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ÖLHANDEL Auf dem Schleichpfad

Ein Kaufmann aus der Heide beschuldigt den Staatskonzern Saarbergwerke, ihn um ein paar Millionen Provision für ein internationales Ölgeschäft geprellt zu haben. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Peter Jungclaus, Inhaber einer kleinen Ölhandelsfirma in der Lüneburger Heide, schien das große Geschäft geschafft zu haben. Für Vermittler-Dienste bei einem geplanten Rohöleinkauf in Nigeria sollte der Händler aus dem Heidedorf Embsen von dem staatlichen Saarbrücker Energiekonzern Saarbergwerke mehrere Millionen Dollar Provision erhalten.

Doch aus den leichtverdienten Öldollar für den makelnden Mittelständler wurde nichts. Laut Liefervertrag vom November 1983 bezieht der Saar-Konzern, der in Völklingen eine kleine Raffinerie betreibt, zwar 30 000 Barrel Nigeria-Öl pro Tag; Jungclaus aber hat trotz einer Provisionsgarantie der Staatsgesellschaft keinen einzigen Cent Maklerlohn erhalten.

»Die betrügen mich«, beschuldigt der Heidjer die Saar-Manager. »Wir haben ein reines Gewissen«, kontert Saarberg-Geschäftsführer Peter Schellewald.

Die Manager der bundes- und landeseigenen Saarbergwerke hatten die nun umstrittene Provision zugesagt, weil Jungclaus einen Schleichpfad wies, auf dem die Saarberg-Beschaffer besonders billig an Öl aus Nigeria heranzukommen hofften. Dieser Weg ins westafrikanische Opec-Land führte über Tunis.

Dort machte Jungclaus-Sohn Gunnar im August 1982 den Saarberg-Öleinkäufer Hans Zimmermann mit einem Mann bekannt, der angeblich beste nigerianische Kontakte hatte: mit dem tunesischen Kaufmann Chedly Azaiez. Der versprach, den Saarländern zu einem Rabatt von 12,5 Prozent des offiziellen Preises beim Ölkauf in Lagos zu verhelfen.

Ende September 1982 schlossen Saarberg und Azaiez ein »Dienstleistungs-Abkommen«. Darin verpflichtete sich der deutsche Staatskonzern für den Fall des Erfolgs in Nigeria, eine »Service-Gebühr« von einem Dollar je Barrel Öl an den tunesischen Vermittler zu zahlen.

Wenige Tage später versprach Saarberg auch dem Kontakter Jungclaus schriftlich eine Provision von 0,65 Dollar pro Barrel. Davon sollte dieser jedoch nur 0,25 Dollar für sich selbst behalten. Weitere 0,25 Dollar waren zusätzlich für Azaiez bestimmt. Den Rest der Provision sollten sich schließlich Tahar Ben Redjeb, Gouverneur von Tunis, und ein Azaiez-Helfer teilen.

Bei der von Saarberg angepeilten Menge - 30 000 Barrel täglich für einen Lieferzeitraum von zwei Jahren - hätte Jungclaus knapp 5,5 Millionen Dollar Provision kassiert. Mehr als zehnmal so hoch wäre allerdings der Vorteil des Billig-Einkaufs für den saarländischen Energiekonzern gewesen: Durch den in Aussicht gestellten Netto-Rabatt von 2,66 Dollar je Barrel hätte das Unternehmen in zwei Jahren über 58 Millionen Dollar gegenüber einem Einkauf zum amtlichen Nigeria-Preis gespart.

Doch die von Azaiez in die Wege geleiteten Verhandlungen kamen nicht so flott voran wie erhofft. Hadschi Suleman Takuma, Generalsekretär der damaligen nigerianischen Regierungspartei, versicherte dem nach Lagos gereisten Saar-Unterhändler Zimmermann Anfang November 1982 zwar: »Der Rabatt wird dasein.« Aber ohne schriftliche Bestätigung des Preisabschlags durch die staatliche Nigerian National Petroleum Corp. (NNPC) mochte Zimmermann keinen Liefervertrag unterschreiben.

In einer weiteren Verhandlungsrunde Mitte November erklärten die Nigerianer plötzlich, ein direkter Rabatt werde nicht gewährt. Aber die übliche Zahlungsfrist von 30 Tagen könne von der NNPC um 90 Tage verlängert werden.

