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BANKEN Aufpasser für Ludwig

Die Westdeutsche Landesbank des selbstbewußten Ludwig Poullain soll künftig unter schärfere Regierungskontrolle gestellt werden.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Er geht seinen Geschäften in London, New York und Hongkong nach, verhandelt mit dem US-Riesen David Rockefeller, Südafrikas Premier Balthazar Johannes Vorster und Pekings Nationalbank-Vorsteher Pu Ming.

Doch zu Hause im Nordrhein-Westfälischen hat Ludwig Poullain gegenüber Lokaigrößen wie dem Stadtdirektor von Wesel, dem Düsseldorfer Landwirtschaftsminister und dem Kreissparkassen-Chef von Geldern Rechenschaft abzulegen.

Mit dem Auseinanderklaffen zwischen weitläufigem Geld-Busineß und hausbackener Provinz-Aufsicht soll es bei der Westdeutschen Landesbank (West LB) demnächst ein Ende haben. In einer Art Handstreich wollen Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn und sein Finanzminister Friedrich Halstenberg den nach Deutscher und Dresdner Bank drittgrößten deutschen Geld-Konzern (Bilanzsumme: 75 Milliarden Mark) unter angemessene Kontrolle zwingen.

Schon zu Beginn des neuen Jahres sollen nach einem Beschluß der nordrhein-westfälischen SPD die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen, wie das Land Nordrhein-Westfalen und deren Sparkassen Drittel-Gesellschafter der Poullain-Bank, aus dem Groß-tnstitut hinausgedrängt werden. im künftigen Partner-Patt mit den Sparkassen aber werden die sozialliberalen Regenten von Rhein und Ruhr dann wesentlich leichteren Zugriff auf das expansive Geldhaus haben als bisher.

Der Anspruch auf die Kontrollhebel der Macht scheint den Politikern des Landes Nordrhein-Westfalen legitim

je stärker Ludwig Poullain seine vor neun Jahren aus den Girozentralen in Düsseldorf und Münster entstandene West LB zu einer weltweit operierenden Universalbank aufwertete, desto mehr.

Besonders seit dem Milliardendebakel bei der Hessischen Landesbank vor drei Jahren leiden die Landesteilhaber der West LB unter dem Trauma, die weit verzweigten In- und Auslands-Aktivitäten auch ihrer Staatsbank nicht mehr durchschauen zu können.

Zwei Poullain-Ausrutscher nämlich hatten die früheren Landesbank-Aufseher, neben dem damaligen Finanzminister Hans Wertz vor altem regionale Sparkassenvertreter, durchgehen lassen: Vor vier Jahren verspekulierte Poullains Auslands-Vorstand Helmut Lipfert bei riskanten Dollargeschäften rund 270 Millionen Mark. Vergangenes Jahr verloren die West-LB-Manager mit ihrem Engagement bei der sanierungsreifen Pariser Hotel- und Restaurant-Kette Jacques Bord weiteres Geld. Da galt es denn, so beschlossen die Politiker, dem Herrn Poullain auch einmal seine Grenzen zu zeigen.

Ausgerechnet bei einem risikolosen Routinegeschäft ließen Kühns Minister den allzu souverän regierenden Rankenboß nun auflaufen. Als vorletzte Woche im Verwaltungsrat unter dem Tagesordnungspunkt »Verschiedenes« der Kauf eines Bürohauses im Londoner Bankenviertel (Preis: 24 Millionen Mark) zur Debatte stand, beantragten die Kabinetts-Vertreter zunächst Fristaufschub, ließen die Eilvorlage schließlich aber bei Stimmenthaltung doch noch passieren.

Danach schworen sie Rache. Mit rheinischer Unbefangenheit forderten Kuhn und sein Finanz-Verwalter schon bei der nächsten Kabinettssitzung zusätzliche Prüfkompetenzen, damit »die Auslandsgeschäfte. .. jederzeit im wesentlichen überblickt und erforderlichenfalls begrenzt werden können«. Dabei übersahen sie, wie sensibel das Geldgewerbe auf leiseste Zweifel an der Kompetenz eines Bankenmanagements zu reagieren pflegt.

