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ALTERNATIVE Aufgeklärtes Geld

Die Alternativszene will eine eigene Bank gründen - ein schwieriges Vorhaben. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Die alte Mühle mit dem buntbemalten Giebel steht mitten in der Landschaft. Der Weg zum Eingang führt über Bauschutt und durch verwildertes Gebüsch. Niemand würde auf die Idee kommen, daß in dem verwitterten Gemäuer eine Bankgründung vorbereitet wird.

Doch hier, in der Krebsmühle bei Oberursel, residieren die »Freunde und Förderer der Ökobank e.V.« - jener Verein, der an der Gründung eines ökologisch orientierten Kreditinstituts arbeitet.

Eigene Handwerksbetriebe, eigene Läden und Serviceunternehmen hat die bundesdeutsche Alternativszene schon längst. Ihr Geld aber müssen die Systemabweichler noch immer auf ganz gewöhnliche Banken und Sparkassen schleppen; und um Kredite müssen die Alternativen bei ebensolchen Instituten bitten. Keine Frage, eine eigene Bank muß her.

Die Ökobank, so schwebt es den Vereinsgenossen vor, soll das Geld der Szene sowie ihrer Sympathisanten sammeln und in den Dienst der Sache stellen: für die Förderung ökologischer Projekte und selbstverwalteter Betriebe.

»Die Kohlen«, so werben die Ökobanker, seien »lange genug schwarz gewesen«. Das »aufgeklärte Geld« müsse »endlich eine politische Heimat« kriegen.

Die Idee zu der Bankgründung wurde im heißen Herbst des Jahres 1983 reif. Einige Nachdenkliche in der Friedensbewegung waren damals auf einen Widerspruch gestoßen: Während sie gegen die Aufstellung der »Pershings« demonstrierten, arbeitete ihr Geld auf den Konten der etablierten Banken. Die finanzierten das, so die Überlegung der Raketengegner, was sie politisch bekämpften.

Die Anführer der Friedensbewegung riefen zu einem Boykott der Rüstungsfinanzierung auf: Die Gegner der Raketen-Stationierung sollten massenweise ihre Spargelder abheben und so den bundesdeutschen Kapitalmarkt durcheinanderbringen. Und da, wiederum, fehlte eine eigene Bank, auf der die Spargelder deponiert werden konnten.

Im vergangenen Frühjahr war es dann soweit. Der arbeitslose Lehrer Lothar Witte, ein Typ aus der Frankfurter Ökoszene, gründete den Ökobank-Verein und begann mit der Arbeit am Geschäftskonzept. In dieser Woche soll es den Vereinsmitgliedern vorgestellt werden.

Die grüne Bank soll als Genossenschaft betrieben werden. Und sie soll sich zunächst auf das Geschäft mit Spareinlagen und Krediten konzentrieren.

Die Ökobanker wollen auf Spargeld, das bei ihnen lagert, marktübliche Zinsen zahlen; wobei sie davon ausgehen, daß eine Reihe von Sparern auf einen Teil ihrer Zinsen verzichtet. Im Gegenzug sollen an förderungswürdige Projekte zinsgünstige Kredite vergeben werden.

Die Alternativ-Banker begannen sogleich, das erforderliche Eigenkapital einzusammeln. Bis zum März 1987 soll die Mindestsumme von sechs Millionen Mark zusammen sein. Die Ökobanker sammeln die Millionen durch Ausgabe von Geschäftsanteilen (Mindestanteil: 100 Mark) ein.

Doch das erweist sich als Schwerarbeit: Das Geld fließt zäher als erwartet. Bis zum Juli dieses Jahres waren 2,3 Millionen Mark auf dem Treuhandkonto eingegangen. Zu Beginn der Sammelaktion kamen pro Woche etwa 50000 Mark herein. Jetzt fließen nur noch 25000 bis 30000 Mark im Wochenschnitt.

Ungewiß ist, ob sechs Millionen Mark Eigenkapital überhaupt reichen. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen ließ die Ökobanker wissen, daß sie »wesentlich« mehr Kapital benötigten, wenn die Bank nicht nur im Frankfurter Raum, sondern bundesweit arbeiten werde. Genau das aber haben die Turnschuh-Banker vor.

Mit sechs Millionen kämen die alternativen Geldmanager nur dann hin, wenn die Ökobank einem Einlagensicherungsfonds angehört. Ist das nicht der Fall, wird die Genehmigungsbehörde zum Schutz der Sparer ein höheres Eigenkapital verlangen.

Die Ökobanker bemühten sich daher, Mitglied im Sicherungsfonds des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken zu werden. Doch die Altgenossen weigern sich, die modernen Nachfahren der Genossenschaftsbewegung in ihre Reihen aufzunehmen.

Sie teilten den Ökobankern mit, es erschiene ihnen »nicht sachgerecht«, die Alternativbank in der Rechtsform einer Genossenschaft zu betreiben. Die genossenschaftlichen Kreditinstitute hätten die Aufgabe, den gewerblichen und ländlichen Mittelstand zu fördern. Das sei unvereinbar mit dem Einsatz für »völlig andere, unter anderem auch politische Ziele«.

Der SPD-Abgeordnete und ehemalige Hamburger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose, selbst Anteilszeichner der Ökobank, fühlte sich durch den ablehnenden Bescheid »persönlich getroffen«. Es zeige sich hier, so Klose, »die bekannte deutsche Intoleranz, die eines der bittersten Probleme unserer politischen und gesellschaftlichen (Un-)Kultur ist«.

Die Ökobanker wollen sich mit dem Bescheid der Volksbanken nicht abfinden. Sie glauben, daß sie einen Rechtsanspruch auf Aufnahme in den Genossenschaftsverband haben. Notfalls wollen sie sich den Zutritt vor Gericht erzwingen.

Selbst wenn sie dabei obsiegen würden - Probleme gibt es dann immer noch genug zu knacken. Da ist beispielsweise die Diskrepanz zwischen dem hohen Anspruch der Alternativbanker einerseits und den gesetzlichen Bestimmungen andererseits. Das Bundesaufsichtsamt schreibt eine strenge innerbetriebliche Hierarchie vor. Die Bank muß von zwei hauptamtlichen Geschäftsführern geleitet werden. Die Ökobanker dagegen treten für das Prinzip der Selbstverwaltung ein.

Streit zeichnet sich ab über die Frage, wer mit den zinsgünstigen Krediten bedient werden soll. Die Frankfurter Fraktion um das Alternativzentrum Krebsmühle will vorrangig Betriebe mit sogenannter demokratischer Selbstverwaltung stützen. Andere dagegen halten vor allem ökologisch orientierte Produktionsverfahren für förderungswürdig.

Klar ist bisher nur, wer über die Kredite entscheiden soll. Die Ökobanker wollen in den Zentren der Alternativszene Kreditausschüsse gründen, die unter Aufsicht sogenannter Dezentralbankräte stehen. Das soll die Bank so richtig basisnah machen.

Bis es soweit ist, haben die Ökos ihr Startkapital erst mal als Termingeld festgelegt, auf einer ganz normalen Bank.

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