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ARBEITSLOSE Auf oder ab

Alles Herumdeuteln an den Zahlen hilft nichts: Die gute Konjunktur hat kaum Arbeitsplätze gebracht. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Es schien für alle Beteiligten reine Routine: Heinrich Franke, Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, verkündete übers Fernsehen seine neuesten Zahlen. Sogleich deutete in Bonn Arbeitsminister Norbert Blüm das Rechenwerk: Am Arbeitsmarkt gehe es weiter aufwärts - mehr Beschäftigte und weniger Arbeitslose.

Für die Sozialdemokraten las diesmal die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Anke Fuchs im Nürnberger Kaffeesatz. Sie kam, bei gleichen Zahlen, zu einem ganz anderen Ergebnis als Blüm und Franke: »Die konjunkturelle Erholung hat keinerlei Entlastung für den Arbeitsmarkt gebracht.«

Der Streit darüber, ob der nun schon vier Jahre dauernde stetige Konjunkturaufschwung auch den Arbeitslosen nützt, ist alt. Rechtzeitig vor der Wahl möchte Bundeskanzler Helmut Kohl nun endlich garantiert wissen, daß nicht Monat für Monat an den Arbeitsmarkt-Zahlen herumgedeutelt wird: Die Regierung will beweisen, daß die hohe Arbeitslosigkeit - neuerdings elegant als »Unterbeschäftigung« kaschiert - nur durch wirtschaftliches Wachstum abzubauen sei.

Die jüngsten Zahlen aus Nürnberg allerdings stützen diese These trotz aller Blümschen Interpretationskünste nicht. Wenn die Zahl der Arbeitslosen in einem Jahr um 89567 auf 2131828 zurückging, hat das mit der Konjunktur gar nichts zu tun.

Es war nicht die prosperierende Wirtschaft, die fast 90000 Arbeitslose weggeschafft hat. Gut 14000 sind zusätzlich in staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen untergebracht, mehr als 34000 bilden sich mit öffentlicher Hilfe weiter und nehmen an beruflichen Förderkursen teil. Schließlich hat der Arbeitsminister

42200 Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind, durch einen Trick aus der Statistik gezaubert. Sie sind zwar noch arbeitslos. Weil sie aber ohnehin nicht mehr vermittelt werden können, brauchen sie sich seit Januar 1986 nicht mehr beim Arbeitsamt bereit zu halten und werden einfach nicht mitgezählt.

Es ist Blüm kaum vorzuwerfen, daß er die Mittel der Arbeitslosenversicherung nutzt, um das Heer der Stellungsuchenden zu verkleinern. Doch seine Zahlen belegen nur den Erfolg staatlicher Eingriffe, die von der Regierung ansonsten wenig geschätzt werden.

Seit Monaten setzen Unionspolitiker von Kanzler Kohl bis zu CDU-Wirtschaftssprecher Matthias Wissmann immer neue Ziffern in die Welt, die belegen sollen, wie sehr die Zahl der Beschäftigten unter Kohls Regentschaft dank der von Bonn angekurbelten Konjunktur gestiegen sei. Sie reichen von 300000 neuen Arbeitsplätzen bis zu 780000.

Warum diese Stellenflut die Arbeitslosigkeit nicht minderte, ist für die Bonner leicht beantwortet. Vor allem Jugendliche und Frauen, die vorher nicht gearbeitet hätten und deshalb auch nicht als Arbeitslose registriert worden seien, hätten die neuen Jobs übernommen.

Um die Stellen-Propaganda abzusichern, veranlaßte Blüm, daß zugleich mit der monatlichen Arbeitslosenziffer künftig auch eine seriöse aktuelle Zahl der Beschäftigten veröffentlicht wird. Monatelang arbeiteten Statistisches Bundesamt und die Bundesanstalt für Arbeit an einem Verfahren, diese Zahl einigermaßen zuverlässig zu schätzen.

In der vergangenen Woche war endlich Premiere. Franke gab bekannt, im Juni 1986 seien, Selbständige inklusive, 25780000 Menschen beschäftigt gewesen, 284000 mehr als im gleichen Monat des Vorjahres. Blüm: »Nicht allein die Zahl der Arbeitslosen, sondern die Zahl der Arbeitsplätze sagt uns also, ob wir uns am Arbeitsmarkt aufwärts oder abwärts bewegen.«

Blüms Staatssekretär Wolfgang Vogt rechnete weiter zurück: Von 1984 bis Juni 1986 sei die Zahl der Beschäftigten um rund 500000 gestiegen. »Der Arbeitsmarkt«, so Vogt, »ist im Aufwind.«

Die Zahlen stimmen. Einen Beweis für das wirtschaftspolitische Credo der Bundesregierung, Wirtschaftswachstum bringe zwangsläufig die ersehnten Arbeitsplätze, liefern jedoch auch die neuen Ziffern nicht - ganz im Gegenteil.

Seit 1983 wächst die bundesdeutsche Wirtschaft wieder. Jährlich werden im Schnitt 2,3 Prozent mehr Güter produziert und Dienstleistungen erbracht.

Doch das Arbeitsvolumen, also die Zahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden, sank von 1983 bis 1985 um 350 Millionen. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der Erwerbstätigen um rund 200000.

Diese Zahlen lassen nur eine Deutung zu: Die abnehmende Arbeitsmenge wurde auf mehr Arbeitnehmer verteilt. Es gibt nicht mehr Beschäftigte, weil wegen des Wachstums zusätzliche Arbeitnehmer gebraucht worden wären, sondern weil die Verkürzung der Wochenarbeitszeit und die Aufteilung von Vollzeitarbeitsplätzen in Halbtagsjobs mehr Kräfte erforderten, als der technische Fortschritt entbehrlich machte.

Die hart umstrittene kürzere Arbeitszeit stellt sich als der entscheidende Faktor heraus. Würden die Arbeitnehmer noch genauso lange arbeiten wie bei Kohls Amtsantritt, dann gäbe es trotz vierjährigen Wachstums heute nicht mehr, sondern weniger Beschäftigte.

Richtig ist, daß in Wachstumsbranchen wie der Elektro- oder der Autoindustrie neue Stellen geschaffen wurden. Aber dafür sind in siechen Sektoren wie Bau oder Werften weit mehr verlorengegangen. Die Forderung der IG Metall nach kürzerer Arbeitszeit, vom Kanzler als »dumm und töricht« abqualifiziert, verhilft der Regierung jetzt zu einem freundlicheren Bild am Arbeitsmarkt.

Allzugern möchte die Regierung wenigstens bis zum Wahltag mit Zahlenspielereien die Illusion aufrechterhalten, die Koalition habe die Mittel und den Willen, in der nächsten Legislaturperiode die Arbeitslosigkeit gründlich abzubauen. Doch die zuständigen Minister haben sich längst mit einer Arbeitslosenziffer von über zwei Millionen bis in die 90er Jahre abgefunden. Für 1987 rechnen ihre Experten intern mit einem Schnitt von 2,11 Millionen.

Ein wenig Entlastung kann Kohl eigentlich nur von der verketzerten IG Metall erwarten: Die Gewerkschafter wollen sich im nächsten Jahr für eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit stark machen. So wie die Zahlen aussehen kann kein Kanzler so dumm und töricht sein, sich dagegen zu wehren.

[Grafiktext]

WENIGER ARBEIT TROTZ WACHSTUM Arbeitsvolumen geleistete Arbeitsstunden jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent Bruttosozialprodukt (real) Veränderung jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent

[GrafiktextEnde]

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