Für Saarberg hätte dieser längere Lieferantenkredit einen geldwerten Vorteil von 1,05 Dollar je Barrel Öl gebracht. 50 Prozent davon sollte der Staatskonzern im Erfolgsfall an die Einfädler des Geschäfts ausschütten.

Schließlich blieben jedoch auch die Verhandlungen über das großzügigere Zahlungsziel im nigerianischen Kompetenz-Gestrüpp von Regierungspolitikern, Parteigrößen und Staatsmanagern stecken. Zimmermann kehrte unverrichteter Dinge aus Lagos heim.

Jungclaus, bis dahin von Saarberg stets über den Stand der Verhandlungen unterrichtet, hörte fortan nichts mehr aus Saarbrücken. Die Tunis-Connection des Energiekonzerns war jedoch keineswegs gekappt.

In einem Fernschreiben vom März 1983 an Azaiez erklärte Saarberg zwar, das deutsch-tunesische Dienstleistungs-Abkommen sei erloschen. Aber im Mai

1983 flog Saarbergs Zimmermann zu erneuten Vertragsverhandlungen nach Lagos, wie auch vorher schon auf Kosten des Tunesiers. Den ein halbes Jahr später geschlossenen Ölvertrag schafften die Saarländer ihrer Darstellung nach allerdings ohne Makler-Hilfe. Die von Jungclaus hergestellte Geschäftsverbindung via Tunis, behauptete Schellewald später, habe »sich eher negativ auf unser Ansehen bei der NNPC ausgewirkt«.

Der einstige Saarberg-Helfer Jungclaus hatte zunächst nichts von dem Geschäftsabschluß in Lagos erfahren. Erst ein Vierteljahr später tauchte in der Heide ein Abgesandter des Gouverneurs von Tunis auf, der den ausgebooteten Makler über die Verhandlungen zwischen Saarbrücken, Tunis und Lagos seit dem November 1982 informierte.

Dem Gouverneur Tahar war verdächtig vorgekommen, daß sein nicht sonderlich begüterter Landsmann Azaiez plötzlich auf sehr viel größerem Fuße lebte. Der hohe Beamte argwöhnte, Azaiez habe von Saarberg Provisionen erhalten und den Anteil für ihn, Tahar, unterschlagen.

Um sich Klarheit zu verschaffen, setzte der Tunis-Chef seine Polizei in Marsch. Die beschlagnahmte im Büro von Azaiez sämtliche Unterlagen über den Telex-Verkehr zwischen Tunis und Saarbrücken im Jahre 1983.

Den erhofften Beweis, daß Azaiez bei Saarberg kassiert habe, fand der Gouverneur zwar nicht. Aber er fühlte sich nun von dem deutschen Staatskonzern um seinen Provisionsanteil geprellt und alarmierte den ahnungslosen Jungclaus.

Der fragte in Saarbrücken an, wie es denn um die Provision für das Nigeria-Geschäft bestellt sei. Er erhielt den Bescheid, die über Tunis eingeleiteten Verhandlungen seien »spätestens im November 1982 endgültig gescheitert«. Daß Öleinkäufer Zimmermann noch im Mai 1983 auf Kosten von Azaiez nach Lagos geflogen war, fand Saarberg nicht erwähnenswert.

Auf einen weiteren Jungclaus-Vorstoß reagierte der Konzern, der seine Raffinerie wegen schlechter Geschäfte einmotten lassen will, mit einem zusätzlichen Argument. Dem Händler stehe auch deswegen keine Provision zu, so Saarberg, weil der »festgelegte Rabatt nicht erzielt werden« konnte.

Um die Rechtslage zu klären, möchte Jungclaus die Saarländer vor ein schweizerisches Schiedsgericht zitieren. Für den Streitfall war ein solches Verfahren vereinbart worden.

Doch auch da sind die Saarländer anderer Meinung. Sie bestreiten, daß eine gültige Schiedsvereinbarung vorliegt, und wollen nur vor einem ordentlichen deutschen Gericht erscheinen.

Die Saar-Manager verlassen sich offenbar darauf, daß dem 71jährigen Jungclaus die finanziellen Mittel für einen langjährigen Rechtsstreit fehlen.

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