Arzneimittelkosten Kassen greifen Ärzte und Apotheker an

Rasant steigende Arzneimittelausgaben bringen Krankenkassenvertreter auf die Barrikaden: Ärzte verschrieben überteuerte Präparate, Apotheker stellten den Kassen geschenkte Medikamente in Rechnung, so die Vorwürfe. Hoffnungen auf Beitragsenkungen rücken in weite Ferne.


Ausgaben für Medikamente: Neue Präparate ohne therapeutischen Fortschritt
DDP

Ausgaben für Medikamente: Neue Präparate ohne therapeutischen Fortschritt

Hamburg - In diesem Jahr steigen die Kosten für Medikamente voraussichtlich um 19 Prozent auf etwa 25 Milliarden Euro, teilte der Bundesverband der Betirebskrankenkassen (BKK) heute mit. Die Versicherer hatten bisher nur mit einem Plus von 5,8 Prozent gerechnet. Die Verantwortung für die Kostenexplosion trügen vor allem Ärzte und Apotheker, resümierte Verbandschef Wolfgang Schmeinck.

Sicherlich sei auch die Senkung des Herstellerrabatts mit verantwortlich, sagte Schmeinck - seit Anfang dieses Jahres müssen Pharmafirmen den Krankenkassen nur noch einen Preisnachlass von sechs statt wie bisher 16 Prozent einräumen. Doch auch die Menge der verschriebenen Medikamente sei um acht Prozent gestiegen, kritisierte der BKK-Chef. Zudem würden zu oft neue und teure Präparate verordnet, die keinen therapeutischen Fortschritt brächten. Die Mediziner seien nun in der Pflicht: "Die Ärzte haben mit dem Rezeptblock maßgeblich den Schlüssel zu den Arzneimittelausgaben in der Hand."

Harsche Kritik übte Schmeinck auch an der Praxis der Naturalrabatte, die viele Pharmafirmen Apothekern einräumten. Die Gratispackungen stellten die Pharmazeuten den Kassen oft zum vollen Preis in Rechnung. Die Kassen hätten keine Gelegenheit, die Einkaufskonditionen nachzuprüfen.

Ärzte: "Gesellschaft wird älter und kränker"

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Deutsche Apothekerverband (DAV) zeigten sich empört über die Vorwürfe. "Die billigste Therapie ist nicht immer auch die wirtschaftlichste", sagte KBV-Sprecher Roland Stahl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Schließlich verspreche nur eine optimale Behandlung auch langfristige Heilung. Die Gesellschaft werde außerdem immer älter, Krebs und psychische Erkrankungen verbreiteten sich immer mehr.

Arzt bei der Beratung: "Mediziner haben den Schlüssel in der Hand"
DPA

Arzt bei der Beratung: "Mediziner haben den Schlüssel in der Hand"

Mit einem achtprozentigen Anstieg der verschriebenen Medikamente liege Deutschland außerdem unter dem europäischen Durchschnitt. "In vielen Ländern steigt die Menge jährlich um zehn Prozent oder mehr." Außerdem habe sich in diesem Jahr die Zahl der behandelten Patienten stabilisiert, nachdem im letzten Jahr die neu eingeführte Praxisgebühr zunächst viele Kranke von einem Arztbesuch abgehalten hatte. Auch dieser Umstand erkläre den gestiegenen Arzneimittelverbrauch.

Apotheker: "Kassen sollen Vorwürfe beweisen"

"Ihre Vorwürfe sollen die Kassen erst einmal beweisen", sagte auch Annette Rogalla, Sprecherin des DAV, zu SPIEGEL ONLINE. Pharmafirmen gewährten Apothekern jährlich insgesamt Rabatte von 450 Millionen Euro. Diese Zahlen stelle der Verband auch dem Gesundheitsministerium zur Verfügung. Den Vorwurf, Apotheker verkauften Gratispackungen der Pharmafirmen zum normalen Preis weiter, wies die Sprecherin zurück. "Diesen Missbrauch kennen wir nicht."

Pharmafirmen haben Forderungen nach neuen Zwangsrabatten abgelehnt. Da die Ausgaben für Arzneimittel nur etwa 15 Prozent der Krankenkassenaufwendungen ausmachten, sei der Glaube der Kassen unverständlich, "dass mit einem Druck auf Arzneimittelpreise und Verordnungen das nicht nur finanziell kranke Gesundheitssystem therapiert werden kann".

Beitragsenkungen nicht in Sicht

Neben den Arzneimittelausgaben machen auch die aus dem Ruder laufenden Krankenhauskosten den Krankenkassen Sorgen. Hier rechnet die BKK mit einer Planüberschreitung von 1,1 Milliarden Euro. Die Ersparnissen bei Krankengeld und Zahnersatz sowie das niedrige Zinsniveaus glichen die höheren Kosten jedoch wieder aus.

Mit Beitragsenkungen ist in nächster Zeit wohl kaum zu rechnen. Das jetzige Niveau werde wohl "in das nächste Jahr hineinreichen", sagte Verbands-Chef Schmeinck.

Anne Seith



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