Vor drei Jahren ist Mojgan Ansary mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Die Ansarys sind arm. Und Mojgan soll unbedingt die Chancen ergreifen, die dieses Land ihm bietet.

Alle Namen von der Redaktion geändert.

Mojgan Ansary passt auf. Er macht einen großen Schritt über seinen kleinen Bruder, vorsichtig und still. Morgens um halb sieben, Mojgans Mutter kümmert sich um seine schwerbehinderte Schwester, sein Vater bindet den Töchtern die Schuhe.

Mojgan stellt keine Fragen, weiß, was zu tun ist, packt seine Schultasche. Er reicht seinem Vater die Hand, es sieht aus wie eine Verabschiedung zwischen Erwachsenen. Dann geht er vor und wartet an der Haustür auf seine Schwestern, Zahra, 6, und Amina, 9. Um 6.58 Uhr kommt der Bus.

Vor drei Jahren ist die Familie Ansary aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Heute lebt sie in einer Vierzimmerwohnung im Norden Hamburgs.

Mojgan ist 15 Jahre alt und das älteste Kind. Und eines von fast drei Millionen Kindern, die in Deutschland von Armut betroffen oder bedroht sind. Überdurchschnittlich häufig sind das Kinder mit Migrationshintergrund, insbesondere jene, die zuletzt eingewandert sind. Oder die in einer Familie mit mehr als drei Kindern leben. Auf Mojgan trifft beides zu.

Fast eine Stunde sind Mojgan und seine Schwestern morgens unterwegs. Sie fahren Bus, Bahn, gehen zu Fuß und wenn sie eine Straße überqueren, greifen Zahra und Amina nach seiner Hand. Ihr Bruder ist da.

Um 7.45 Uhr verabschiedet Mojgan seine beiden Schwestern vor deren Schule. Er murmelt ihnen ein "Tschüs" hinterher, die beiden verschwinden durch das Tor. Mojgan lächelt. Er hat die erste Aufgabe des Tages erfüllt. Ab jetzt ist er nicht mehr der große Bruder, sondern Mojgan, Schüler der 8T, Lieblingsfächer Sport und Englisch. An der Straßenecke wartet ein Kumpel: "Na, was geht?"

Mojgans Vater, Bejan Ansary, 36, ist ein groß gewachsener Mann mit feinen Händen, der bedächtig spricht. Nach zwei Jahren Deutschunterricht sucht er nur selten nach Worten, wenn er von seiner Vergangenheit erzählt.

Bis 2007 habe er in Kandahar als Dolmetscher gearbeitet. Ein gut bezahlter, aber gefährlicher Job. Die Taliban hätten mehrere seiner Kollegen getötet, auch ihn bedroht. Er habe seinen Job aufgegeben, an verschiedenen Orten gelebt, teils getrennt von seiner Familie. Im Oktober 2015 hätten sie das Land in Richtung Deutschland verlassen. Die Ersparnisse aufgebraucht: "Wir kamen mit leeren Händen."

Wer in Deutschland Asyl beantragt, erhält eine Unterkunft, Sachleistungen und Geld. Die Leistungen sind gerade hoch genug, um den alltäglichen Bedarf zu decken.

Obwohl Ansary von den Drohungen der Taliban berichtet, lehnen die Behörden seinen Asylantrag ab. Weil eine seiner Töchter schwerbehindert ist, darf die Familie trotzdem bleiben. Fast drei Jahre wohnen sie in einem umgebauten Bürogebäude: drei Zimmer für sechs, nach der Geburt des jüngsten Sohnes für sieben Menschen.

Im August 2018 zieht die Familie in eine neu gebaute Wohnanlage. Sie leben nun deutlich besser als viele andere Flüchtlinge, haben doppelt so viel Platz wie vorher. Dennoch teilen sich die drei Schwestern ein Zimmer. Rechtlich ist auch das eine Flüchtlingsunterkunft. Die Ansarys sind deshalb verpflichtet, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Denn in wenigen Jahren soll ihre Unterkunft eine normale Sozialwohnung sein. Die Ansarys leben in einer Übergangslösung.

