Arzneimittel-Report Westdeutsche Ärzte verordnen mehr Medikamente

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt wird nicht müde, darauf hinzuweisen. Und der heute vorgelegte Arzneimittelbericht gibt ihr Recht: Patienten und Krankenkassen werden durch teure, aber unnötige Medikamente mit Milliardenkosten belastet.


Arzneimittel: Entwicklungskosten keine unbeeinflussbare Gottesgabe
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Arzneimittel: Entwicklungskosten keine unbeeinflussbare Gottesgabe

Berlin - Nach dem Arzneimittelreport, der seit fünf Jahren von der Gmünder Ersatzkasse (GEK) herausgegeben wird, nehmen rund vier Prozent der Versicherten 50 Prozent aller Arzneimittelausgaben in Anspruch. Bei den durchschnittlichen Ausgaben des Jahres 2004 liegen bei der GEK die männlichen und weiblichen Versicherten praktisch gleichauf mit je 284,45 Euro beziehungsweise 284,93 Euro. Die Untersuchungen hätten aber ein regional unterschiedliches Verschreibeverhalten der Ärzte ergeben, sagte Glaeske. So werde im Westen des Landes weit mehr verordnet als im Osten.

Als einer der Autoren sagte der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske, die Ausgaben für Arzneimittel seien 2004 um über fünf Prozent zum Vorjahr gesunken. Dennoch seien 30 Prozent der verschriebenen Mittel "unnötige und teure Analogpräparate, also neue und patentgeschützte Mittel, die vor allem teuer sind, aber keinen therapeutischen Zusatznutzen aufweisen". Es müssten verstärkt billigere, aber wirkstoffgleiche Medikamente (Generika) genutzt werden.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte: "Drei Milliarden Euro werden für Arzneimittel ausgegeben, die den Patienten nicht besser helfen als preisgünstigere". Sie forderte Ärzte, Apotheker und Kassen auf, die Verschwendung durch überteuerte, aber nicht wirkungsvollere Präparate einzudämmen. Diese müssten im Rahmen der Selbstverwaltung endlich ihre Hausaufgaben machen und den gesetzlichen Spielraum für eine preisgünstige und dennoch sichere Therapie nutzen. Die Entwicklung der Ausgaben für Arzneimittel sei keine unbeeinflussbare Gottesgabe.

Die Pharmabranche wies die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie sprach von alten Vorwürfen. Deutschland habe weltweit den höchsten Verbrauch an Generika. Diese günstigen Nachahmerprodukte würden wesentlich zur Kostensenkung beitragen. "Außerdem hat die Pharmaindustrie in großen Teilen zu den bisherigen Einsparungen im Gesundheitssystem beigetragen", sagte der Sprecher. Zwangsrabatt und Festbeträge hätten 2004 mehr als 2,5 Milliarden Euro in die Kassen des Gesundheitssystems gespült. Nach Angaben des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller führen so genannte Analogpräparate zu erheblichen Einsparungen für Krankenkassen. Aber nur, wenn es gleiche Marktchancen mit Erstpräparaten gebe.

Erst am Wochenende hatten das Ministerium und Kassen über ein drohendes Milliarden-Defizit in der Gesetzlichen Krankenversicherung auf Grund steigender Arzneikosten gestritten. Während die Kassen 2005 ein Minus von vier Milliarden Euro befürchten und höhere Beiträge ankündigten, geht die Bundesregierung von einem Überschuss aus. Der Anteil der Arzneimittelkosten an den Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung von 140 Milliarden Euro beträgt rund 17 Prozent.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen, Eberhard Wille, erwartet zwar ein Defizit der Krankenkassen in diesem Jahr bei aber dennoch stabilen Beitragssätzen. Das Minus werde geringer ausfallen als die von einigen Kassen prognostizierten vier Milliarden Euro, sagte Wille dem "Tagesspiegel".



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