Aubis-Prozess Hauptangeklagter muss sich erneut untersuchen lassen

Ein Gutachter hatte ihm wegen seines Gesundheitszustands Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt, obwohl Christian Neuling, seine Fitness beim Berliner Marathonlauf unter Beweis gestellt hatte. Jetzt muss der Ex-Chef der Skandalfirma Aubis ein neues Attest vorlegen.


Berlin - Bereits Ende April war der 63-Jährige nach einer Krankschreibung aus einem Prozess ausgeschieden. Neuling und sein ehemaliger Geschäftspartner Klaus-Hermann Wienhold hatten seit März 2004 wegen Betrugs vor Gericht gestanden. Die beiden ehemaligen Geschäftsführer der Immobilienfirma Aubis waren angeklagt, einen Millionenschwindel zu Lasten der landeseigenen Bank BerlinHyp eingefädelt zu haben.

Marathonläufer Neuling (li): Schwere narzisstische Krise
DPA/ Actionphoto Europe

Marathonläufer Neuling (li): Schwere narzisstische Krise

Der prozessunfähige Neuling hatte im September am Berlin-Marathon teilgenommen. Der Läufer mit der Startnummer 8854 wurde erkannt - ausgerechnet von einem Staatsanwalt. Neulings Anwalt argumentierte anschließend, dass die Ärzte seinem Mandanten zum Laufen geraten hätten. Das Gericht beantragte daraufhin eine erneute Gesundheitsprüfung. Doch auch das neue Gutachten bescheinigte Neuling "Selbstmordgefahr, eine depressive Störung und eine schwere narzisstischen Krise".

Es ist bereits das zweite Mal, dass der Psychiater Neuling vor einem Prozess bewahrt. Das Verfahren wegen Betruges gegenüber der Bankgesellschafts-Tochter Berlin Hyp war auf Grund seines Gutachtens nach zwei Jahren geplatzt. Deshalb hegten die Ermittler den Verdacht, dass der Mediziner befangen sein könnte.

In seinem nunmehr vierten Prozess wird Neuling und vier weiteren Angeklagten vorgeworfen, im Zusammenhang mit der Überführung von Plattenbauten in einen Immobilienfonds Steuern in Millionenhöhe hinterzogen zu haben. Bei der Prozesseröffnung vor der 26. Großen Strafkammer des Landgerichts fehlte Neuling wieder aus gesundheitlichen Gründen. Die Staatsanwaltschaft war darauf jedoch vorbereitet: Sie warf dem Gutachter Befangenheit vor und forderte eine neue Bewertung. Zwar sei Neuling eine depressive Erkrankung bescheinigt worden. Insgesamt beschreibe das Gutachten Neulings Gesundheitszustand jedoch nicht differenziert genug, erklärte der Staatsanwalt.

Um Neuling doch noch vor Gericht zu bekommen, ordnete Richterin Karin Garz-Holzmann nun eine dritte Untersuchung an. Der neue Gutachter soll seine Beurteilung bis zum 15. Dezember vorlegen, der Prozess soll drei Tage später fortgesetzt werden.

Christian Neuling gilt als Schlüsselfigur des Berliner Bankenskandals. Als Manager der Immobilienfirma Aubis hatte er in den 90er Jahren tausende Plattenbauwohnungen gekauft. Dabei konnte er auf Millionenkredite der landeseigenen Bank BerlinHyp zurückgreifen. 2001 kam im Zusammenhang mit dem Berliner Parteispendenskandal heraus, dass sein CDU-Parteifreund Klaus Landowsky von Neulings Partner Wienhold Spenden erhalten und nicht verbucht hatte. Landowsky war auch Chef der BerlinHyp. Er ist derzeit in einem weiteren Prozess wegen Untreue angeklagt. In der Folge des Skandals zerbrach 2001 auch die große Koalition von CDU und SPD in Berlin.

mik/AP



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