Die Familie hat Glück gehabt. Sie hätten die Wohnung wegen ihrer schwerbehinderten Tochter bekommen, sagt Bejan Ansary. "Ich kann den Ärger von Deutschen verstehen, die so eine Wohnung nicht haben. Aber wir sind auch Menschen und sollten gleich behandelt werden."

Weil die Ansarys länger als 15 Monate in Deutschland leben, haben sie Anspruch auf Sozialhilfe. Knapp 2200 Euro bekommen sie jeden Monat überwiesen, genauso viel wie eine deutsche Familie. Weil die Mutter zu Hause bleibt, um ihre schwerbehinderte Tochter zu pflegen, erhält die Familie zusätzlich etwa 900 Euro Pflegegeld.

Bejan Ansary ist Deutschland dankbar für die Hilfe. Aber er will selber Geld verdienen. Sein Deutsch ist inzwischen gut genug, seit einigen Wochen verschickt er Bewerbungen, für Ausbildungsplätze, für Bürojobs. Seine Frau, eine Analphabetin, besucht einen Deutschkurs.

Ansary weiß: Er wird in Deutschland nicht den gleichen Status erreichen wie zuvor in Afghanistan. "Ich habe meine Chance verpasst", sagt er. "Aber ich werde alles dafür tun, dass mein Sohn ein besseres Leben hat."

Die Hoffnung auf ein besseres Leben, für Mojgan ist sie Pflicht.

In der großen Pause steht Mojgan mit seinen Freunden vor dem Lehrerzimmer. Die Clique besucht eine Hamburger Stadtteilschule. Bomberjacken, Adidas, Trainingshosen, Nike, Bartflaum. Sie rempeln ihn an, freundschaftlich, was machst du. Mojgan sagt nicht viel, ist ruhiger als die anderen und steht doch im Mittelpunkt. Nicht weil er ein Alphatier ist, sondern einfach etwas reifer, zugänglich.

Nachher dann Mathe, eigentlich nicht so seins, aber Mojgan will Abitur machen und später Bauingenieur werden. Er sagt das, als sei er sich da sehr sicher. Ein Onkel von ihm macht das, und Mojgan hat gehört, dass man da viel Geld verdienen kann.

Als Bauingenieur muss man genau sein. Jana Webewald, seine Lehrerin, erzählt, wie Mojgan letzte Woche die Überschrift eines Plakates gestaltet hat, akribischer als alle anderen.

Mojgan ist ein akribischer Schüler, beliebt in der Klasse. Seine Lieblingsfächer sind Englisch und Sport. Einmal in der Woche bietet seine Schule Förderunterricht an, nach Bedarf. Dann hat Mojgan Deutschstunden.

"Er ist sehr höflich und sorgfältig", sagt sie. "Mojgan passt auf und macht die Hausaufgaben öfter als andere Schüler." Webewald ist aufgefallen, dass er dann die Bestätigung für seine Arbeiten suche. Nicht wie ein Streber. Sondern wie jemand, der sich wirklich ins Zeug legt, wie jemand, der gut sein will, jemand, den Lob anspornt.

Gerade ist es bei den Achtklässlern lustig, Reißzwecken auf Stühle zu legen, auf die sich Schüler setzen. Frau Webewald sagt, Mojgan bleibe ruhig, wenn es ihn erwische, er raste nicht aus, so wie die anderen Jungs. Er versuche fast immer, einen Witz draus zu machen.

Er sei ein Spaßvogel, aber kein Klassenclown. "Wenn er sich Gedanken machen sollte über irgendetwas, das ihn belastet, versteckt er es sehr gut", sagt sie.

Nach der Schule, am Nachmittag, Mojgan hat seine Schwestern von der Schule geholt, sitzen die Geschwister auf einer Decke im Wohnzimmer und essen Hühnchen. Einen Esstisch hat die Familie noch nicht. Der Vater beobachtet seine Kinder, der Kleinste spielt mit einer Pommes, die Schwestern schauen gebannt auf den Fernseher. Lieblingsprogramm der Ansarys: Bollywoodfilme.

