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Handel Auf Teufel komm raus

Mit aufwendigen Recherchen will das Kartellamt beweisen, daß Metro die Asko nicht übernehmen darf.
aus DER SPIEGEL 43/1992

Das Kartellamt machte Druck. »Spätestens innerhalb von 14 Tagen«, so erfuhr Arnt Klöser, Deutschland-Chef der Spielwarenkette Toys 'R' Us, sollte er genaue Angaben über Umsätze, Verkaufsflächen und Standortplanung machen.

Die eilige Ermittlung, so war Klöser bald klar, zielt nicht gegen seine Firma. Sie gilt vielmehr einem weitaus größeren Handelsunternehmen auf bundesdeutschem Boden - der Metro.

Die Berliner Wettbewerbshüter argwöhnen, daß es dem Wettbewerb im Handel nicht gut bekäme, wenn die Metro wie geplant eine Mehrheit am Saarbrücker Asko-Konzern erwirbt. Die Verbindung zwischen der Metro, die bereits an Handelshäusern wie Kaufhof, Horten, Huma oder Massa beteiligt ist, und dem sechstgrößten Filialisten Asko ist den Wettbewerbsexperten in Berlin suspekt (siehe Grafik Seite 160).

Kommt die Asko hinzu, liegt der Gesamtumsatz der Metro weltweit bei 80 Milliarden Mark. In der Rangliste deutscher Unternehmen stünde sie auf Platz zwei, gleich hinter dem Daimler-Konzern.

Die Metro-Pläne bestätigen einmal mehr, daß die Konzentration im Einzelhandel längst nicht abgeschlossen ist. Wettbewerbsexperten befürchten eine Welle von Nachfolgefusionen. Am Ende des Prozesses blieben letztlich nur wenige Giganten übrig. Sie bestimmten dann die Preise, zu Lasten der Konsumenten.

Ob das Kartellamt diesen Trend aufhalten kann, ist nicht sicher. In ihrem bislang aufwendigsten Ermittlungsverfahren prüft die Wettbewerbsbehörde, wie die Übernahme der Asko untersagt werden kann. Rund 850 Briefe wurden an Konkurrenten der Metro und Asko mit der Aufforderung verschickt, Einzelheiten über die Wettbewerbssituation mitzuteilen.

Die 9. Beschlußabteilung des Kartellamts unter Leitung von Horst Nölkensmeier untersucht in rund 150 Einkaufsgebieten, ob die Metro und ihr verbundene Firmen dort marktbeherrschende Positionen innehaben. Trifft das in den meisten Regionen zu und werden die Standorte durch die Asko-Läden verstärkt, muß die Metro mit einem Veto rechnen.

Schon unter Kartellamtspräsident Wolfgang Kartte war die bedrohliche Konzentration im Einzelhandel ein immer wieder mit Besorgnis diskutiertes Thema. Karttes Nachfolger Dieter Wolf will nun »mit harten Bandagen« vorgehen.

Der neue Präsident weiß selbst am besten, wie wenig harte Bandagen allein nutzen. Er war es, der als Ministerialrat im Bonner Wirtschaftsministerium die laschen Bestimmungen bei Handelsfusionen im Kartellgesetz formulierte. Eine Zusammenballung von Macht ist in der Industrie leichter zu verbieten als im Handel.

Untersucht das Kartellamt eine geplante Fusion, kann es sich im Handel nicht auf die Umsätze beschränken. Die Wettbewerbshüter müssen Marktmacht in einzelnen Regionen, bei gleichen Warengruppen oder bei bestimmten Vertriebsformen, zum Beispiel Baumärkten, nachweisen.

Mehrmals fiel das Kartellamt mit seinen Entscheidungen gegen Handelszusammenschlüsse bei den Gerichten durch. Ungestört konnten Tengelmann, Rewe, oder Asko ihr Reich vergrößern. Die Zahl mittelgroßer Handelsfirmen ging dramatisch zurück.

Mit dem Zugriff der Metro auf Asko kommt nun auch das große Fressen unter den Riesen selbst in Gang. Hochrechnungen der ersten Ergebnisse ihrer Fragebogenaktion bestärken die Kartellbeamten in ihrem Anfangsverdacht. Auf der Metro-Landkarte gibt es, wenn Asko dazugehört, keine weißen Flecken mehr.

