft einen enormen Schub geben...

SPIEGEL ONLINE: ...in Ihrem Buch "Der Reichtum der Dritten Welt" fordern Sie sogar, die Ärmsten der Armen, die höchstens zwei Dollar am Tag zum Leben haben, als regelrechten Wachstumsmotor zu begreifen. Dieser Bruch mit den gängigen Vorstellungen hat Ihnen Kritik eingebracht: Die Armen würden durch ein solches Umdenken zur leichten Beute für Konzerne.

Prahalad: Wer das behauptet, der nimmt eine höchst elitäre Position ein. Es geht nicht um Ausbeutung oder Ausnutzung. Es geht um die Frage, ob auch arme Menschen Produkte wie Shampoo, Seife, Lebensmittel und Bekleidung kaufen und konsumieren können oder nicht. Ob sie sich qualitativ gute Produkte leisten können oder nicht. Sie können frei entscheiden, ob sie etwas kaufen oder nicht - so wie wir ja auch. Manche Unternehmen haben das erkannt. Shampoo wird in Indien zu 70 Prozent in Einmalverpackungen verkauft: kleine Portionen, die sich auch Menschen mit wenig Geld leisten können. Das Gleiche gilt für Ketchup, Tee, Kaffee, Aspirin. Arme Menschen konsumieren anders. Sie kaufen immer nur so viel, wie sie gerade brauchen, weil sie sich Vorratsmengen nicht leisten können. Allmählich verstehen das Hersteller von Konsumgütern.

SPIEGEL ONLINE: Die Ärmsten der Armen als Kunden von reichen Großkonzernen - Ihre Kritiker lehnen das ab.

Prahalad: Ich kenne solche Äußerungen, aber was ist die Alternative? Dass die Armen weiter in ihren Hütten leben, kein Shampoo benutzen, keinen Kaffee trinken, sich keine Medikamente leisten können? Wollen die Kritiker das sagen? Sie werden der Sache damit nicht gerecht.

SPIEGEL ONLINE: In Industrieländern wächst da die Furcht, dass noch mehr Arbeit in Länder wie China und Indien abwandert, wenn die Nachfrage nach billigen Produkten steigt.

Prahalad: Diese Wanderbewegung haben wir schon, und zwar nicht nur bei der Arbeitskraft - es gibt auch einen wachsenden Wellness- und Gesundheitstourismus. Amerikaner oder Europäer fliegen zu Operationen nach Indien, bekommen eine erstklassige medizinische Behandlung und lassen es sich dann ein paar Tage in einem Luxushotel gut gehen. Das kostet zwei Drittel weniger als zu Hause. In den USA zahlen Krankenversicherungen Patienten bei einer Operation in Indien sogar Prämien - weil sie bis zu 60.000 Dollar sparen. Außerdem: Warum soll man einen herkömmlichen DVD-Player für 200 Dollar kaufen, wenn man die gleiche Qualität aus China für 30 Dollar bekommt? Die Welt verändert sich.

SPIEGEL ONLINE: Die Ökonomie der Armen ist in diesem Jahr besonders populär geworden durch Muhammad Yunus, der gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat...

Prahalad: ...ein sehr prominentes Beispiel. Die Grameen Bank in Bangladesh, die er gegründet hat, will armen Menschen mit Mikrokrediten fairen Zugang zu Kapital zu ermöglichen - vor allem Frauen. Sehen Sie, was er geschafft hat! Selbst Frauen im islamisch geprägten Bangladesh können selbstständig für ihre Existenz sorgen. Die Bank ist hoch profitabel, ihr Zinssatz mag hoch sein, ist aber viel niedriger als bei Wucher-Geldverleihern.

SPIEGEL ONLINE: Ist solch ein Erfolg ein Einzelfall?