Schrill verlangte der auf solche Art herausgeforderte Großbankier Poullain nun von den Ministern Halstenberg und Riemer auf einer kurzfristig nach Münster einberufenen Krisensitzung Genugtuung. In einer gequälten Wiedergutmachungserklärung bekundete die Landesregierung lediglich, im »Auslandsengagement keine über das bankübliche Maß hinausgehenden Risiken« zu sehen.

Für Ludwig Poullain bedeutet das amtliche Bonitäts-Testat nicht mehr als eine wohlfeile Geste. Denn um mehr Mitbestimmungsrecht der Politiker auf die Bankführung dürfte der bislang ziemlich ungestört agierende Vorstandschef kaum noch herumkommen.

Nach dem Hinauswurf der Landschaftsverbände kann Landesvater Kühn nun statt bisher sechs gleich neun Sitze im Verwaltungsrat beanspruchen. Auf ihnen sollen neun Personen Platz nehmen, die mehr als ihre Vorgänger Einblick in die Geschäfte der Bank nehmen können.

Während bislang vorwiegend amtierende Minister und Staatssekretäre in die Aufsichtsgremien der Landesbanken einrückten, sollen es jetzt Parlamentarier und Industrieprofis tun. Einträchtig entsenden Koalition und Opposition nun ihre drei Landtags-Fraktionsführer in den mit 45 000 Mark Jahrestantieme bedachten Aufpasser-Job. CDU-Fraktions-Chef Heinrich Köppler: »Die Vertretung des Landes in der West LB ist längst verbesserungsfähig.«

Neben den Fraktionsvorsitzenden will Kühn noch vier prominente Manager in den West-LB-Rat einschleusen. Die restlichen beiden Plätze sollen dann den Herren der Exekutive offenstehen -- und zwar den unmittelbar zuständigen Ressort-Ministern Halstenberg (Finanzen) und Riemer (Wirtschaft).

Vor Kühn hatte schon Niedersachsen-Chef Ernst Albrecht dem Mangel an fachkundigen Aufsehern in seiner Staatsbank durch Anleihen aus der Industrie abgeholfen. Neben Niedersachsen-Finanzminister und Ex-Versicherungs-Makler Walther Leisler Kiep engagierte Albrecht den Conti-Gummi-Chef Carl H. Hahn, Preußag-Boß Günther Saßmannshausen, Karosserie-Bauer Wilhelm Karmann sowie Erhard Keltsch vom Stromproduzenten Preußenelektra als Aufpasser für die Norddeutsche Landesbank. Das Niedersachsen-Modell soll den Ludwig Poullain nun, wer auch immer in Düsseldorf regiert, zähmen.

Mit seinen Freunden aus dem Management im Verwaltungsrat allerdings braucht Bankier Poullain auch künftig Abstimmungsniederlagen nicht zu fürchten. In den drei wichtigsten Ausschüssen des Kontrollgremiums jedoch wird der bislang wenig gestörte Selfmade-Bankier auf mächtigere Landesbataillone stoßen.

In den beiden mit je zwölf Ratsmitgliedern besetzten Kredit-Ausschüssen, in denen die wichtigsten Millionen-Ausleihen genehmigt werden müssen, verfügen die Landesvertreter genau über die Hälfte der Sitze. Im fünfköpfigen Prüfungs-Ausschuß, der Beteiligungen, Devisen-Transaktionen und Auslands-Geschäfte begutachtet, werden Kühns Aufpasser erstmalig sogar in der Mehrheit sein.

Ihre neue Banken-Macht allerdings kommt die Düsseldorfer Sozialliberalen zunächst teuer zu stehen: Für den Auskauf der beiden Landschaftsverbände muß Finanzminister Halstenberg im Landesetat mehr als eine halbe Milliarde Mark lockermachen.

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