Gemeinsam im Kino war die Familie noch nie. Zu teuer. Auch Urlaub kommt nicht infrage. Für Klassenausflüge muss der Vater Anträge einreichen, um das Geld vom Sozialamt zu bekommen. Mojgan kennt den Zettel.

"Viele Kinder und wenig Geld zu haben, ist ein Problem", sagt der Vater. Er kann seinen Kindern nicht alle Wünsche erfüllen. Und ihnen das nicht immer erklären. Trotzdem bemüht er sich darum, dass das Leben der Kinder so normal wie möglich verläuft. Wenn die Kinder auf einem Geburtstag eingeladen sind, haben sie immer ein Geschenk dabei.

Auch Mojgan merkt, dass das Geld knapp ist, jeden Abend. Dann legt er sich auf die Matratze auf dem Boden, sein Bett halbfertig daneben. Der Rahmen für 100 Euro ist schon aufgebaut. Ein Lattenrost fehlt. 40 Euro würde der kosten. Im vergangenen Monat konnte sich die Familie das nicht mehr leisten.

Nach dem Essen hat Mojgan wieder ein paar Minuten für sich. Er tippt auf sein Smartphone, macht Hausaufgaben für den nächsten Tag. An den Wochenenden trifft er sich mit seinen Freunden. Sie chillen dann im Shoppingcenter, zocken bei jemandem Fifa 19 auf der Playstation.

Mojgan kann sich nicht so viel leisten wie die anderen Jungs. Er hat keine Casio-Uhr, keine Air Max von Nike, seine Sneaker sind ein No-Name-Produkt. Wenn man ihn darauf anspricht, sagt er: "Bei uns in der Schule ist alles normal. Was man anhat, was man für ein Handy hat, ist ziemlich egal." Wenn man ihn aber fragt, was er mit 50 Euro machen würde, grinst er und sagt, dass er in einen Adidas- oder Nike-Store gehen würde, sich eine Jogginghose kaufen. Die, die alle tragen.

Mojgan Ansarys wertvollster Gegenstand Auf die Frage, was sein wertvollster Gegenstand sei, antwortet Mojgan mehrmals: "Meine Familie." Wenn man ihn fragt, was er aus einem brennenden Haus retten würde, sagt er wieder: "Meine Familie." Und wenn die sicher sei? "Meine Kleidung, zuerst die Fußballschuhe."

Mojgan bekommt Taschengeld, das reicht für McDonald's, ein-, zweimal im Monat, vielleicht noch eine Hose oder ein T-Shirt bei H&M. Für ein Paar Sneakers reicht es nicht. Alles andere kauft ihm sein Vater bei Aldi, bei Kik. Vor einigen Wochen hat er ihm aber eine weiße Adidas-Trainingsjacke gekauft.

Am Abend packt Mojgan seine Fußballschuhe in den Sportbeutel, zieht den Trainingsanzug an, darunter das hellblaue Trikot von Manchester City. Das Training beginnt um 18.30 Uhr.

"In Afghanistan war es gefährlich, rauszugehen und einfach Fußball zu spielen", sagt er. "In Deutschland kann jeder Fußball spielen, wenn er will." Für ihn ist das eine große Sache.

Mojgan hat gerade den Verein gewechselt, ist jetzt neu in der Mannschaft. Die Mitgliedschaft ist für ihn kostenlos, weil sein Vater einen Bescheid vom Sozialamt vorgelegt hat. Dienstags und donnerstags schnürt er seine grünen Schuhe und schaltet auf dem Fußballplatz den Kopf aus, zumindest ein bisschen. Er spielt in der Abwehr, hinten links, und passt auf, dass keine gefährlichen Bälle vors Tor kommen.

Seine Fußballschuhe scheinen im Flutlicht, wenn er über den Rasen rennt. Mojgan hat zwei Paar. Das eine hat ihm sein Vater geschenkt. Das andere eine Flüchtlingshelferin.