Prahalad: Ein anderes Beispiel ist der Mobilfunkmarkt. Bis 2010 werden drei Milliarden Menschen ein Handy haben. Allein in Indien kommen jeden Monat fünf Millionen neue Nutzer hinzu - fünf Millionen im Monat! Auch in Südafrika, Lateinamerika, überall in Asien wächst die Zahl der Handybesitzer. Das sind keineswegs nur Wohlhabende. Die Telekom-Branche hat erkannt, dass ein riesiges Wachstumspotential entsteht, wenn man die Armen mit einbezieht. Sie bieten günstige Tarife mit Prepaid-Karten. In vielen Ländern kann man mittlerweile Handys mieten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auf jede Branche übertragbar?

Prahalad: Wir müssen akzeptieren, dass auch die armen Menschen Kunden sind, die hochwertige Produkte wollen, sei es ein Bankkonto für wenige Dollar oder ein modernes Elektrogerät. Wir müssen den enormen Markt erkennen, auf dem sich reales Geld verdienen lässt. Arme Menschen sind unglaublich verantwortungsbewusst - man lässt ihnen nur keine Chance, Verantwortung zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Das mag ja in Indien und in China funktionieren - aber anderswo?

Prahalad: Es funktioniert auch in Brasilien, Russland, Südafrika, vielen Ländern. Wahrscheinlich nicht in der Krisenprovinz Darfur im Sudan. Aber in Darfur funktioniert nichts. Es ist dort schwierig, wo grundlegende Infrastruktur fehlt. Aber mehr als drei Milliarden Menschen leben in Regionen, in denen es das gibt - und außerdem Gesetze und Regeln. Wieso sollte man dort nicht versuchen, neue Wege der Armutsbekämpfung zu beschreiten?

SPIEGEL ONLINE: Was müssen Unternehmen beachten?

Prahalad: Unabhängig von der Branche: Die Firmen sollten die Menschen nicht als Besitzlose sehen, sondern als Konsumenten - als Mikrokonsumenten. Sie sollten ihr Mitleid ablegen. Natürlich sind zwei Dollar am Tag für westliche Maßstäbe wenig. Aber in Indien leben die Menschen in Großfamilien: Fünf Leute mit je zwei Dollar am Tag machen 300 Dollar im Monat, 3600 Dollar im Jahr. Das ist dort viel Geld. Davon kann man sich einen Kühlschrank, Fernseher, viele Konsumgüter für den Alltag leisten.

SPIEGEL ONLINE: Sobald aber jemand erkrankt oder Lebensmittel teurer werden, ist es zum Überleben zu wenig.

Prahalad: Trotzdem muss man anfangen, diesen Menschen für ihr Geld etwas zu bieten. Stellen Sie sich vor, aus den jetzt zwei Dollar pro Tag werden vier Dollar. Das ist immer noch wenig für westliche Verhältnisse - aber eine Zunahme um hundert Prozent. So etwas wäre ein enormer Fortschritt für diese Menschen, es wäre ein Wachstum, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

SPIEGEL ONLINE: Doch selbst bei vier Dollar am Tag wird es lange dauern, bis man auf ein Auto gespart hat.

Prahalad: Den Fehler, so zu denken, machen viele. Wir denken über Autos nach - nicht über Mobilität. Nicht jeder Mensch braucht ein eigenes Auto. Aber jeder will Mobilität. Wir brauchen öffentlichen Verkehr und private Taxi-Services. Wer fährt in westlichen Großstädten wie London und New York noch Auto?

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von klassischer Entwicklungshilfe? Nobelpreisträger Yunus sieht sie kritisch.

Prahalad: Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass Entwicklungshilfe dort nötig ist, wo es an allem fehlt: in Flüchtlingsregionen oder Krisenländern wie Ruanda, Somalia, Malawi und Angola. Entwicklungshilfe verhilft dort kurzfristig zu einer Lebensgrundlage und zu Infrastruktur. Aber langfristig ist sie kein Ersatz für eine autarke Wirtschaft, in der Geld verdient und investiert wird.

Das Interview führte Hasnain Kazim.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.