Die Metro ist an 2000 Standorten in Westdeutschland und in 250 Orten im Osten vertreten. Beim Vertrieb über Cash & Carry-Großmärkte ist der Verbund nahezu konkurrenzlos. Bei den SB-Warenhäusern, wo das meiste Geld gemacht wird, ist er in vielen Regionen marktbeherrschend.

Das vom schweizerischen Steuerparadies Zug aus gesteuerte Metro-Imperium gleicht einem einzigartigen Superkartell. Warenhäuser und Großhandelsmärkte gehören dazu, Discounter und Versandhändler, Bau- und Möbelmärkte, Selbstbedienungsläden, Fachmärkte für Computer, Bücher, Schuhe und Unterhaltungselektronik.

Chefmanager Erwin Conradi und sein Freund Friedel Neuber, Vorstandsvorsitzender der Westdeutschen Landesbank (WestLB), scheinen mit diesem gewaltigen Handelskoloß noch nicht am Ende ihrer Herrschaftsphantasien angelangt zu sein. Sie wollen gleichzeitig Europas größte Freizeit- und Touristik-Gruppe mit Beteiligungen an Fluggesellschaften und Reisebüroketten zusammenfügen.

Conradi hat es, nicht zuletzt mit Hilfe des Landesbankiers, oft geschafft, das Kartellamt auszutricksen. Über raffinierte Beteiligungsgeflechte sicherte er seine Zukäufe, etwa im Falle Horten, gegen Einsprüche der Berliner Behörde ab. Insider sind überzeugt, daß Metro und die WestLB ihre Strategien absprechen. Wenn von 1994 an in Europa die EG-Behörde auch für solche Fusionen zuständig ist, wird die Metro die bei der Bank geparkten Beteiligungen, zum Beispiel den Touristik-Giganten TUI/LTU, übernehmen. Brüssel zeigt sich bei Fusionen großzügig.

Beinahe seit der Gründung im Jahre 1963 liegt die Metro im Streit mit dem Bundeskartellamt. Sechs Jahre lang versuchten die Beamten die Richter zu überzeugen, daß Conradi den zweitgrößten Warenhaus-Konzern Kaufhof nicht übernehmen darf. Das Amt unterlag.

In dieser Zeit, klagt Conradi, sei der Metro rund eine halbe Milliarde Mark verlorengegangen. Konkurrenten hätten »auf Teufel komm raus« expandiert, während sich die Metro wie eine »lahme Ente« verhalten mußte.

Das sehen Konkurrenten und Hersteller anders. Der Vorsprung der Metro, meint Rewe-Chef Hans Reischl, selbst Herr über 8000 Lebensmittelläden, »ist praktisch nicht mehr aufzuholen«.

Walter Deuss, Vorstandsvorsitzender von Karstadt, mahnt: »Irgendwo hört's auf.« Ihn stört vor allem die »nicht mehr überschaubare Größe«, weil »der gesamte Komplex nicht in einer einheitlichen Bilanz« dargelegt werde.

Hersteller bekommen die gebündelte Handelsmacht bereits zu spüren. Einkäufer von Metro und Asko treten derzeit in den sogenannnten Jahresgesprächen gegenüber den Lieferanten selbstbewußter denn je auf und handeln zusätzliche Rabatte aus.

Es könnte noch schlimmer kommen, Conradi hat die nächste Attacke bereits vorbereitet: Die Metro, so meinen Kenner der Branche, will bei dem größten französischen Handelskonzern Carrefour einsteigen.

Den Coup scheint Conradi mit der für ihn typischen Schlitzohrigkeit einzufädeln. Sein designierter Nachfolger, der Franzose Daniel Bernard, verließ kürzlich die Metro. Der Handelsmanager übernahm den Chefposten bei Carrefour.

Die Metro bedauere Bernards Weggang außerordentlich, ließ Conradi verlauten. Mit Verständnis und Lob verabschiedete Conradi seinen Spitzenmann.

Und das sind neue Töne im Metro-Imperium: Bisher wurde allen ausscheidenden Managern Unfähigkeit nachgesagt.

[Grafiktext]

_160_ Beteiligungen der Metro-Gruppe

[GrafiktextEnde]

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